Rehhagel ist mit 70 für Neuerungen offen:
Nationalheld der Griechen wurde ein Realist

'Erfinder der kontrollierten Offensive' sehr erfolgreich In Griechenland nun mit erweitertem Betreuerstab

Rehhagel ist mit 70 für Neuerungen offen:
Nationalheld der Griechen wurde ein Realist © Bild: EPA/Kuzmanovic

Der deutsche Trainer-Fuchs Otto Rehhagel feiert am Samstag seinen 70. Geburtstag. Dass der Teamchef Griechenlands auch in diesem Alter noch auf der Trainerbank Platz nimmt, hätte er selbst vor einigen Jahren noch kategorisch ausgeschlossen. "Mit 50 bist du als Fußball-Trainer reif für die Klapsmühle", lautete einer der vielen legendären Rehhagel-Sprüche. Antworten auf die Frage, wann er denn aufzuhören und jüngeren Kollegen Platz zu machen gedenke, weicht der Essener, dessen Vertrag als Nationalcoach von Griechenland erst kürzlich bis zur WM 2010 verlängert wurde, aus.

"Ich bin in der Seele ein Idealist. Ich habe aber in meinem Leben gelernt, ein Realist zu sein", sagte Rehhagel, der "demokratische Diktator" im Trainingsanzug, dazu erst kürzlich. Mit Aussagen wie "Modern spielt, wer gewinnt" oder "Ich schätze es, wenn Fußballer verheiratet sind, denn die eigene Frau ist das beste Trainingslager" hat der Fußball-Lehrer Rehhagel nicht nur einmal für ein Schmunzeln gesorgt.

Seine Kicker-Karriere zeitigte erst mit Verspätung Erfolge: Als beinharter Abwehrspieler bestritt der Rotschopf 201 Bundesliga-Spiele (22 Tore) für Hertha BSC und den 1. FC Kaiserslautern, Trophäen aber holte er erst als Coach: Mit Werder Bremen gewann der Erfinder der kontrollierten Offensive den Europacup der Cupsieger (1992) sowie je zwei Meisterschaften (1988/1993) und Pokalsiege (1991/1994). Teil seiner Bremer Erfolgstruppe war auch Österreichs Rekord-Teamspieler Andreas Herzog (1992-1995 und 1996-2001 in Bremen).

Kaiserslautern-Meistertitel 1998
Mit dem 1. FC Kaiserslautern holte Rehhagel als Aufsteiger den Meistertitel 1998. Der DFB-Pokalsieg 1980 mit Fortuna Düsseldorf als erster Trainer-Coup steht für ihn ebenso zu Buche wie die bis heute höchste Niederlage der Liga-Geschichte: 0:12 mit Borussia Dortmund bei Borussia Mönchengladbach (Saison 1977/78).

Seit dem September 2001 ist er in Griechenland, wo er spätestens seit dem sensationellen Gewinn des Europameistertitels 2004 als "Rehakles" vergöttert wird. Daran hat sich auch nach der "Entthronung" bei der EURO 2008, die für den Titelverteidiger nach drei bitteren Pleiten schon nach der Vorrunde beendet war, nicht viel geändert. Nun aber muss er im Land der Hellenen den sportlichen Neuaufbau vorantreiben. Verbandschef Vassilis Gagatsis, einer seiner größten Fürsprecher, ließ nach erster leiser Kritik an der extrem defensiven Spielweise keine Zweifel daran, dass der gelernte Maler der richtige Mann fürs Grobe dieser Aufgabe sei. "Wir haben Bilanz gezogen: Er bleibt!" betonte der EPO-Präsident und verlängerte den Trainer-Vertrag bis zur WM 2010 in Südafrika.

Bei Griechen einen Stein im Brett
Die Griechen haben den "Oldie" seit dem EM-Sieg in Portugal ins Herz geschlossen. Jeder im Land weiß: Ein solcher Triumph wird wohl einmalig bleiben. Entsprechend wurde der Deutsche 2004 gefeiert und als erster Ausländer "Grieche des Jahres", Welt-Nationaltrainer sowie Ehrenbürger Athens. Nach der verpatzten EM 2008 bewies Rehhagel ("Wir haben nicht gesagt, dass wir ganz Europa schwindlig spielen"), der sich bis dato stets als alleinige Autorität gesehen hatte, dass er auch im hohen Traineralter offenbar für Neuerungen offen ist.

Künftig wird er mit einem im modernen Fußball üblichen erweiterten Stab mit Co- und Torwart-Coach, einem Manager und Spionen zur Gegner-Beobachtung kooperieren - weiterhin mit ihm als Chef natürlich. Beim Umbruch steht seinen Schützlingen viel Arbeit und Schweiß bevor. Denn auch dies ist eine Maxime des mit dem Verdienstkreuz 1. Klasse des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichneten Trainers: "Mit Sprüchen wurde noch nie ein Fußballspiel gewonnen."
(apa/red)