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"Mutter zu sein ist nichts für mich"

Psychologin schildert zwei Fälle von Frauen in Österreich, die bereuen, Mutter zu sein

Weinendes Kind © Bild: Thinkstock/Stockbyte/Comstock

Eine Mutter, die es bereut, ihr Kind bekommen zu haben, statt es als ihr größtes Glück zu empfinden. Das gilt als eines der letzten Tabus in unserer Gesellschaft. Dennoch wird dieses Thema derzeit in sozialen Netzwerken intensiv diskutiert. Auslöser ist die Studie "Regretting Motherhood" (dt. "Mutterschaft bereuen") der Soziologin Orna Donath von der Ben-Gurion-Universität in Israel. Sie sprach mit 23 Frauen, die auf die Frage, ob sie noch einmal Mutter werden würden, wenn sie die Zeit zurückdrehen könnten, mit "Nein" antworteten.

In Österreich ist der gesellschaftliche Druck, Kinder zu bekommen, zwar weniger groß als in Israel. Frauen, die ihre Mutterschaft bereuen, gibt es aber auch hier, sagt die Psychologin Daniela Renn und schildert den Fall einer Patientin. "Sie hat sich das Muttersein anders vorgestellt. Nicht so zeitkonsumierend, 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, mindestens 18 Jahre lang verantwortlich zu sein." Wie die meisten betroffenen Frauen verschwieg sie ihrem Umfeld ihre Gefühle.

"Angst, als Rabenmutter angesehen zu werden"

„Sie traut sich nicht, mit ihrem Partner, Freunden oder Bekannten darüber zu sprechen, weil sie sich das Kind vorher so sehr gewünscht hat. Die Scham- und Schuldgefühle sind sehr stark“, sagt Daniela Renn. Die Angst, als Rabenmutter angesehen zu werden, die ihr Kind nicht liebt, ist groß. „Aber es wird nicht das Kind abgelehnt, sondern die Mutterrolle. Das ist ein wichtiger Unterschied“, betont Daniela Renn. „Sie liebt ihr Kind, aber tut sich schwer, weil sie sehr überfordert ist.“ Mit Hilfe von psychologischer Behandlung versucht sie zu lernen, mit ihren Gefühlen umzugehen, damit sie ihrem Kind trotz Reue gerecht werden kann.

»Es wird nicht das Kind abgelehnt, sondern die Mutterrolle. «

Nur wenige der betroffenen Mütter ziehen solche Konsequenzen wie jene dreifache Mutter, von der die Erziehungsberaterin Sandra Teml-Jetter berichtet. „Sie hat immer gesagt: „Mutter zu sein ist nichts für mich.“ Ihr erstes Kind ist ihr passiert. Sie hatte andere Pläne für ihr Leben. Als ihr Jüngstes beinahe mit der Schule fertig war, hat sie ihre Koffer gepackt, ist weggezogen und hat beruflich noch einmal neu durchgestartet.“ Die Kinder sind beim Vater geblieben. Heute, Jahre später, haben sie ein gutes Verhältnis zu ihrer Mutter. „Für mich ist das auch eine Form, Verantwortung zu übernehmen: Dazu zu stehen, wie man sich fühlt. Sonst ist die Gefahr, dass man bleibt und sein Unglück auf die Kinder abwälzt.“

Darum bereuen die Frauen ihre Mutterschaft

Die Gründe für die bereuten Mutterschaft sind zum einen persönlicher, zum anderen gesellschaftlicher Natur. Sie haben falsche Erwartungen an das Muttersein, sind überfordert, Partnerschaftskonflikte bis zur Trennung treten auf. „Diese Frauen haben oft ein Idealbild von sich selbst oder von der Familie“, sagt Sandra Teml-Jetter. „Und an diesen Idealbildern scheitern sie.“ Aber auch die gesellschaftlichen Ansprüche setzen Frauen unter Druck. „Auf der einen Seite wird von uns Frauen erwartet, dass wir jederzeit fit und flexibel im Beruf sind. Auf der anderen Seite sollen wir die perfekte Mutter sein sein“, sagt Daniela Renn. „Dieser Spagat stellt für die meisten Frauen einen großen Stressfaktor dar.“

Die Expertinnen raten betroffenen Frauen, sich unbedingt jemandem anzuvertrauen. Sie sollten bereit sein zu reflektieren, sich der neuen Lebenssituation anzupassen. „Ich würde niemals eine Mutter kritisieren, die mit ihrer Situation überfordert ist“, sagt Sandra Teml-Jetter. „Aber dann muss der nächste Schritt kommen. Es reicht nicht zu sagen: Das taugt mir nicht. Ich muss lernen, mit der Realität umzugehen, einen Weg finden, das Leben so zu gestalten, dass es auch für mich wieder gut ist.“

Weiterführende Links:
Daniela Renn: psypraxis.org
Sandra Teml-Jetter: www.wertschaetzungszone.at

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