Rede & Antwort vor künftiger Belegschaft: ORF-Kandidaten bei Hearing am Prüfstand

Bewerber setzten auf Unabhängigkeit & Veränderung ORF-Chefin Lindner: "Habe Latte sehr hoch gelegt"

Sechs potenzielle ORF-Generaldirektoren sind am Mittwochabend ihrer künftigen Belegschaft im ORF-Zentrum am Wiener Küniglberg Rede und Antwort gestanden. "Offen gesagt" lautete das Motto für die Kandidaten zur ORF-Wahl: Ex-ntv-Geschäftsführer Helmut Brandstädter, ÖBB-Generalsekretärin Viktoria Kickinger, Ex-News-Chef Rudi Klausnitzer, Programmkoordinator Wolfgang Lorenz, der Favorit Alexander Wrabetz und schließlich die amtierende ORF-Chefin Monika Lindner. Moderiert wurde das vom Zentralbetriebsrat organisierte Hearing, das hausintern übertragen wurde, vom ehemaligen Informationsintendanten Rudolf Nagiller.

Für Veränderung an der ORF-Spitze sprach sich dabei ORF-Programmplaner Wolfgang Lorenz aus. "Es wird furchtbar, wenn sich nichts ändert. Ich werd's nicht mehr erleben, weil ich mich dann schleich", so Lorenz. Der bürgerliche Kandidat rechnete zunächst mit der bisherigen ORF-Führung unter Monika Lindner ab. Die Kommunikation im Haus sei "miserabel", das Teamwork funktioniere überhaupt nicht. "Man hat den Eindruck, der ORF ist ein Sanierungsfall wie eine elektronische Voest." Lorenz forderte einen neuen "Führungsstil". Die "am Boden liegende Unternehmenskultur" wolle er "neu aufpflanzen".

Lorenz: "Hauptinteresse gilt Programm"
Besonders hob Lorenz, der im Fall einer Wahl von Wrabetz mit dem Posten des Programmdirektors bedacht werden könnte, die Bedeutung des ORF-Programms hervor. "Mein Hauptinteresse gilt dem Programm. Das ist unser Existenzzweck. Hier hätte dafür das größte Talent vorzuweisen", sagte Lorenz. Ein neues Progammschema sei notwendig. Stärken will Lorenz etwa die politische, gesellschaftspolitische und historische Dokumentations-Schiene - ein "Herzstück öffentlich-rechtlichen Rundfunks".

Ex-NEWS-Chef Rudi Klausnitzer bekannte sich in seinem Statement zu Transparenz und Unabhängigkeit des ORF. Um dieses Anliegen zu unterstreichen, plant der Ex-News-Chef die Installierung eines "Unabhängigkeitsbeauftragten". Als weitere Anliegen nannte er die Verbesserung der externen und internen Kommunikation sowie die Verbesserung des Betriebsklimas, zu deren Sicherung eine regelmäßige externe Erhebung stattfinden soll. Weiters plant Klausnitzer eine hausinterne Entbürokratisierung, Expansion nach außen und Innovationen im Programmschema. Unter Klausnitzer könnte so zum Beispiel für den "Money-Maker", zumindest in seiner jetzigen Form, das letzte Stündlein geschlagen haben, denn hier ortete er eine menschenverachtende Komponente.

Kickinger-Interview nach 17 Minuten vorbei
Das Interview mit der Viktoria Kickinger nahm bereits nach 17 Minuten ein jähes Ende, obwohl ihr 35 Minuten zur Verfügung gestanden wären. Moderator Nagiller versuchte die entstandene Peinlichkeit zu umgehen und führte das zurückhaltende Mitarbeiterinteresse an Kickingers Konzept auf die "hervorragend-knappe Skizzierung ihrer Erfolgsrezepte für den ORF" zurück, die da lauten: "Mit Kraft und Freude für den ORF." Als erste Maßnahme würde eine Generaldirektorin Kickinger übrigens die ORF-Fußmatte im Eingangsbereich am Küniglberg entfernen, denn "niemand sollte den ORF mit Füßen treten".

Eröffnet wurde das Hearing mit Helmut Brandstätter, ein alter Hase im öffentlich-rechtlichen Sender. Brandstätter plauderte telegen-gelöst über die Aufpolierung der Marke ORF und das Bekenntnis zur Unabhängigkeit des staatlichen Medienriesen. Zehn Verbesserungspunkte hat sich der Medienmann für die ersten 100 Tage seiner Amtszeit vorgenommen, darunter einen Relaunch der "Zeit im Bild"-Sendungen oder die Einführung einer innenpolitischen Interview-Reihe nach dem Vorbild Kerner-Beckmann-Maischberger. Den Mitarbeitern versprach Brandstätter mehr interne Kommunikation. Der ex-ntv-Chef wurde zuletzt auch als Informationsdirektor ins Gespräch gebracht. Auf die Frage, ob er sich mit der "zweiten Reihe" zufrieden geben würde, antwortete er aber ausweichend: "You cross the bridge, when you come to it."

Lindner: "Latte sehr hoch gelegt"
ORF-Chefin Monika Lindner will für weitere fünf Jahre an der Spitze des ORF stehen und damit als erster ORF-Generaldirektor nach Gerd Bacher wiedergewählt werden. Sie habe sich damit die "Latte sehr hoch gelegt", wie sie im Hearing vor der ORF-Belegschaft erklärte. Denn: "Sie alle werden den Medien entnommen haben, welche Kräfte hier gegen mich auftreten", so Lindner.

Lindner möchte den ORF mit seiner gesamten Senderflotte zum einen "bewahren" und "Arbeitsplätze sichern", zum anderen möchte die ORF-Chefin "auch verändern". Mehr Flexibilität im Programmschema, die Überprüfung "in die Jahre gekommener Sendungen", Spartenkanäle und die Weiterführung des Online-Engagements stellte Lindner dabei in Aussicht. Auch die "Revision des Redakteursstatus" kündigte Lindner an. Wie die übrigen Bewerber legte sie ein Bekenntnis zum Standort Küniglberg ab.

Die ORF-Chefin gestand Klima-Probleme in der Vergangenheit ein. "Es wäre unrealistisch zu sagen, es ist alles wunderbar. Natürlich ist es das nicht." Die interne Kommunikation müsse verbessert werden. "Der Weg in den 6. Stock ist weit", meinte Lindner in Anspielung auf den Bürositz der ORF-Führung. Den "Weg zu den Chefitäten" wolle sie jedenfalls verkürzen. "Wenn der Eindruck entstanden sein sollte, dass ich mich langweile, dann bedauere ich das zutiefst. Ich habe mich keine Sekunde gelangweilt. Dass es Friktionen gegeben hat, will ich nicht bestreiten. Das ist ein lebendiges Programm, und wir sind ein lebendiges Direktorium gewesen." Eine Verbesserung der Situation sollte es nach Meinung Lindners auch nach der ORF-Wahl und der Nationalratswahl geben - "egal wer dann an der Spitze des Unternehmens steht".

Keine Angaben machte Lindner zu ihrem möglichen Direktoren-Team. "Ich habe bis jetzt keinen Direktor vorgeschlagen." ORF-Chefredakteur Werner Mück wollte sie anders als Wrabetz nicht als Informationsdirektor ausschließen. "Es kann auch Überraschungen geben, es können aber auch die Nämlichen sein." Die Unterstützung durch die ÖVP nahm Lindner gelassen: "Dagegen kann man sich nicht wehren. Das ist nichts Ehrenrühriges." Auch Wrabetz werde von bestimmten Parteien unterstützt.

"Bestes öffentlich-rechtliches Unternehmen Europas
Der Kaufmännische Direktor des ORF stellte zunächst das Gemeinsame über das Trennende. "Der ORF ist das beste öffentlich-rechtliche Unternehmen Europas" auf das man gemeinsam stolz sein sollte. Problembereiche ortete er allerdings in der TV-Information sowie in der internen Kommunikation. Auch der "Mangel an Stolz auf dieses Unternehmen", Frauenfeindlichkeit und die mangelnde Förderung von Frauen bedürften laut Wrabetz dringenden Handelns.

In der Fernsehinformation müsse es zu einer Dezentralisierung der Strukturen kommen: Sendungsverantwortliche und Wettbewerb zwischen den einzelnen Redaktionen. Zur kritisierten Einflussnahme von außen und zu befürchteten Absprachen mit BZÖ-Chef Peter Westenthaler für die BZÖ-Unterstützung bei der morgigen Wahl sagte Wrabetz: "Bei mir gibt's keine Direktleitung, und zwar zu niemandem." Es werde keine Kompromisse und Zugeständnis geben, so der SPÖ-nahe Direktor. Erneut betonte Wrabetz, dass es einen Informationsdirektor Werner Mück unter seiner Führung nicht geben werde. "Was in der Untersuchungsgruppe festgeschrieben wurde, wird ihn nicht zur Beförderung zum Infodirektor prädestinieren. Das wird es unter mir nicht geben und das weiß er auch." (apa/red)