'Reality CSI' setzt auf schwangere Fliegen: Insekten spüren faulendes Fleisch auf

"Doktor Schmeißfliege" Benecke erklärt seine Arbeit Gilt in seinen Kreisen als Popstar der Kriminalbiologie

'Reality CSI' setzt auf schwangere Fliegen: Insekten spüren faulendes Fleisch auf

Auf schwangere Fliegenweibchen kann sich der Kriminalbiologe Mark Benecke verlassen. Egal, wo eine Leiche im Haus liegt - sie werden den Körper innerhalb kürzester Zeit finden und ihre Maden darauf ablegen. Einmal hat Benecke mit seinen Studenten versuchsweise faulendes Fleisch in einer der abgelegensten Ecken eines Hochhauses versteckt, die Fliegen haben es aufgespürt.

"Ich will das jetzt gar nicht ekelig machen, ich will das nur erklären", sagt Benecke. Der 36-jährige Kölner, auch "Doktor Schmeißfliege" genannt, ist in der Münchner Bauinnung zu Gast und hat seine wichtigsten Helfer gleich mit dabei. In einer Dose vor dem Rednerpult winden sich weiß und wurmartig Dutzende von fingernagelgroßen Maden.

Weil diese sich vom Fleisch Toter ernähren, kann der Naturwissenschafter anhand der Entwicklungsstadien der Maden Rückschlüsse auf den Todeszeitpunkt ziehen. Mit Hilfe von Fliegen und anderen Insekten, die die Leichen nach und nach besiedeln, entlarvt Benecke sogar Fälle von Pflegevernachlässigung. Er erkennt zum Beispiel, wenn sich alte Menschen vor ihrem Tod wund gelegen haben.

Insektenkunde, DNA- und Blutspurenanalyse
"Das kommt sehr häufig vor", erzählt der Diplom-Biologe, mit vollem Titel "öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für kriminaltechnische Sicherung, Untersuchung und Auswertung biologischer Spuren". Insektenkunde, DNA- und Blutspurenanalyse gehören zum Fachgebiet des Freiberuflers. Eine Präzisionsarbeit und nichts für schwache Nerven, aber Benecke hat darin seine Passion gefunden: "Jeder Fall ist anders, das ist ja gerade das Spannende."

Um dem Tod ins Gesicht zu sehen, stapft er in Gummistiefeln durch Wälder oder spürt Leichengeruch in Wohnhäusern hinterher. "Ich sage meinen Studenten immer, Leute, Ihr müsst durchatmen und lernen, den Geruch zu analysieren", sagt er.

"Popstar der Kriminalbiologie"
Benecke gilt in seinen Kreisen schon als eine Art "Popstar der Kriminalbiologie", arbeitet international in der Forschung und gibt Fortbildungskurse. "An der schlechten Bezahlung und den langen Arbeitszeiten ändert das trotzdem nichts", sagt er. Deshalb bleiben auch viele seiner Kursteilnehmer nicht dabei, und die Branche beschränkt sich nach wie vor auf eine Hand voll Experten.

"Klar muss man zäh sein", sagt Benecke, aber da hänge ja auch viel von ab, schließlich gehe es meist darum, ob jemand ins Gefängnis müsse oder nicht. "Deshalb macht man den Job entweder gut, oder man lässt es bleiben." Nur Fleisch kann Benecke mittlerweile nicht mehr essen. Dafür hat er dank der jahrelangen Erfahrung einige Tipps für seine Zuhörer parat. Ein bestimmtes Mittel zum Beispiel überdecke Leichengeruch mit Erdbeerduft.

"Eins ist sicher", sagt Benecke zum Schluss der Vorlesung, während das Madenknäuel in der Dose vor ihm weiter ständig seine Form ändert: "Der Tod ist nicht das Ende". Denn mit dem Tod kommen die Fliegen - und die Arbeit des Kriminalbiologen beginnt.

(apa)