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Rapid nach Europa-League-Aus
gegen Helsinki geschockt

Trotz verpasster Qualifikation hält Sportdirektor Müller an Trainer Barisic fest

Rapid gegen Helsinki. © Bild: APA/Georg Hochmuth

"Unerklärlich", "bitter", "wie verhext" - nach dem verpassten Einzug in die Europa-League-Gruppenphase steht Rapid schon Ende August vor den internationalen Trümmern der jungen Saison. Wie so oft 2014/15 blieb auch gegen Helsinki die spielerische Dominanz ohne Wert, der Knoten will nicht platzen. Trainer Zoran Barisic klammerte sich an Durchhalteparolen, der Club hält am eingeschlagenen Kurs fest.

Die "letzte Chance auf Großes", wie Barisic erklärte hatte, blieb ungenutzt. Mario Sonnleitner wirkte schwer angeschlagen. "Ich habe schon sehr viel gesehen und miterlebt, aber so ausscheiden ist nicht fair. Wir haben Dominanz gehabt, wir haben Chancen gehabt, sind durchgebrochen links, rechts, zentral", meinte der Innenverteidiger. "Wir haben drei Tore geschossen. Ich habe nie das Gefühl gehabt, dass da irgendeiner aufgibt."

"Für mich ist das unerklärlich, dass man da nicht drüberkommt. Das ist sicher einer der bittersten Momente für mich und die gesamte Mannschaft", sagte Sonnleitner, mit 27 Jahren neben Kapitän Steffen Hofmann der älteste Feldspieler. "Es war wie verhext, schon in Helsinki war die Partie komisch", spielte er auf die 1:2-Niederlage im Auswärtshinspiel der Vorwoche an, in der man sich ebenfalls als spielerisch stärkeres Team präsentierte. Sein Fazit: "Es war trotzdem ein gutes Spiel. So wenig Zweikämpfe habe ich normalerweise nie in einem Play-off."

Konzentrationsfehler

Tatsächlich hatte das Match am Donnerstag vor 21.100 Zuschauern im Happel-Stadion wie erhofft mit den schnellen Toren durch einen entfesselten Louis Schaub (10., 13.) ideal begonnen. Doch der Anschlusstreffer nach einem Eckball nur zwei Minuten später brachte den ersten Knacks - so wie alle Treffer Helsinkis fiel er aus einem Standard. "Wir sind ja keine Maschinen, die alles verteidigen können", meinte Sonnleitner. Außenverteidiger Thomas Schrammel konstatierte aber auch "mangelnde Konzentration".

Rapid gegen Helsinki.
© APA/Herbert Neubauer Louis Schaub brachte Rapid schnell mit 2:0 in Führung.

Für Sportdirektor Andreas Müller auf diesem Niveau eine schwere Sünde. "Du darfst nicht eine Sekunde unkonzentriert sein, was Standards, aber auch das Zweikampfverhalten betrifft. Du musst clever sein, ohne ein Foulspiel zu machen. Da müssen wir noch sehr viel lernen", erklärte der Deutsche, der dabei wohl auch an das Foul von Thanos Petsos dachte, das zum folgenschweren Freistoß zum 2:2 führte (76.). "In gewissen Momenten fehlt uns noch die Abgebrühtheit."

Mangelnde Erfahrung

Sonnleitner führte dafür die Jugend zahlreicher Akteure ins Treffen. "Wir sind eine junge Mannschaft, die sehr entwicklungsfähig ist, und gerade ein Einzug in die Gruppenphase hätte der Mannschaft einen ordentlichen Schub gegeben", bedauerte der ehemalige Sturm-Graz-Spieler. Ähnlich wie Müller und Sonnleitner sprach Schrammel ("Helsinki hat nichts für das Spiel getan") von einem Manko an Erfahrung: "In der einen oder anderen Situation hat vielleicht die Routine gefehlt, aber das soll keine Ausrede sein. Wir waren alle hoch motiviert und hätten uns mehr verdient gehabt."

2012 waren die Hütteldorfer in der Europa-League-Quali nach 1:2-Auswärtsniederlagen gegen Vojvodina Novi Sad und PAOK Saloniki noch weitergekommen. Was angesichts von vier EL-Gruppenphasen in den jüngsten fünf Jahren, und eines schon im Hinspiel spielerisch limitierten Gegners für Fans wie Spieler undenkbar schien, kündigte sich freilich schon an.

Wie in der Liga

In der Liga wartet Grün-Weiß seit über einem Monat auf einen vollen Erfolg, hält nach sechs Runden bei sechs Zählern. "Unser Spiel und die Ergebnisse gehen nicht einher", befand Barisic und erinnerte an die BL-Partien gegen Altach oder Sturm Graz: "Wir waren klar besser, aber nicht effizient genug."

Rapid gegen Helsinki.
© APA/Herbert Neubauer Bei Helsinki-Keeper Doblas war immer wieder Endstation..

Für ihn war es ein Deja vu. "Wir haben das gegnerische Tor belagert, waren die bessere Mannschaft. Ich kann meiner Mannschaft einfach nichts vorwerfen, außer, dass wir in der einen oder anderen Situation nicht abgebrüht genug agiert haben", betonte Barisic. "Die Burschen haben sich nie hängen lassen und haben gezeigt, dass sie hoch talentiert sind." Dazu gehöre eben auch zu lernen, "mit so schweren Niederlagen umzugehen".

Befreiungsschlag gegen Grödig erhofft

Am besten schon mit einem Sieg gegen Grödig im Heimspiel am Sonntag. "Wir haben in der Meisterschaft einiges gutzumachen an Punkten. Wir werden schauen, dass wir am Sonntag so frisch wie möglich, physisch wie psychisch, sind", erklärte Barisic. Endlich müsse es gelingen, den "Faktor Glück oder Pech auszuschalten". Auch Sonnleitner richtete den Blick nach vorne: "Die Meisterschaft ist jetzt unser Europacup. Da gibt es einen zweiten Champions-League-Platz, den wollen wir angreifen."

Durch das Verpassen der Gruppenphase entgeht dem Club laut Präsident Michael Krammer ein Gewinn von ein bis eineinhalb Millionen Euro, schwer wiegt auch der sportliche Effekt. "Es wäre für die sportliche Entwicklung so wichtig gewesen, dass man sich für die Gruppenphase qualifiziert", sagte Müller. "Die Reife, die man da gewinnt, wäre auch für die Bundesliga nützlich gewesen."

Keine Zweifel an Jugend-Kurs

Am eingeschlagenen Kurs - Rapid stellt derzeit fünf U21-Teamspieler und keinen einzigen A-Team-Vertreter - bestünden aber keine Zweifel. "Nein. Dieser Prozess mit dieser Mannschaft, die sich in der Entwicklung befindet, ist schon vor einiger Zeit eingeleitet worden." Auch Barisic will sich dieser Herausforderung stellen: "Ich habe gewusst, dass der Weg steinig wird." Dennoch ist er überzeugt: "In Zukunft wird mit ihnen zu rechnen sein."

Rapid gegen Helsinki.
© APA/Herbert Neubauer Am Ende jubelten die Finnen.

Für Müller gibt es an Barisic nichts zu rütteln. "Das ist überhaupt kein Thema. Die Mannschaft lebt, man hat guten Fußball gesehen. Das ist für mich entscheidend", gab Müller zu Protokoll. Auch wenn man "im Fußball natürlich abhängig von Ergebnissen" sei.

Was Trainer, Spieler und Verein freuen darf: Die gewohnt anspruchsvollen Fans gaben ihrer Elf am Donnerstag bis zum Schluss Rückhalt, der wohl auch als Einverständniserklärung mit der aktuellen Politik gewertet werden darf. Das war selbst der finnischen Onlinezeitung "Uusisuomi" eine Erwähnung wert. "Eine Demonstration jener hohen Fußballkultur, die wir auch schon vor einer Woche in Helsinki gesehen haben", hieß es dort.

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