LITERATUR von

"Das Elend hat keine Lobby"

Christoph Ransmayr © Bild: APA/Fredrik von Erichsen/dpa

Der neue Roman von Christoph Ransmayr spielt im 18. Jahrhundert, handelt aber von der Gegenwart. Und Europa hat für den weit gereisten Weltliteraten aus Österreich nur dann eine Zukunft, wenn es sich endlich seiner grausamen Vergangenheit stellt

Herr Ransmayr, in Ihrem neuen Roman, "Cox oder Der Lauf der Zeit", erzählen Sie vom britischen Uhrmacher Alister Cox, der für den Kaiser von China Automatenuhren bauen soll. Der historische Cox hieß James. Weshalb haben Sie seinen Namen verändert?
Cox heißt in meiner Geschichte Alister -und nicht James -, um den Eindruck zu verhindern, es handle sich um einen historischen Roman. Vom historischen Cox weiß man sehr wenig, selbst sein genaues Todesdatum ist unbekannt. Alles, was Cox und seinem Assistenten Merlin im Roman zugeschrieben wird, ist erfunden. Keiner von beiden war jemals in China, aber ich wollte diese englischen Uhrmacher und Automatenbauer und den Kaiser Qiánlóng, einen begeisterten Sammler, wenigstens in einer Geschichte über die Zeit miteinander bekannt machen.

Damit konfrontieren Sie zwei scheinbar unvereinbare Kulturen miteinander, nämlich das grausam und absolutistisch regierte China und das scheinbar aufgeklärte Europa. Sind die sich aufdrängenden Gegenwartsbezüge beabsichtigt?
Europa war damals nicht weniger grausam und absolutistisch als China und hat seine Gier und Grausamkeit -anders als China - auch noch mit kolonialer Brutalität in alle Welt exportiert. Ich habe nie über etwas anderes als über die Gegenwart geschrieben, selbst wenn ein römischer Dichter oder eine erfundene Nachkriegswelt meine Themen waren.

Und wo finden Sie dieses Reich der Gewalt in der Gegenwart?
Machtstrukturen zeigen sich nicht immer so prunkvoll wie an einem Kaiserhof. Und man muss auch nicht erst nach Nordkorea reisen, um einen fetten Knaben als despotischen Herrn über ein hungerndes Land zu bestaunen. Machtstrukturen haben keine Adresse, die kann man auch hier in der Politik eines Konzerns oder im Anspruch bestimmter Parteien studieren.

Geht die Macht heute von der Wirtschaft aus?
Der Trend ist natürlich der, dass global operierende Konzerne unmerklich ganze Länder übernehmen. Wer sieht, wie emsig in den europäischen Parlamenten Lobbying betrieben wird, fragt sich, ob dort nur noch Erfüllungsgehilfen sitzen, elegant auftretende Handlanger einer jeweiligen Firmenzentrale - ähnlich wie die Mandarine in meinem Reich der Mitte, die nur auf ein Wort des Unsterblichen warten.

Auch Altkanzler Gusenbauer findet als Lobbyist sein Auskommen.
Leider glänzt auch die Sozialdemokratie darin, sich für verlorene oder aufgegebene Regierungsämter zu entschädigen, indem ihre Protagonisten nach politischen Karrieren in einen jener Konzerne wechseln, gegen die sie früher einmal Schulter an Schulter mit der Gewerkschaft um gerechte Löhne gekämpft haben. Man findet sie plötzlich gut gelaunt in den Chefetagen von VW, von Siemens oder großen Banken - oder als hochbezahlte Berater von Despoten. Sehr eindrucksvoll.

Haben wir weltpolitisch überhaupt noch eine Chance, das Aufeinanderprallen der Kulturen in den Griff zu bekommen?
Natürlich. Die Chancen waren noch nie so gut wie jetzt, weil es noch nie so viele Möglichkeiten und so viel Reichtum gab. Niemandem wird hierzulande seine dick belegte Wurstsemmel oder auch nur ein Liter Benzin, sein Bier oder sonst etwas entzogen, wenn wir Menschen, die bei uns in Ausnahmesituationen Hilfe suchen, helfen. Auch die europäischen Gesellschaften vergessen ja sehr schnell, dass auch sie jederzeit wieder auf Hilfe angewiesen sein und mit versengten Kleidern, ohne Haus, ohne jeden Besitz dastehen könnten. Das war auch im vielgeliebten Österreich so. Ohne die Hilfe von alliierten Programmen wie etwa dem Marshallplan wäre auch dieses Land erst Jahrzehnte nach dem von ihm mitverschuldeten Zweiten Weltkrieg wieder auf die Beine gekommen. Jeder von uns kann sich durch eine Katastrophe, etwa nach einem Unfall in einem grenznahen Atomkraftwerk, noch heute in einen Flüchtling verwandeln. Ich war in Japan, als nach diesem apokalyptischen Tsunami überlegt wurde, große Teile Tokios zu evakuieren. Ein unvorstellbares Ereignis, aber eines, das plötzlich vollkommen real war. Das kann auch einer Stadt wie Wien passieren.

Haben Sie Verständnis für jene, die sich vor der Flüchtlingswelle ängstigen?
Als ängstlicher Mann habe ich für alle Ängste Verständnis, teile sie aber nicht alle. Die schlimmsten Befürchtungen werden ja bemerkenswerterweise oft dort plakatiert -und geschürt -, wo weit und breit kein Flüchtling zu sehen ist. Jeder von sozialen Netzen Beschützte und Behütete tut, als wäre ihm alles, was er hat und ihm nützt, allein aufgrund seiner eigenen großartigen Leistung zugefallen, und empfindet Bitten um Hilfe, selbst wenn es nur um einen Euro geht, als Angriff auf sein Glück.

Ist es nicht verständlich, dass Menschen etwa in Lampedusa um ihr gutes Leben bangen, wenn täglich Hunderte Flüchtlinge ankommen?
In Lampedusa, gerade dort, wo das anbrandende Elend am allerwenigsten ignoriert werden kann, leisten die Bürger bewundernswerte, oft aufopferungsvolle Hilfe. Klarerweise kann eine so kleine Insel nicht alle gestrandeten Flüchtlinge aufnehmen. Trotzdem wenden sich viele Festlandeuropäer von den Küsten Europas ab und behaupten, das alles ginge sie nichts an. Dabei wird beharrlich verschwiegen oder vergessen, wie reich unsere Gesellschaften sind. Für die Rettung krimineller Großbanken wurden nach dem großen Crash Aberhunderte Milliarden innerhalb von wenigen Wochen aufgebracht. Nun werden zehn oder zwölf Milliarden als utopische Summe bejammert. Aber das Elend hat eben keine Lobby.

Wie lässt sich eine Lobby für das Elend bilden?
Indem man zunächst in seinem eigenen Leben ohne großen Opfergestus tut, was man kann. Ich habe mit meiner Frau eine irakische Familie für drei Jahre aufgenommen; wir haben für sie eine Wohnung in Wien gemietet, kümmern uns um sie, helfen ihnen beim Erlernen der Sprache -und lernen dabei aber vor allem selber viel. Seltsam, dass kaum jemals vom Vergnügen, von der Freude die Rede ist, die es einem Menschen bereiten kann, nach seinen Möglichkeiten etwas mit anderen zu teilen -und seien es nur einige Euro. Einer dieser freiheitlichen Fratzen, die selber recht komfortabel von Steuergeldern leben, hat ja Helfer, die auf eigene Kosten Menschen beistehen wollen, als "Willkommenshysteriker" beschimpft und gedroht, sie würden "in den Feuern des Terrors verbrennen". Solche Typen würden beim Feuermachen wohl ganz gerne ein bisschen nachhelfen. Einige von ihnen haben das ja bereits eindrucksvoll bewiesen.

Die Situation spielt rechten Parteien in die Hände. Was tut man da?
Ich bin jedes Jahr monatelang unterwegs und auf meinen Reisen manchmal mit Gesellschaften konfrontiert, die unverschuldet mit überwältigenden Problemen zu kämpfen haben, Krieg, Bürgerkrieg, Naturkatastrophen. Dort gehören Flüchtlingsströme, Elend und Verwüstung zum Alltag, kämpfen Menschen nicht nur um faire Löhne, Pensionen und Urlaubswochen, sondern um Wasser und Brot, und fürchten täglich um ihr Leben.

Wo sind Sie unterwegs?
Zuletzt in Indien und Südchina, demnächst im ostafrikanischen Ruwenzori-Gebirge. Ich war auch im türkischen, syrischen und irakischen Mesopotamien. Armut, ja Elend sind für die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung dieser Welt ein Normalzustand. Und ich verstehe, dass jemand im Sudan oder in Äthiopien oder in einer zerbombten Stadt des Mittleren Ostens das Gefühl bekommen kann, die Europäer lebten in einer Art Paradies, und dass es am Ende nur zwei Möglichkeiten geben kann: sich auf den Weg zu uns zu machen oder unterzugehen.

Wie viele Leute kann man denn aufnehmen, ohne dass sich das Blatt wendet?
Selbstverständlich kann die Lösung nicht darin bestehen, dass alle ins vermeintliche Paradies flüchten, während die Herkunftsländer und ganze Kontinente an eine dann menschenleere Wildnis zurückfallen. Aber eines ist klar: Die reichen Gesellschaften müssen irgendwann beginnen, tatsächlich zu teilen und nicht bloß lächerliche Almosen zu verteilen. Ein Teil ihres Reichtums wurde schließlich auf dem Rücken dieser Armseligen erwirtschaftet -und dies nicht nur in Kolonialzeiten. Solange die Industrienationen die sogenannte Dritte Welt als bloße Rohstoffquelle betrachten, werden dort gewiss keine Strukturen verbessert, die einen Hungernden davon abhalten könnten, zum Flüchtling zu werden. Im Drama des Elends spielt Europa eine wahrhaft düstere Rolle. Dabei sind die Gedanken der Aufklärung und so viele kühne, humanistische Ideen von diesem Kontinent ausgegangen. Aber ein humanes, übernationales Europa, dessen Bewohner nicht irgendwelche Hymnen grölen und dazu bierselig Fahnen schwingen, ist nach wie vor eine weit, sehr weit entfernte Utopie.

Kommt diese Utopie je der Verwirklichung nahe?
Manchmal könnte man glauben, diese Utopie sei zu früh auf eine realpolitische Ebene projiziert worden. Aber wann, wenn nicht jetzt, soll man beginnen, eine humanere Zukunft zu verwirklichen? Wenn der nächste Krieg alles verwüstet hat? Wenn Städte einmal mehr in Schutt und Asche liegen? Viele dieser Prediger in der Politik behaupten ja stur, die Katastrophen der anderen gingen uns, die Wohlbehüteten, nichts an, wir hätten bloß Schutzwälle dagegen zu errichten. Dabei sind wir sehr oft Mitverursacher von dem, was anderswo geschieht. Jede Fahrt zur Tankstelle ist eine Abstimmung für irgendeinen dieser multinationalen Ölkonzerne, die ihre Politiker in weiße und andere Häuser entsenden, um dann mit deren Hilfe ganze Armeen bis in die entlegensten Winkel dieser Welt trampeln zu lassen. Dort werden unter dem Vorwand, Frieden zu stiften und Bösewichte zu verfolgen, Ölfelder erobert, Militärbasen, Rohstoffquellen.

Hiesige Politprediger haben hervorragenden Zulauf, sind aber noch relativ harmlos. Was aber, wenn radikale an die Macht kommen?
Es gibt ja genug davon: AfD, FPÖ, Front National, Ukip, Jobbik...

Kann man die vergleichen?
Absolut. Zumindest in ihrer Borniertheit, ihrer nationalistischen Menschenfeindlichkeit und in ihrer Unfähigkeit, auch nur einen einzigen Blick über den Stammtischrand hinaus auf die Welt zu werfen. Dabei leben diese Parteien ja selber auf Kosten anderer - über die Parteienförderung von Steuergeldern. Als vorgebliche Freunde des kleinen Mannes - und wohl auch der kleinen Frau - werden sie ja ebenfalls von der Dame an der Supermarktkasse finanziert. In schmalztriefenden Reden spielen sie sich als welterfahrene Retter einer Gesellschaft, wenn nicht gar des Abendlandes, auf und vergessen zu erwähnen, dass die meisten von ihnen bestenfalls zwei bis drei Jahre in einem Beruf gearbeitet haben, bevor sie sich entschieden, doch lieber in einer aus Steuermitteln finanzierten Partei ein bequemeres Leben als Berufspolitiker in einer geschützten Werkstätte zu beginnen.

»Die Wahl muss offensichtlich so lange wiederholt werden, bis ein Rechtsradikaler in der Hofburg sitzt«

Kann man sie von der Macht fernhalten, wenn man nicht einmal imstande ist, ein Wahlergebnis, das gegen sie spricht, anzuerkennen?
Wenn der Verfassungsgerichtshof unter eifriger Drehung und Wendung des Rechts Millionen gültiger Stimmen für ungültig erklären kann und als Folge eine Wahl offensichtlich so lange wiederholt werden muss, bis endlich ein weinerlicher Rechtsradikaler in der Hofburg sitzt, ist das natürlich empörend. Aber etwas anderes, als dagegen anzureden, anzuschreiben und sich mit demokratischen Mitteln gegen diese und andere Sauereien zu wehren, bleibt einem aufgeklärten Menschen nicht.

Als Jörg Haider seinerzeit an die Macht kam, sagte der Schriftsteller Gerhard Roth, man müsse an bewaffneten Widerstand denken, wenn es wieder zu einer faschistischen Diktatur käme. Sehen Sie das auch so?
Ich möchte den Waffenfreund sehen, wenn er im Battledress ein Maschinengewehr bedienen und dabei damit rechnen müsste, noch vor dem Abdrücken selber per Kopfschuss von der Bühne geblasen zu werden. In die Mündung einer Waffe zu schauen oder eine Waffe auf einen anderen zu richten, ist das Ende von allem, was wir uns wünschen können. Natürlich wäre es etwas anderes, wenn Formationen wie die SS oder die SA aufmarschierten, aber selbst wenn Parteien wie die FPÖ Bürgerkriegspolitik betreiben, indem sie Hass, Angst und Weinerlichkeit als Triebfedern politischen Handelns forcieren: Wenn Gesellschaften so schwach geworden sind, dass sie schon bei der ersten fundamentalen Krise zur Waffe greifen, wäre alles nur Papier, was wir an demokratischen und kulturellen Strukturen haben.

Kehren wir zum Roman zurück: Können Sie nachvollziehen, dass sich die Chinesen die absolutistische, extrem grausame Herrschaft dieses Kaisers gefallen lassen?
Ich weiß nicht, wozu ich aus Angst imstande wäre, wenn ich Tag für Tag von barbarischer Gewalt, Folter oder Hinrichtung bedroht wäre. Wer kann schon mit Sicherheit sagen, ob ihn solche Verhältnisse in einen Mitläufer, in einen Flüchtling oder in einen heroischen Widerstandskämpfer verwandeln würden?

Wie erlebt der Schriftsteller Ransmayr Zeit?
Die idealen Momente sind jene, in denen man - wie im Kalenderspruch - vergisst, dass sie vergeht. Oft sind das Momente, in denen jemand etwas erzählt oder in denen man selbst ganz in Inneren einer Geschichte ist. Seltsam, dass man ständig Leuten begegnet, die bereit sind, alles zu tun, um sich Wünsche zu erfüllen, Luxuskrempel anzuhäufen oder Konten aufzublasen, dabei aber ganz vergessen, dass sie dafür mit Zeit, also mit ihrem Leben, bezahlen.

Sie schreiben oft jahrelang an einem Roman. Denken Sie dabei auch daran, wie die Zeit, wie das Leben vergeht?
Natürlich ist die Arbeit an einem Roman ein ungeheurer Zeitfraß. Nur verbindet mich dieses Fressen mit dem realen Leben. Ich erfahre und begreife etwas von dem, was wir Welt nennen, während ich arbeite. Auch dabei vergeht, ja verfliegt die Zeit, aber sie ist am Ende einer Geschichte nicht verloren.

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