Matthias Walkners Rallye Dakar:
Einblick ins Roadbook eines Traums

Salzburger KTM-Fahrer kam zwar nicht ins Ziel, seinen Zielen aber ein Stück näher

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    Rallye Dakar

    Die 36. Auflage der Rallye Dakar ist Geschichte. Das vielleicht härteste Rennen der Welt ging am Samstag zu Ende.

  • Al Attiyah jubelt
    Bild 2 von 23 © Bild: FRANCK FIFE/AFP/Getty Images

    Rallye Dakar

    Bei den Autos triumphierte wie erwartet Nasser Al-Attiyah und feierte damit seinen zweiten Sieg nach 2011.

"Die positiven Erfahrungen überwiegen. Es war ein Wahnsinn", so der KTM-Werkspilot, für den nach Wochen in der argentinischen und chilenischen Wüste der Abstecher ins Palmenhaus im Wiener Burggarten eine willkommene Abwechslung bot. "Er hat uns allen dort in Südamerika eine Riesen-Freude gemacht", zeigt sich auch Heinz Kinigadner, selbst Dakar-Veteran und seit Jahren KTM-Sportmanager, mit dem Debüt seines Fahrers zufrieden.

Walkner und Kinigadner
© GEPA pictures/ Martin Hoermandinger Matthias Walkner mit Mentor Heinz Kinigadner

Temperatur-Unterschiede von 40 Grad zu -5 Grad, Hunderte von Kilometer allein auf der Maschine durch unbewohnte Flecken der Erde und massiver Schlafentzug - das sind die Eigenschaften der Dakar. Was das Härteste ist? "Die Verbindung aus all diesen Komponenten", versichert Walkner. Gemäß des Roadbooks, wie die Fahrinformationen auf einer Papierrolle genannt werden, lassen wir also gemeinsam mit dem 27-Jährigen die anstrengendste Rallye der Welt noch einmal Revue passieren.

Die Ankunft

Gemeinsam mit einer Entourage bestehend aus 3 LKWs, 6 Wohnmobilen, 2 Pickups, Mechanikern, einem Physiotherapeuten, einem Arzt und einem Navigator startet Walkner in das Abenteuer, für das sich der ehemalige Motocross-Weltmeister ein halbes Jahr lang durch Teilnahmen an kleineren Rallyes vorbereitet hat. Kein Vergleich also zu Privatfahrern, die wie Kinigadner erzählt "out of the box" leben. Das heißt, "sie haben ihr ganzes Werkzeug und Equipment in einer Kiste".

Die Dimensionen der Rallye werden schon früh deutlich. "Der erste Eindruck auf der Startrampe in Buenos Aires war schon ein sehr beeindruckender, ich habe noch nie so viele Menschen auf einem Haufen gesehen", erinnert sich Walkner an den Empfang von 650.000 fanatischen Fans in Argentiniens Hauptstadt. "Bei der Dakar wirst du wie ein Star hochgelebt."

Road-Book Walkner
© Christian Eberle Das Original-Roadbook von Matthias Walkner

Tag 1

Als 27. gestartet, bekam der Salzburger von seinem erfahrenen Teamchef die Devise es ruhig angehen zu lassen. Eine Aufforderung, der der Speed-Junkie nicht ganz Folge leisten konnte. "Du kommst da in einen Geschwindigkeitsrausch", gesteht Walkner. Das Fazit: 132 km/h Schnitt. "Das ist ganz schön schnell."

Tag 2

Auch am zweiten Tag, den Walkner mit dem sechsten Platz abschließt, stimmt die Harmonie zwischen Mensch und Maschine. "Das Setup hat optimal gepasst", gibt der KTM-Fahrer gleich einmal ein Lob an seine Mannschaft weiter. "Mein Ziel vor Beginn war es, unter die ersten Zehn zu kommen. Dass es aber gleich so rennt, damit habe ich nicht gerechnet."

Matthias Walkner bei Dakar
© Marcelo Maragni/Red Bull Content Pool Matthias Walkner auf seinem Gerät

Tag 3

Die Sternstunde von Walkner. "Ich weiß selbst nicht genau, wie das gegangen ist", sucht der gute Freund von Marcel Hirscher noch Tage später nach Erklärungen. Die technisch anspruchsvollen Charakteristika der Etappe, die durch ein ausgetrocknetes Flussbett führte, spielten dem Ex-Motocrosser aber in die Karten. "Dass es dann für den Etappensieg reicht, hat mir natürlich extrem getaugt. Das war auch medial ziemlich cool. So etwas habe ich noch nicht erlebt", erzählt Walkner, wie er plötzlich ein Star war.

Tag 4

Vor den großen Favoriten, wie seinem Ratgeber und dem späteren Sieger Marc Coma, zu starten, war etwas ganz Besonderes. "So nervös war ich lange nicht mehr", gibt er unverhohlen zu. Doch bis auf den Start läuft nichts nach Plan des Debütanten. "Da habe ich mich ziemlich verfahren", fasst Walkner zusammen, was im Fachjargon als Navigations-Schwierigkeiten bezeichnet wird.

Walkner bei Dakar
© Dean Mouhtaropoulos/Getty Images Die beeindruckende Aussicht bei der Dakar können Fahrer kaum genießen

Tag 5

Es geht wieder bergauf. Neben Platz 7 am Ende kommt "Hiasi" auf der Route zwischen Copiapo und Antofagasta in Chile vor allem zu einer wichtigen Erkenntnis. "Ich habe mir während des Fahrens erstmals gedacht, wie geil es eigentlich ist, Rallye zu fahren. Mir wurde klar, dass es das ist, was ich auch in Zukunft machen möchte."

Tag 6

Am sechsten Tag sorgen gebrochene Schrauben am Rahmenheck für ein paar Überstunden beim einzigen Österreicher im Starterfeld, der damit dann auch wusste, "wo das Boardwerkzeug ist und wie das Satellitentelefon funktioniert." Ja, bei der Rallye Dakar sind Fahrer nicht nur Fahrer, sondern auch Mechaniker und Navigatoren (Die Roadbooks werden erst am Vortag beschrieben). "Alle drei Tätigkeiten muss man beherrschen, um ganz vorne dabei zu sein", weiß Walkner, dass in der Universalität noch Aufholbedarf besteht.

Walkner bei PK
© GEPA pictures/ Martin Hoermandinger Matthias Walkner schildert seine Erlebnisse

Tag 7

Nachdem der Vortag statt der üblichen Arbeitszeiten von 3 Uhr in der Früh bis 10 Uhr in der Nacht aufgrund der Reparaturen etwas länger gedauert hat, ist der Ruhetag sehr willkommen. Eine große Freude macht Walkner auch die Paella, die den Fahrern im Biwak serviert wird. "Endlich mal keine Nudeln." Doch die mediterrane Köstlichkeit sollte schwerwiegende Folgen haben.

Tag 8

Wie in Trance - ein Zustand, den die Fahrer im Laufe einer Rallye immer wieder durchleben - steht Walkner schon um 2 Uhr in der Früh auf, ohne sich später daran erinnern zu können. Sein Wohnmobil-Kollege ahnt etwas und informiert der Vorsicht wegen die Mechaniker. 300 Kilometer auf der Verbindungsetappe, etliche Magenkrämpfe und Stunden kräfteraubenden Durchfalls später, dann die Gewissheit: Walkner muss absteigen und die Rallye vorzeitig beenden. "Nachdem ich mich am Morgen danach aber nicht wirklich besser gefühlt habe, hatte ich überhaupt kein schlechtes Gewissen, aufgehört zu haben", beruhigt der Salzburger und hält zugleich fest: "An der körperlichen Fitness hat es bestimmt nicht gelegen, die Paella hat mich niedergestreckt."

Das Ende

Nach Dakar ist vor Dakar. Während Walkner die Nachwirkungen der Rallye noch ein bis zwei Wochen spüren wird, laufen bei KTM bereits Planungen. Kinigadner: "Das gesamte Material ist jetzt am Rückweg und das Team muss sich erst mal wieder sammeln. In zwei bis drei Wochen werden wir in Mattighofen konkret über die Zukunft sprechen – Matthias bleibt aber selbstverständlich in unserer Werksstruktur, das war von Anfang an der Plan." Nach Roadbook-Training bei der Oasis Rally in Tunesien und Teilnahmen an der Rallye-WM wird bald schon wieder der Fokus auf die Dakar gelegt. Und dass sich Walkner sein erstes Antreten als Lernprozess und nicht als Scheitern ansieht, bezeugt er mit seinem Blick auf die Dakar 2016: "Im nächsten Jahr muss das Ziel Top 5 sein."

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