Ski Alpin von

"Noch einmal richtig wissen"

Benjamin Raich gibt Vollgas Richtung Olympia 2014. Das Alter stört ihn nicht.

Benjamin Raich im Hochseilgarten © Bild: GEPA pictures/Bachun

Benjamin Raich bleibt daheim. Zumindest im Sommer. Das Überseetraining lässt der 35-Jährige vor dem Olympiawinter 2013/2014 aus. Den Fokus legt der Pitztaler heuer auf seine Basisdisziplinen Riesentorlauf und Slalom. Im Gespräch mit Journalisten plauderte Raich am Mittwoch in Jerzens über das gemeinsame Sommertraining mit Lebensgefährtin Marlies Schild, seine Ziele und seinen nach wie vor nicht gestillten Erfolgshunger.

Sie verzichten heuer auf das Sommer-Training in Übersee. Was sind die Gründe?
Raich:
"Ich bin im Frühjahr ein bisschen länger Ski gefahren und habe dann etwas länger Pause gemacht als sonst. Dadurch verschiebt sich das Ganze ein bisschen. Ich trainiere den ganzen August noch Kondition und steige Ende August, Anfang September wieder beim Skifahren ein. Später als meistens, aber nicht so viel später. Ich wollte erstens richtig nach Luft schnappen und dann eine sorgfältige Vorbereitung konditionell machen. Und wenn man richtig frisch ist, ist die Überlegung, dass ich dann beim Skifahren schnell wieder so fit bin, dass ich hoffentlich besser fahre als letztes Jahr."

Man hört, dass Sie im Weltcup nicht mehr alles fahren werden. Wie sehen die Pläne aus?
"Es ist noch nicht ganz definitiv, was ich genau fahren werde. Momentan ist es so, dass ich mich auf Slalom und Riesentorlauf konzentriere. Auch deshalb gehe ich nicht nach Übersee. In den zwei Monaten bis Sölden möchte ich alles tun, dass ich da auch in Form bin. Der Plan wäre, weniger ist mehr, aber das weiß man vorher nie. Ich habe in meiner Karriere so ziemlich alles gemacht. Spät angefangen, nur in Europa gewesen, in Neuseeland und Chile, nur das, nur das. Man muss auf das Gefühl, den Bauch hören, was einem taugt, was die Ziele sind. Und Abwechslung ist auch wichtig, wenn man so lange dabei ist, sonst stumpft man ab."

»Letztes Jahr zu wenig«

Aber Sie schließen Starts in Speed-Rennen nicht aus, oder?
"Nein. Aber es kann passieren. Ich lasse das offen. Es wird sicher weniger werden. Ich werde mich auf meine Basisdisziplinen Slalom und Riesentorlauf konzentrieren. Da muss ich eh schauen, dass ich wieder so beieinander bin, dass ich richtig mitmischen kann. Wenn man ganz ehrlich ist, was ich letzes Jahr gezeigt habe, war sicher für mich zu wenig. Mein Ziel ist es schon, noch einmal ganz vorne mitzumischen."

Sie trainieren nicht nur heute, sondern in diesem Sommer sehr viel mit Ihrer Lebensgefährtin Marlies Schild. Wie sieht das Training aus?
"Wir trainieren relativ viel zusammen. Wir haben natürlich schon auch sehr viele Einheiten, die wir einzeln machen, aber auch solche, die wir gemeinsam machen. Wir sehen uns im Winter sehr wenig. Im Sommer sehr viel. Beim Training hat man ja schon ein Ziel, aber es ist nett, gemeinsam zu arbeiten. Manchmal passt es gut, gerade bei so Koordinationsgeschichten, da kann man sich auch gegenseitig ein bisschen pushen. Marlies ist da immer ganz gut auf Zack, da muss ich immer mithalten, das ist gar nicht so leicht. Hat man eh gesehen heute, da habe ich schon gekämpft (lacht)."

Sie waren heuer wieder mehr in der Kletterwand. Wie wichtig ist die Abwechslung im Trainingsalltag?
"Sehr wichtig. Ich meine, wenn ich heute Trial-Fahren gehe und Wasserspringen und hier 'rumturne und Klettern gehe, davon werde ich natürlich kein guter Skifahrer werden. Die Basis ist ein gescheites Krafttraining, ein vernünftiges Ausdauertraining, Koordination und und und. Skifahren ist eine sehr komplexe Sportart, und dementsprechend soll man auch das Training sehr vielseitig machen. Und vielseitig die Reize setzen und Highlights zusätzlich zum Basistraining mit Klettern und so."

»Topziel Olympia«

Sie haben vorhin die Olympischen Ringe in Stein geschliffen. Wie präsent sind die Winterspiele 2014 schon im Kopf?
"In der Zielsetzung sind sie ganz klar das Topziel. Dass man erstens dort dabei ist, das setzt voraus, dass ich noch ein bisschen besser fahre als letztes Jahr. Das wird notwendig sein. Dass die Medaille das Ziel ist, ist logisch und ganz klar. Ob es gelingt, ist eine andere Frage. Aber das weiß man vorher nie. Nur weil es schwierig ist, deswegen kann man es trotzdem angehen."

Fällt es Ihnen mit zunehmendem Alter schwieriger, sich zu motivieren?
"Natürlich ändern sich die Zeiten. Es ist letztes Jahr auch nicht immer ganz leicht gefallen. Aber gerade die Zeit, als ich mir ein bisschen Luft gegeben habe, sind der Biss und die Freude brutal rausgekommen. Das ist, denke ich, das Um und Auf. Freude haben, frisch im Kopf sein, gierig sein. Wenn man wieder Luft schnappt, sich sammelt, kommt man wieder in eine Richtung rein, in der man sich denkt, jetzt will man es noch einmal richtig wissen. Und wenn der Zeitpunkt kommt, dann geht es los. So war es."

Haben Sie sich rückblickend auf den vergangenen Winter eingestehen müssen, dass Sie mal nur neunzig Prozent abrufen konnten, auch wenn Sie 110 abrufen wollten?
"Das ist nur menschlich. Und das ist auch so. Es kein Geheimnis, dass das nicht mehr ewig gehen wird. Mit 35 Jahren kann man aufhören, aber man kann natürlich auch mit 38 aufhören. Da braucht man sich nicht festlegen. Aber ich bin in einem Alter, wo ich sage, ich habe schon relativ viel erreicht. Und ich will nicht irgendwo herumfahren. Ich will natürlich ganz vorne sein. In Anbetracht dessen, was in der nächsten Saison vor uns liegt und wie ich mich fühle – frisch , Spaß an der Sache, nach wie vor hungrig – kann ich sagen, jetzt will ich es noch einmal richtig wissen. Und schauen, was noch geht."

»Oft nur Kleinigkeiten«

Marcel Hirscher im Slalom und Ted Ligety im Riesentorlauf dominierten die technischen Disziplinen wie Sie vor ein paar Jahren. Was hatten die beiden im vergangenen Winter, das Sie nicht hatten?
"So genau kann man das nicht sagen. Dass beide absolute Topathleten sind, haben sie über Jahre schon bewiesen. Wenn Marcel keinen Blödsinn macht, wird er das weiterhin durchziehen. Bei Ligety ist es dasselbe. Warum sie überlegen waren, sind oft nur Kleinigkeiten. Als ich 1998 in meiner ersten Weltcupsaison in Sölden als Achter zweieinhalb, fast drei Sekunden zurück war, habe ich mir gedacht, wie soll ich das aufholen. Das war mir unbegreiflich. Und wir wissen alle, was 1999 Anfang Jänner passiert ist (Sieg im Schladming-Slalom/Anm.). Es ist oft sehr knapp beieinander. Ich habe Analysen vom letzten Jahr, wo ich gesehen habe, dass ich einen Speed habe. Das ist die Grundvoraussetzung. Leider habe ich es viel zu wenig oft durchgezogen. Das ist das Hauptproblem. Es durchzuziehen, da muss man hinkommen. Das ist das Ziel."

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