Queen Elizabeth von

Einsamer Kampf um Machterhalt

Ein Rückblick auf ihr Leben nach 60 Jahren auf dem Thron

Queen Elizabeth - Einsamer Kampf um Machterhalt © Bild: Getty Images/AFP

Kaum zuvor hatte man Winston Churchill, das alte Weltkriegs-Schlachtross, so unentspannt erlebt wie an jenem 6. Jänner 1952, an dem ihn der königliche Privatsekretär in aller Herrgottsfrüh aus dem Schlafe riss. "Das sind nicht nur schlechte Nachrichten“, kommentierte Churchill, schlagartig hellwach, die Neuigkeit, die ihm der Anrufer soeben zugeraunt hatte, "das sind die schlechtesten.“

Soeben war König George VI entschlafen. Und seine Tochter Elizabeth, gerade 25, über Nacht zur Queen geworden. Würde, so fragte sich Churchill, dieses scheue Fräulein mit der Fistelstimme das fragile Verhältnis zwischen dem Königshaus und den Parlamentskammern aufrechterhalten können? Oder würde die kindliche Monarchin unter der Last der Krone zerbrechen?

Nein, sie würde nicht, no, never. Denn der Kampf um den absoluten Machterhalt des Windsor-Geschlechts und somit gegen jede protokollarische Veränderung, der Kampf, auf den sie Vater und Großmutter eingeschworen hatten, sollte zum Leitmotiv ihres Lebens werden. Anfang Juni zelebrieren die Briten nach 60 Jahren Regentschaft das diamantene Kronjubiläum ihrer Queen , und fast zwei Milliarden Menschen rund um den Globus werden live dabei sein.

Ein Leben wie ein endloses Ritual
Der royale Kinderstar von einst hat es Churchills düsteren Prognosen zum Trotz geschafft. Aber um welchen Preis?

Wir werden am 2. Juni in das starre Gesicht einer 86-Jährigen blicken, deren Lächeln zur Maske gefror und deren steife Oberlippe zum Markenzeichen wurde. "Always smiling“, antwortete sie einmal todernst auf die Frage nach ihrer Jobdescription. Ein Alltag als zeremonieller Tranceakt. "Siebenmal habe ich sie getroffen, nie hat sie sich an mich erinnert“, so die Starsopranistin Charlotte Church.

Wir werden in das Gesicht der weltweit bekanntesten Frau blicken. Und in jenes der einsamsten: Von ihrer Schwester verachtet, von ihren Kindern gefürchtet, von ihren Enkeln verkannt, von ihrer Schwiegertochter bis in den Tod gehasst, von den Moden wechselnder Zeiten zerzaust, lebt die Queen selbst als Greisin einzig und allein ihrem Versprechen. "Das Versprechen vor Gott, gerecht und gut über das Volk zu herrschen, ist eben größer als der Mensch“, meint der renommierte Windsor-Biograf Tom Levine.

Ein Schwur, größer als der Mensch. Weil er keinen Platz für die Menschlichkeit lässt: Lilibet, wie man die Queen als Kind nannte, ist gerade elf, als sie sieht, wie schnell das Empire im Gefühlsstrudel an den Rand des Abgrunds schlittern kann.

König Edward VIII, ihr Onkel, verfällt den "multiplen sexuellen Möglichkeiten“ (Biograf Levine) der zweifach geschiedenen US-Lebedame Wallis Simpson und dankt nach nur 325 Tagen auf dem Thron ab. George VI, Elizabeths Vater, muss über Nacht übernehmen. Und Elizabeth erlebt erstmals hautnah, dass die Thronfolge, die plötzlich auch ihr bevorsteht, alles andere als ein Kindergeburtstag ist.

Leid im Namen der Krone
Ihr Daddy George schrieb mit der linken Hand und wurde im Namen der Krone zum Rechtshänder umgepolt. Ihr Daddy George beginnt zu stottern und muss im Namen der Krone bis zum Erbrechen Glasmurmeln schlucken. Und als Nichtraucher bis zu schweren Hustenattacken Tabak inhalieren. Seine erste Amtshandlung als König: Er weint sich an der Schulter seiner Mutter Mary aus. Noch nie zuvor hatte er diesen Körperteil berühren dürfen, erst als er ihr König ist, muss sie sich genervt in die verbotene Nähe fügen.

"Mein Vater hatte Angst vor seiner Mutter, ich hatte Angst vor meinem Vater, und ich werde, verdammt noch einmal, dafür sorgen, dass meine Kinder Angst vor mir haben“, prägt George V, der Großvater der heutigen Queen, in seinem Tagebuch das pädagogische Motto der Windsors.

Vor dem Hintergrund dieser Kindheit ist Elizabeth, der Jung-Königin, jeder Sinn für Gefühlsduselei verloren gegangen. Als sich ihre Schwester Margaret 22-jährig in Peter Townsend, einen geschiedenen Rittmeister von 38 Jahren, verliebt, setzt sie erstmals und ohne zu zögern die destruktiven Mühlen der Hofdiplomatie in Gang.

Zunächst wird Margaret vertröstet und im Namen der Queen auf weite Reisen geschickt. So lange, bis Townsend die Lust und Margaret den Mut verliert. Hoffnungslos desillusioniert vom unentrinnbaren Veto der Schwester, stürzt sie sich in unzählige, zutiefst bürgerliche Affären. Einmal ist es ein karrieregeiler Höfling, dann ein abgehalfterter Schnulzensänger - langsam verfällt die Schwester der Queen dem Wodka. Und stirbt an gebrochenem Herzen.

Doch da ist Her Majesty längst schon in der Eigendynamik ihrer Rolle gefangen. Und die ist kein Reigen aus Pomp und Gloria, wie uns die bunten Hausfrauen-Blättchen seit Jahrzehnten weismachen wollen, sondern lähmende Monotonie:

8 Uhr wecken mit Earl-Grey-Tee. Bad in der 17,8 Zentimeter hoch gefüllten und 22 Grad kühlen Wanne. 9 Uhr Cornflakes aus der Tupperdose, brauner Tost, bittere Orange Jam. 10 bis 13 Uhr Amtsgeschäfte mit dem Privatsekretär. 13 Uhr Lunch samt einem kleinen Dubonnet, danach Gassi mit den Corgis, dann bis 17 Uhr Termine, dann Tee, um 18 Uhr ein Gin Tonic, Abendessen um 20.15 Uhr, fallweise in großer Gesellschaft, fallweise mit Gemahl Philip, fallweise alleine. Mit bis zu zehn roten Boxen voll Akten. Vor 60 Jahren geradeso wie heute.

Ein Sofa, das auf dem Thron sitzt
Ist das nun die pulsierende Vita der einzigen lebenden Märchenkönigin? "Die Queen ist eher wie das Sofa unserer Eltern“, meint Helen Mirren, die im Kultstreifen "The Queen“ die Hauptrolle spielte, lakonisch. "Es ist zwar alt und abgewohnt, aber genau deswegen aus unserem Leben nicht wegzudenken.“

Und so wächst das britische Nationalsofa durch eiserne Disziplin zur Übermutter des gesamten Commonwealth. Die eigenen Kinder, die schiebt das thronende Sofa von sich. Charles, der Erstgeborene, wird nach Art der Ahnen erzogen. "Ma’am“ hat er seine Mutter zu nennen, keinesfalls "Mum“. Und wenn er mit ihr reden will, muss er um einen Termin ansuchen. "Meine Kindheit war schrecklich“, resümiert er bitter. Monarch nach außen, Mensch nach innen - auch William und Harry, die Enkel der Queen, erleben mit, wie Oma an dieser Doppelfunktion ganz bewusst scheitert: Als Lady Di, die Mutter der Prinzen, auf der Flucht in den Tod rast, beordert sie die Buben weg vom Sarg der Mutter, hinauf ins schottische Ferienschloss Balmoral.

Eine Verbeugung, die alles verändert
Diana war zwar irgendwann einmal Elizabeths Schwiegertochter, doch als geschiedene Ex-Windsor hat sie kein Recht auf Trauer royal. Und auf ein Buckingham, das auf Halbmast gestutzte Union Jacks säumen. Ein Knicks, eine Verbeugung vor dieser Verstorbenen? Undenkbar für das gekrönte Haupt. Vorerst.

Gerade fünf Jahre ist es her, dass Diana das Leben am Hof vor laufender Kamera als "Strafkolonie“ bezeichnet hatte. Gerade fünf Jahre, dass die barbusige Fergie, das zweite Schwiegermonster, vor Paparazzi-Objektiven lüstern an der Zehe ihres - nein, nicht ihres Mannes nuckelte. Dass ein Telefonat zwischen Charles und Camilla öffentlich wurde, in dem sich der Langohr-Prinz anstelle eines Tampons direkt unter ihr Höschen wünscht.

Das gemeine Volk hält Familie König Mitte der Neunziger für eine Horde sexbesessener Ehebrecher, die auf Steuerkosten von Orgie zu Orgie jetten. Und die Queen, durch den hormonellen Amok ihres Onkels Edward schon von klein auf traumatisiert, tut, was sie tun muss. Demonstrative Distanz zur eigenen Sippschaft, starres Festhalten am Protokoll - und "Decency“, also Anstand und Ehrbarkeit, als Gegenmodell zu all den Ausschweifungen.

Doch dann stirbt Diana, und mit dem Tod der leichtlebigen Schwiegertochter wird in einer hysterisierten Mediengesellschaft der Mythos Di geboren. Da die altersstarre, unversöhnliche Queen, dort die unsterbliche "Prinzessin der Herzen“. Nicht mehr die Institution der Krone steht wie bisher im Fokus, sondern die Person, die sie trägt. Und so muss sich die Herrscherin, von Premier Tony Blair bedrängt, vor dem Sarg der Ikone verbeugen.

Chamäleon am Königsthron
Elizabeth hat erkannt, dass nicht mehr Traditionen das Protokoll vorgeben, sondern die Medien und die Massen, die einander mobilisieren. Dass die Macht der Windsors am Willen des Volkes hängt. Und so gibt sie Charles nach dessen Thronverzicht ihren Segen zur Heirat. Und so ist sie Kate jene rührende Grandma, die sie ihren Enkeln nie war. "Die Queen ist unglaublich anpassungsfähig“, attestiert Rosamunde Pilcher, Königin der Romanzen, ihrer Regentin.

Wenn Anfang Juni Elizabeths Thronjubiläum steigt, werden wir einer Frau ins Gesicht sehen, die ihren Frieden mit der Familie machte. Auch aus Einsamkeit. Aber in erster Linie aus Räson. Wir werden eine Frau sehen, deren Lächeln starr und maskenhaft ist. Aber immerhin ungebrochen. Und irgendwo von oben wird Churchill zuschauen. Und sich darüber freuen, wie sehr er sich irrte. Damals, vor 60 Jahren.