"Dachte das sind nur Fantasien"

Angeklagte spricht über ihr Leben vor den Morden und die grausamen Bluttaten

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Gleich zu Beginn der Verhandlung liefern sich die Staatsanwältin Petra Freh und der Verteidiger Rudolf Mayer ein Gefecht: Freh bezeichnet die Angeklagte als eiskalt und manipulativ. Ihre Persönlichkeitsstörung mache sie zu einer tickenden Zeitbombe. Estibaliz C. habe ohne Anlass und Vorwarnung für die Opfer gehandelt. Verteidiger Rudolf Mayer hingegen wirft der Staatsanwaltschaft vor, ausgelassen zu haben, was wirklich laut Gutachten vorgefallen ist. Die Angeklagte habe die Taten aufgrund psychischer und physischer Gewalt begangen, das habe sie schon so in Italien ausgesagt, erklärt Mayer. Seine Mandantin habe ihm gegenüber gesagt: "Es war eine grauenhafte Sache, das zu tun. Man ist ein anderer Mensch danach." Auch vor dem Tag, an dem die Mütter der Opfer in den Gerichtssaal kommen, fürchte sich Estibaliz C. schon.

Nach den Eröffnungsplädoyers kommt die Angeklagte selbst zu Wort. Auf die Frage der Richterin, ob sie sich schuldig bekenne, antwortet die 33-Jährige mit "Ja". Danach beginnt sie auf die Fragen von Richterin Susanne Lehr hin, über ihre Familie, ihr Leben und die späteren Bluttaten zu erzählen.

Angeklagte: "Mein Vater war ein Tyrann"

Die mexikanisch-spanische Doppelstaatsbürgerin ist laut eigenen Angaben in schwierigen Familienverhältnissen aufgewachsen. "Mein Vater war zuhause ein Tyrann, meine Mutter hat uns nur im Extremfall verteidigt", sagt Estibaliz C. "Man durfte keinen Lärm machen, man durfte nicht existieren." Schimpftiraden und Demütigungen seien präsent gewesen, auch das Wirtschaftsstudium habe ihr Vater für sie ausgesucht. "Ich wollte immer einer Familie haben und nur nebenbei arbeiten. Mein Vater hat mich zum Gegenteil erzogen", sagt die Angeklagte aus. Das Wort "Hausfrau" sei für ihren Vater ein Schimpfwort gewesen. Damals habe sie gelernt, sich "nach außen hin friedlich zu zeigen, was nach innen nicht die Wahrheit ist."

Erste Liebe und erste Mordgedanken

Dann folgt die erste große Liebe, nach dem Studium will das Paar heiraten und Kinder bekommen. Doch der Geliebte macht einen Rückzieher, will Estibaliz C. aber auch nicht gehen lassen, wie sie schildert. Schon damals seien ihr Mordgedanken gekommen, sie habe an einen vorgetäuschten Autounfall gedacht. Doch dazu kommt es nicht. Sie flüchtet nicht Deutschland, die gefährlichen Gedanken verschwinden. "Ich dachte das sind nur Fantasien, das ist nur meine Verzweiflung", sagt Estibaliz C. auf die Frage, warum sie sich damals keine Hilfe geholt habe.

Beschimpfungen und Demütigungen

In Deutschland arbeitet sie als Au-Pair-Mädchen bei Bekannten ihrer Eltern. Dann lernt sie ihren zukünftigen Mann Holger H. kennen. Die Heirat sei schließlich seine Idee gewesen. Die Angeklagte stimmt zu. Nach der Hochzeit zieht das Paar nach Berlin, die Beziehung wird immer schwieriger. "Er war nicht mehr der gleiche Mann, den ich geheiratet habe", sagt Estibaliz C. Er habe sie angeschrien, niedergemacht und beschimpft, wenn sie beispielsweise nicht richtig Deutsch gesprochen habe. Die Schuld sucht sie bei sich selbst: "Ich habe geglaubt, dass er Recht hat, dass ich Schuld bin." Auch mit Holger H. wollte sie eine Familie gründen, Kinder haben. Doch Holger H. lehnt ab. Dann kommt der Umzug nach Wien. Estibaliz C. fängt als Kellnerin in einem Eissalon an. Die Eheleute leben in bescheidenen Verhältnissen. Das Klo liegt am Gang, es gibt kein warmes Wasser. "Wir haben schlechter gelebt als die Asylanten", beschreibt die Angeklagte. Ihre Eltern seien sie damals besuchen gekommen und hätten nicht verstanden, wie sie so leben konnte. Ihr Mann habe sich immer weiter von ihr distanziert, auch weil er in die Fänge einer Sekte geraten sei, so die 33-Jährige. In der Nähe des S-Bahnhofs Meidling machen die beiden einen Eissalon auf. Doch die Beschimpfungen hören nicht auf, sondern werden immer schlimmer. Auf die Frage der Richterin, ob es etwas Positives in ihrer Ehe gab, antwortet Estibaliz C.: "Nicht, dass ich mich jetzt erinnern kann."

Im Juni 2007 lernt Estibaliz C. schließlich Manfred H., ihren zukünftigen Partner, kennen und lieben. Im November 2007 lässt sie sich von Holger H. scheiden. Doch ihr neuer Partner lässt sie sitzen und geht zu seiner Ex-Freundin zurück. "Das war für mich wie ein Weltuntergang, ich war völlig ausgeliefert und wehrlos", sagt Estibaliz C. Mit ihrem Ex-Mann Holger H. hat sie weiterhin zusammen im Lager des Eissalons gelebt und gearbeitet.

Eislady gesteht unter Tränen

Im Jänner 2008 zieht sie dann zu einem anderen Mann, ihrem neuem Lebensgefährten. Doch Holger H. lässt sie nicht los und bestimmt nach wie vor ihr Leben. Im April 2008 sei es zu einer heftigen Diskussion gekommen. Holger H. sitzt am Computer. Estibaliz C. steht rechts hinter ihm. Im Regal liegt eine Waffe. "Ich habe die Waffe gesehen, habe sie genommen und geschossen", sagt die 33-Jährige mit ruhiger Stimme. In Erinnerung habe sie nur mehr den ersten und den zweiten Schuss. Insgesamt sind laut Anklage drei Schüsse gefallen. "Ich habe mich miserabel gefühlt", berichtet die Angeklagte. Sie habe gedacht, die Polizei komme gleich, es sei 15.00 Uhr am Nachmittag gewesen. "Ich dachte jeder hat die Schüsse gehört, aber niemand ist gekommen." Dann läutet plötzlich ihr Handy, sie wird im Eissalon verlangt und geht hinüber, um zu arbeiten. "Ich habe große Mühe aufgewandt, damit keiner merkt, was ich getan habe", erzählt die Angeklagte. Dann schildert Estibaliz C. detailliert, wie sie versucht, die Leiche zu entsorgen. Überall sei Blut gewesen, der Geruch nach Blut und Verwesungsgestank sei unerträglich gewesen. "Die Bilder in meinem Kopf, das war der Horror." Unter Tränen berichtet die 33-Jährige dann, wie sie den 130 Kilogramm schweren Körper ihres toten Ex-Mannes mit einer Kettensäge zerstückelt und die Leichenteile in eine Tiefkühltruhe legt. Monate später läuft der Mietvertrag für das Lager aus und Estibaliz C. betoniert die Leichenteile ein und befördert sie in den Keller des Eissalons. Zwei unwissende Helfer schleppen für sie die schwere Truhe die Treppen hinunter.

Im Schlaf erschossen

Die Beziehung zu ihrem damaligen Freund geht ebenfalls in die Brüche, weil er ihren Kinderwunsch nicht erfüllen will. Im Mai 2009 kommt dann Manfred H. (ein Fachmann aus der Eisbranche) zu Estibaliz C. zurück. Er hat sich von seiner Freundin getrennt und will nun doch eine Beziehung mit der Angeklagten eingehen. Gemeinsam arbeiten sie im Eissalon, er investiert in neue Geräte und eine Renovierung, bald schuldet Estibaliz C. ihm viel Geld. Doch auch diese Beziehung verläuft nicht harmonisch. "Er hat mich vor Mitarbeiterinnen und Kundinnen beschimpft", sagt die Angeklagte aus. Er habe ihre Figur kritisiert. Vor den Kunden habe er ihr gesagt, sie solle schneller gehen, damit sie ihren wabbeligen Hintern loswerde. Den versprochenen Heiratsantrag hat sie nie bekommen. Und schließlich entdeckt sie Sex-SMS von seiner Geliebten namens "Susi". Sie stürzt sich daraufhin ebenfalls in Affären, um Manfred H. zurückzugewinnen. Es folgen Selbstmordgedanken, eine Recherche nach Gift im Internet, dann nehmen die Mordgedanken überhand. Der Situation wendet sich laut Estibaliz C. am 14. November, als sie eine Partneranzeige ihres Freundes im Internet entdeckt. Eine Woche danach eskaliert der Streit: Nach einem Flirt beim Punschtrinken im Museumsquartier stellt Estibaliz C. ihren Lebensgefährten zur Rede. Zuhause wird gestritten und weitergetrunken. Beide halten sich ihre Affären vor. Estibaliz C. schlägt ihm schließlich vor zu gehen, er soll den Eissalon allein weiterbetreiben. Manfred H. lehnt ab, will sie nicht gehen lassen. Erst wenn das Geschäft Gewinn abwirft. "Ich hatte keine Perspektive mehr, ich habe mich völlig ausgeliefert gefühlt", sagt die 33-jährige. Manfred H. sei nach dem Streit einfach eingeschlafen und habe angefangen zu schnarchen. "Er zerstört mein Leben und schläft einfach weiter", schildert Estibaliz C. "Ich hatte die Pistole unter der Matratze. Ich habe sie rausgenommen und geschossen." Am nächsten Tag in der Früh zerteilt sie abermals die Leiche mit einer Kettensäge und legt die Leichenteile ins Auto und transportiert sie zu einer Tiefkühltruhe im Eissalon. Wieder betoniert sie die Leichenteile ein. Ihr aus Spanien angereister Bruder hilft ihr, die Gefäße in den Keller zu tragen, ohne zu ahnen, was sich darin befindet.

Einen Tag nach dem Mord trifft Estibaliz C. sich bereits mit Roland R. (47) zu einem Date. Ihn heiratet sie 2012 im Gefängnis. Er ist auch der Vater ihres Babys und ihm könnte sie nie etwas antun, wie sie vor Gericht beteuert. "Da hänge ich mich vorher selbst auf", sagt die 33-Jährige. "Ich will niemals wieder Unheil über irgendjemanden bringen." Sie könne sich aber nicht ohne Therapie kontrollieren. Auf die Frage, warum sie in der Situation so gehandelt habe und keine Alternative gesehen habe, sagt sie: "Das ist, wie wenn man ein Plastiksackerl über den Kopf hat, da muss man raus, da hat man keine Zeit zum Überlegen."

Der Ehemann von Estibaliz C. soll am Dienstag vor Gericht aussagen.

Kommentare

und bei dem tyrannen wird nun der kleine grossgezogen?
da hört alles auf

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