Proteste verzögern den Castor-Transport: Gegner blockieren Straßen zum Endlager

Umweltminister kritisiert die Blockadeaktionen Acht angekettete Aktivisten nach elf Stunden befreit

Proteste verzögern den Castor-Transport: Gegner blockieren Straßen zum Endlager

Mit weit schwereren Protesten als in vergangenen Jahren haben deutsche Kernkraftgegner die Ankunft des umstrittenen Atommüll-Transportes in Gorleben (Bundesland Niedersachsen) stark verzögert. Ursprünglich sollte die hoch radioaktive Fracht das Zwischenlager im niedersächsischen Wendland bereits am Montag in der Früh erreichen. Erst am späten Abend konnten alle angeketteten Kernkraftgegner von Behörden freigeschnitten werden.

Der deutsche Umweltminister Sigmar Gabriel (SPD) kritisierte die Blockadeaktionen der Demonstranten. "Das Besetzen von Gleisen können wir nicht akzeptieren", sagte Gabriel der Deutschen Presse-Agentur dpa. Der Vorsitzende der Deutsche Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, rügte die vorsichtige Einsatztaktik der Behörden scharf.

In Quickborn waren am Abend noch etwa 15 Traktoren ineinander verkeilt und blockierten so die Straße. In Grippel hatten sich acht Protestierer an Betonpyramiden gekettet. Die Polizei benötigte über drei Stunden, bis sie kurz vor 18 Uhr den ersten davon frei bekommen hatte. Bis die Polizei den letzten Aktivisten frei bekommen hat, dauerte es gut elf Stunden. Die Polizei arbeitete mit Presslufthämmern, Schweißgeräten und Betonsägen.

Grenzwerte überschritten
Zuvor hatte es Streit um die Strahlung des Transport gegeben. Bei den offiziellen repräsentativen Messung von insgesamt drei der elf Behälter in Dannenberg seien alle Grenzwerte eingehalten worden, betonte das niedersächsische Umweltministerium in Hannover. Dagegen kritisierte Greenpeace unter Hinweis auf eigene Messungen, die diesmal verwendeten französischen Atommüllbehälter setzten 40 Prozent mehr Strahlung frei als die alten Castor-Behälter.

Gewaltsamer Widerstand
Die Polizei beklagte eine hohe Gewaltbereitschaft der Demonstranten. Der Gesamteinsatzleiter der Bundespolizei, Thomas Osterroth, sagte, die Atomkraftgegner seien teils mit krimineller  Energie vorgegangen, etwa bei Unterhöhlungen von Gleisen. Auch sei mit Signalmunition auf Polizeihubschrauber geschossen worden. Unter den Demonstranten waren nach Erkenntnissen der Sicherheitsbehörden auch 800 bis 1000 Autonome, die als besonders gewaltbereit gelten.

Verzögerungen bei Transport
Der Transport war am Freitagabend in Frankreich gestartet. In der Nacht auf Montag kam der Zug aufgrund der massiven Proteste von Kernkraftgegnern schon deutlich später als erwartet am Verladebahnhof im niedersächsischen Dannenberg an. In unübersichtlichen Waldstücken war es zu Ausschreitungen gekommen. Drei Atomkraftgegner gelangten auf den fahrenden Zug. In Dannenberg wurden die Behälter dann am Montag von der Schiene auf Speziallastwagen umgeladen. Der letzte, rund 20 Kilometer lange Streckenabschnitt bis ins Zwischenlager musste dann auf der Straße zurückgelegt werden.

16.000 Polizisten
 Der Transport mit insgesamt elf Behältern enthält die Reste alter Brennelemente aus deutschen Kernkraftwerken. Der Müll wurde in der französischen Wiederaufarbeitungsanlage La Hague für die Zwischenlagerung in Container verpackt. 16.000 deutsche Polizisten schützen den Transport.

Endlager auch in Deutschland?
Der Transport entfachte auch die Debatte über den Bau eines Atommüll-Endlagers in Deutschland aufs Neue. Die konservative Union forderte einen Ausbau des Gorlebener Salzstocks zu diesem Zwecke. Gabriel plädierte jedoch ebenso wie das Bundesamt für Strahlenschutz dafür, dass das Lager Gorleben zumindest mit einem anderen möglichen Standort verglichen wird. Er warf Bayern und Baden-Württemberg "politische Feigheit" vor, weil diese Länder die Atomkraft zwar befürworten, sich aber gegen die Suche nach einem geeigneten Endlager in ihren Regionen sträubten. Das baden-württembergische Umweltministerium wies den Vorwurf zurück. Die Stuttgarter Regierung forderte vielmehr, die Eignung Gorlebens als Endlager weiter zu untersuchen.
(apa/red)