Kinderwunsch von

Der lange Weg zum Babyglück

Mutter mit Baby © Bild: iStockphoto.com

Immer mehr Menschen können auf natürlichem Wege keine Kinder bekommen. Künstliche Befruchtungen haben Hochkonjunktur. Drei betroffene Frauen erzählen ihre Geschichte: Wozu die Fertilitätsmedizin heute fähig ist und wie belastend Kinderlosigkeit sein kann.

Die Wienerin Karin O. wünschte sich sehnlichst eine Familie. Doch das Schicksal machte es ihr nicht leicht: Die 37-jährige Frau quälte sich nicht nur durch drei In-vitro-Versuche, um ihren heute 15-monatigen Sohn endlich in den Armen halten zu können. Sie verlor währen der langersehnten Schwangerschaft auch noch ihren Lebensgefährten und musste die letzten beiden Schwangerschaftsmonate alleine meistern.

Mit dem 30. Geburtstag kam auch der Kinderwunsch, erzählt sie. Mit ihrem Lebensgefährten führte sie eine glückliche Beziehung: "Wir haben darüber gesprochen, ob wir bereit dafür sind. Dann haben wir nicht mehr verhütet und ab und zu ,gebastelt'", schildert sie. Doch Monate vergingen, und nichts passierte. Mehrere Besuche bei der Gynäkologin führten immer wieder zum selben Ergebnis: alles okay. Karin sollte ohne Probleme schwanger werden können. Doch was die Gynäkologin übersah, ist das PCO-Syndrom. Das sogenannte Polyzystische Ovarialsyndrom ist eine Hormonstörung, gekennzeichnet durch unregelmäßigen Zyklus, die auch mit der Ernährung, einem Mangel an Bewegung und dem Körpergewicht zusammenhängt. Eine Erkrankung, die immer mehr Frauen betrifft. Hätte man PCO bei Karin O. früher erkannt, hätte das Paar nicht ein ganzes Jahr verloren.

Sie wechselte die Gynäkologin, ihr neuer Arzt ordnete zahllose Untersuchungen an. Die Wienerin machte Bluttests und eine Eileiterspiegelung, ihr Lebensgefährte ließ sich beim Urologen durchchecken, ein Spermiogramm wurde erstellt. Der Gynäkologe überwies das Paar an ein Kinderwunschzentrum.

Im Kinderwunschzentrum wollte man keine Zeit mehr verlieren. Karin O. begann nach weiteren Untersuchungen mit den Fertilitätsbehandlungen: Über zwei Wochen lang wird der Körper dabei hormonell stimuliert, damit nicht nur ein Eibläschen im Eierstock heranreift, das für die Befruchtung entnommen werden kann, sondern im Idealfall gleich mehrere. Die Patientinnen injizieren sich dabei follikelstimulierende Medikamente. Dass sie sich selber jeden Tag zur selben Zeit eine Spritze setzen musste, war eine enorme Herausforderung.

»Wir haben zig Tests gemacht. Mein Selbstwertgefühl war im Keller«

Die Hormonbehandlungen hat sie nicht gut vertragen. Eine Zeit, die das Paar an seine Belastbarkeitsgrenzen brachte. "Wir haben zig Tests gemacht. Mein Selbstwertgefühl war im Keller. Wenn mich nur einer schief angeschaut hat, sind schon die Tränen geflossen", erinnert sich die heute 37-Jährige.

Für die künstliche Befruchtung wird die Eizelle entnommen, was durchaus schmerzhaft sein kann und deshalb meistens unter Narkose passiert, außerhalb des Körpers befruchtet, im Labor kultiviert und dann wieder in den Körper eingesetzt. Andreas Obruca, Leiter des Kinderwunschzentrums Goldenes Kreuz: "Wenn die Eizellen herangereift sind, entnehmen wir sie durch die Scheidenwand. Das nennt man Punktion." Währenddessen gibt der Mann im Labor seinen Samen ab. "Der wird dann aufbereitet, gewaschen und gefiltert. Das macht eigentlich der Muttermund", erklärt Obruca. Die befruchtungsfähigen Samen werden in einer bestimmten Konzentration zur Eizelle dazugegeben. Im Brutschrank sollen sich die Samenzellen dann eigenständig mit der Eizelle verbinden. In den meisten Fällen sei der Samen aber nicht in der Lage dazu. Dann wendet man die ICSI-Methode an: Bei der Intrazytoplasmatischen Spermieninjektion wird die Samenzelle mit einem speziellen Mikroskop in die Eizelle injiziert. Dann beginnt die Zellteilung. Im Labor wird laufend kontrolliert, wie sich die Embryonen entwickeln. Sie werden nach Qualität klassifiziert. Nach dem dritten oder fünften Tag werden der oder die morphologisch schönsten Embryonen in die Gebärmutter eingesetzt. Mehr als zwei Embryonen kommen dabei nicht zur Anwendung, um das Risiko einer Mehrlingsschwangerschaft zu minimieren.

Druck und Machtlosigkeit

Der erste Versuch bei Karin O. schlug fehl. Beim zweiten Versuch reiften 16 Eibläschen heran, doch der Embryo nistete sich wieder nicht richtig ein. Solche Rückschläge sind für viele Paare nur schwer zu ertragen. Andrea Ertl ist Psychologin und weiß: "Wenn der Wunsch nach einer eigenen Familie nicht in Erfüllung geht, wird erst einmal die gesamte Lebensplanung in den Grundfesten erschüttert. Es entsteht ein großes Gefühl der Machtlosigkeit." Denn im Gegensatz zu anderen Lebensbereichen, etwa dem Job, hilft es nicht, sich einfach nur mehr anzustrengen. Das übt viel Druck aus: "Der Rest bleibt unbeeinflussbar. Viele Paare haben das Gefühl, etwas nicht zu schaffen, was für gefühlt alle anderen das Natürlichste und Einfachste der Welt ist." Das Paar ist mit seiner Situation oft allein, das Umfeld kann die Situation nur schwer nachvollziehen, meint die Psychologin. "Viele sprechen gar nicht mit Außenstehenden über das Thema. Es macht verletzlich."

»Es entsteht ein großes Gefühl der Machtlosigkeit«

Auch der finanzielle Druck lastet stark auf kinderlosen Paaren: Eine IVF-Behandlung kostet viel Geld. Der österreichische IVF-Fonds übernimmt zwar einen Großteil der Kosten von vier Erstversuchen, wenn die Frau unter 40 Jahre alt ist und sie die medizinischen Voraussetzungen für eine In-vitro-Fertilisation erfüllt, dennoch sind die Selbstbehaltkosten enorm. Zwischen 1.000 und 2.000 Euro pro Versuch müssen die Paare selber zahlen.

"Beim dritten Mal haben wir alles probiert, was nur geht", erinnert sich Karin O. "Wir haben unter anderem Assisted Hatching, eine Schlüpfhilfe für Embryonen, probiert, und es wurde Embryoglue verwendet, damit sich das Ei besser mit der Gebärmutterschleimhaut verbindet." Da klappte es endlich. "Als ich dann endlich schwanger war, fühlte ich mich so befreit. Endlich war der Druck weg und das furchtbare Gefühl, unfähig zu sein, schwanger zu werden." Vom Kinderwunsch bis zur Schwangerschaft hat es ganze vier Jahre gedauert. Karin O. hält ihren gesunden, 15 Monate alten Sohn fest in den Armen, während sie über die schlimmste Zeit ihres Lebens spricht. Denn als sie im 7. Monat schwanger war, verstarb ihr Lebensgefährte plötzlich und unerwartet. "Ich denke mir, wenn ich früher schwanger geworden wäre, wenn wir früher in die Kinderwunschklinik gegangen wären, dann hätte er seinen Sohn noch sehen können." Gedanken, die sie quälen. "Wenn der Kleine nicht wäre, würde ich vermutlich nicht mehr leben", sagt sie mit zittriger Stimme.

Zunehmend unfruchtbar

Die Ursachen für einen unerfüllten Kinderwunsch liegen zu beinahe gleichen Teilen beim Mann und der Frau. Bei Frauen können Eileiterverschlüsse dazu führen, dass eine Eizelle nicht in die Gebärmutter wandern kann, erklärt Obruca. Neben dem PCO-Syndrom sind Erkrankungen wie Endometriose, Störungen der Schilddrüse oder Diabetes mellitus häufig.

Die 32-jährige Lehrerin Sonja W. und ihr Mann haben es über zwei Jahre versucht, ohne Erfolg. Auch bei ihr wurde dann PCO und zudem bei ihrem Mann erschwerte Zeugungsfähigkeit festgestellt. "Es lag an beiden, warum es nicht funktioniert hat", erzählt sie. Das ist bei vielen Paaren der Fall. In den seltensten Fällen liegt die Kinderlosigkeit nur an der Frau. Bei Männern wird eine zunehmende Verschlechterung der Samenqualität beobachtet. Ein Phänomen, das auch bei jüngeren Paaren auftritt. "Rauchen, Schlafmangel, schlechte Ernährung und Stress sind unter anderem Gründe, warum sich die Samenqualität verschlechtert", so Obruca. Aber auch Krankheiten, die zu spät oder nicht erkannt wurden, können die Fertilität beeinträchtigen. "Wenn ein Hodenhochstand in der Kindheit zu spät operiert wurde, kann es zu einer Schädigung des Hodens kommen. Hormonelle oder genetische Störungen sind beim Mann eher selten."

Im Video: Risikoschwangerschaft- was bedeutet das?

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Sonja und ihr Mann wandten sich an ein Kinderwunschzentrum und begannen mit einer Behandlung, die Sonja als anstrengend in Erinnerung hat: "Während der Hormonbehandlungen fühlte ich mich aufgedunsen, hatte Bauchschmerzen, ähnlich wie bei der Periode. Ich fühlte mich auch sehr emotional, litt unter Darmproblemen und unreiner Haut". Doch schon beim ersten Mal klappte es: Heute ist Sonja in der 18. Schwangerschaftswoche.

Ein Wettlauf gegen die Zeit

Wie erfolgreich ein einzelner In-vitro-Versuch ist, kann statistisch schwer gesagt werden und hängt von vielen Faktoren ab, insbesondere vom Alter der Patientin. Denn obwohl die Fertilitätsmedizin weit fortgeschritten ist, kann sie die Zeit nicht aufhalten. Sonja W. würde heute früher zum Arzt gehen, meint sie. "Ich habe es viel zu lange hinausgeschoben. Wenn man das Gefühl hat, es funktioniert auf natürlichem Wege nicht, sollte man gleich zum Spezialisten gehen und sich anschauen lassen", so die 32-Jährige.

»Bei Frauen ab 40 zählt quasi jedes Monat«

Die generell spätere Familienplanung unserer Gesellschaft erschwert die Empfängnisbedingungen: "Menschen möchten heute zuerst Karriere machen. Aber viele haben falsche Vorstellungen und glauben, dass sie auch mit 40 noch ganz leicht schwanger werden können", kritisiert Gynäkologe Michael Feichtinger. Wichtig sei, dass man möglichst bald professionelle Hilfe in Anspruch nehme, wenn es auf natürlichem Wege länger als zwölf Monate nicht klappt. "Bei Frauen ab 40 zählt quasi jedes Monat", so der Arzt. Experten sind sich einig: Je jünger die Patientin, desto eher sind erfolgreiche Schwangerschaften möglich. Ein Gesetz, das das Höchstalter für eine In-vitro-Fertilisation regelt, gibt es in Österreich aber nicht. Das bedeutet, dass eine Schwangerschaft grundsätzlich bis zur Menopause möglich - wenn auch eher unwahrscheinlich - wäre. "Die Eizellen einer Frau sind bereits seit ihrem eigenen Embryonalstadium angelegt", erklärt der Embryologe Reinhard Schwarz vom Kinderwunschzentrum Vivaneo. Er meint, dass viele Frauen oft nicht ausreichend darüber informiert werden, dass ihre Eizellenreserve und -qualität ab 35 stark abnehmen und drastisch sinken. Da kann auch eine IVF-Behandlung in manchen Fällen nichts mehr ausrichten. Im Durchschnitt sind seine Patientinnen 36 Jahre alt, aber auch Patientinnen bis 45 kommen zu ihm. Dass In-vitro-Schwangerschaften eher Fehlbildungen zur Folge haben, sei ein Mythos: Studien hätten gezeigt, dass ein Fehlbildungsrisiko bei einer IVF-Behandlung nicht oder nur unwesentlich höher sei, als bei einer natürlichen Konzeption, erklärt der Embryologe. Auch hier ist der entscheidende Faktor das Alter der Eizelle.

Im Video: Späte Mütter - mehr Zwillinge?

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Spätes Familienglück

Auch wenn es schwierig ist, ist eine späte Schwangerschaft nicht unmöglich. Die 47-jährige Oberösterreicherin Elisabeth S. (Name von der Redaktion geändert) begann mit 39 Jahren mit der IVF-Behandlung. Heute ist sie Mutter einer Sechsjährigen. Drei Versuche hat es gedauert, bis die Apothekerin endlich schwanger wurde. Sie und ihr Partner wollten es zumindest einmal probiert haben, erzählt sie. "Wir hatten aber einen Plan B, wie unser Leben ohne Kinder ausgesehen hätte, das nahm viel Druck von uns." Der dritte Versuch wäre auch ihr letzter gewesen. Auch sie rät Frauen, besser früh als spät medizinische Hilfe in Anspruch nehmen: "Je länger man wartet, desto größer wird der Druck, den man sich selber macht." Sie meint, dass Frauen, die sich erst später dazu entschließen, Mutter zu werden, heute nicht mehr so sehr mit Vorurteilen zu kämpfen hätten. Die Reaktionen aus ihrem Umfeld waren überwiegend ermutigend und positiv. Sich früh über den Kinderwunsch Gedanken zu machen, spiele einem dennoch positiv in die Hände. Denn auch, wenn die Möglichkeiten der Medizin heute enorm sind, sind sie nicht grenzenlos.

Wer die Strapazen einer künstlichen Befruchtung auf sich nimmt, hat einen starken Kinderwunsch. Für Karin O. und die anderen Frauen hat sich der lange Leidensweg ausgezahlt: Sie haben sich den Traum von einer eigenen Familie doch noch erfüllen können.

Im Video: Reportage Hebammenambulanz im AKH