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Warum ohne Migranten
rein gar nichts geht

Politik - Warum ohne Migranten
rein gar nichts geht © Bild: Infografik: Karin Netta

Zahlenmäßig sind sie eine Minderheit. Doch gleich vier wichtige Branchen hierzulande könnten auf ihre Mitarbeit so gar nicht verzichten. Experten bestätigen, dass dem Arbeitsmarkt ohne Nichtösterreicher etwas fehlen würde. Und dass sie ohnehin nicht einfach wieder verschwinden

Immer dann, wenn er gefragt werde, warum man ausländische Arbeitskräfte überhaupt brauche, antworte er mit einem Gedankenexperiment, sagt Peter Huber: „Stellen Sie sich einfach vor, alle Ausländer würden über Nacht Österreich verlassen.“ Die Folge wären verheerend: Produktionsstillstände in den Werkshallen, alte Menschen, deren Pflegerinnen nicht auftauchen, Krankenhäuser ohne jedes medizinische Personal. Denn der österreichische Arbeitsmarkt, so der Experte des Wirtschaftsforschungsinstituts (Wifo), sei ohne Ausländer kaum vorstellbar. Das zeigt sich auch an den vorliegenden Zahlen. Laut dem Hauptverband der Sozialversicherungsträger haben bei insgesamt 3,69 Millionen Beschäftigten 728.304 Migranten im Land Arbeit gefunden. Fast 660.000 dieser Menschen kommen aus Europa, 66 Prozent von diesen wiederum aus EU-Mitgliedstaaten. Am beliebtesten ist das Arbeitsland Österreich bei seinen Nachbarn. Aus Deutschland kommen etwas mehr als 98.000 Menschen, aus Ungarn 85.000.

Stark vertreten sind die Zuwanderer vor allem in Tourismus, Bau, Reinigung und Pflege. Huber geht in diesen vier Branchen von einer Ausländerquote von 25 bis 30 Prozent aus. Allerdings gibt es unterschiedliche Vorlieben je nach Herkunft.Deutsche und Italiener zieht es eher in den freiberuflichen Bereich sowie in den Dienstleistungssektor. Hingegen ist ein Viertel bis ein Fünftel der Türken in der Sachgüterproduktion beschäftigt. Polen wählen vermehrt das Bauwesen. Ungarn, Tschechen und wieder Türken gehen gerne in den Tourismus. „Gut ein Drittel der Ungarn sind in der burgenländischen Gastronomie zu finden“, sagt der Arbeitsmarktforscher. Bulgaren und Rumänen präferieren wirtschaftliche Dienstleistungen.

„Wichtig ist dabei, dass jeder einzelne davon zur Wirtschaftsleistung Österreichs beiträgt.“ So werde im Bereich der Altenpflege und häuslichen 24-Stunden-Pflege die Arbeit bereits zu 97 Prozent von Nichtösterreicherinnen geleistet, „vor allem von Frauen aus der Slowakei und aus Rumänien“, sagt Huber.

Zweite Generation

Die Tendenz zu ausländischer Arbeitskraft zeigt sich im gesamten Pflegebereich. „Wir werden auf diese Ressource nicht verzichten können und sollten es auch gar nicht wollen“, sagt Ursula Frohner, Präsidentin des Österreichischen Gesundheits- und Krankenpflegeverbandes (ÖGKV). Ihre Organisation, die an die 100.000 Pflegekräfte vertritt, fragt die Staatsbürgerschaft allerdings nicht ab. Frohner bestätigt aber, dass viele Migrationshintergrund hätten: „Der Einstieg in die Pflege erfolgt meist über die mobile Pflegedienste und Langzeitpflegeeinrichtungen, und hier arbeiten viele Migranten der zweiten oder dritten Generation.“ Für sie ein Vorteil: „Es ist jetzt schon klar, dass wir in Zukunft auch viele Klienten aus dem Migrationsbereich haben werden.“ Dann seien Pflegekräfte mit einem ähnlichen kulturellen oder religiösen Hintergrund nur hilfreich. Überhaupt, so Frohner, würden in den kommenden 15 Jahren 2,6 Millionen Menschen als chronisch krank gelten: „Das betrifft leider nicht nur alte Menschen, sondern auch solche im mittleren Alter oder Kinder.“ Außerdem werde die häusliche Pflege durch Angehörige – derzeit werden 45 Prozent der Menschen noch im Familienverband gepflegt – auch aufgrund der komplizierteren Therapievarianten deutlich zurückgehen.

© News Stoegmueller Katharina Auftrag „Wir reden hier genauso vom Universitätsprofessor wie vom analphabetischen Flüchtling“ Peter Huber Arbeitsmarktexperte des Wifo

Vielen Patienten kommen in diesem Fall in Pflegeeinrichtungen oder Krankenhäuser. Und landen dann dort wieder auch bei ausländischem Pflegepersonal. Am Allgemeinen Krankenhaus (AKH) in Wien sind zwölf Prozent der 7.400 Mitarbeiter im medizinischen Bereich (ohne Ärzte) nicht aus Österreich, dafür kommen sie gleich aus 52 verschiedenen Ländern, sagt AKH-Sprecherin Karin Fehringer. Allerdings gebe es auch hier Präferenzen:
„30 Prozent unserer Mitarbeiter kommen aus Serbien, 17 Prozent aus Deutschland.“

Traurig sei in diesem Zusammenhang vor allem, dass Ausländer nach wie vor im Niedriglohnsektor Arbeit finden, auch wenn das nicht für alle Nationalitäten gelte, sagt Huber: „Bei Deutschen merkt man etwa kaum eine Überqualifizierung im Beruf.“ Das Arbeitsverhältnis hänge eben neben der Qualifikation vor allem von der Sprache ab: „Ohne Deutschkenntnisse arbeiten viele ein bis zwei Stufen unter ihrer formalen Qualifikation.“ Das bestätigt auch die ÖGKV-Präsidentin: „Sprache ist eine Schlüsselkompetenz in der Pflege. Niemand muss akzentfrei sprechen können, aber die Kommunikation muss in beide Richtungen funktionieren.“ Das ist bei einem alten Menschen, der vielleicht auch Dialekt spricht, ein wichtiger Faktor für das Funktionieren der Arbeitsbeziehung.

Doch so wichtig kann eine Arbeit gar nicht sein, dass sie nicht trotzdem schlecht entlohnt wird. „Die Bezahlung ist auch ein Thema und benachteiligt jene, die in er Langzeitpflege tätig sind“, sagt Frohner: „Und genau diese Bezahlung ist dann auch ein Grund, warum sich manche à la longue aus dem Beruf wieder verabschieden.“

Was jedenfalls fehlt, sagt ÖGKV-Chefin Frohner, ist eine politische Strategie, insbesondere für den Umgang mit den wachsenden Problemen, etwa im Langzeitpflegebereich.

Denn nach wie vor ist es so, dass Nichtösterreicher zum Teil jene Jobs machen würden, die Österreicher nicht machen wollen – und die sind eben genau im niedrigqualifizierten Bereich. „Ein Zuwanderer aus einem Drittstaat (Anm.: einem Land außerhalb der EU) muss das nehmen, was er kriegt“, so der Wifo-Experte. Wenn er überhaupt noch ins Land darf. Immerhin sehen österreichische Einreisebestimmungen zur Zeit vor, dass aus Drittstaaten nur noch Hochqualifizierte mit der Rot-Weiß-Rot-Card (Anm.: einer Art Arbeitsvisum) oder Saisonniers einreisen dürfen.

© Infografik: Karin Netta Lediglich 9,5 Prozent der hier arbeitenden Zuwanderer kommen nicht aus der geografischen Umgebung der neuen Heimat

Über den Erwartungen

Anerkannte Flüchtlinge und subsidiär Schutzberechtigte spielen in der Beschäftigungsstatistik Österreich hingegen keine überragend große Rolle. Und dass, obwohl laut dem Vorstand des Arbeitsmarktservice (AMS), Johannes Kopf, die Integrationserfolge bei dieser Gruppe „über den Erwartungen“ liegen. So haben etwa 36 Prozent der Menschen aus der Fluchtbewegung 2015/2016 eine Beschäftigung gefunden, wie auch 28 Prozent der Geflüchteten vom Jahr darauf. Das deutsche Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) rechnet vor, dass 50 Prozent der Asylberechtigten in Deutschland innerhalb von fünf Jahren in den Arbeitsmarkt integriert würden. Hält die Tendenz an, steht Österreich laut AMS damit besser als da als prognostiziert. Dies sei, so Kopf, auch der guten Wirtschaftslage geschuldet. Gleichzeitig sind 30.346 Asylberechtigte und subsidiär Schutzberechtigte noch ohne Job oder in einer AMS-Schulung.

Kontakte in die Heimat

Doch manchmal ist Migration einfach auch nur zu Unrecht negativ besetzt. So sei eine Wirkung von Zuwanderung, so Wifo-­Forscher Huber, „dass die indirekten Kontakte ins Herkunftsland steigen“. Das bedeute dann unter anderem mehr Direktinvestitionen oder auch mehr Kooperationen und Zusammenarbeit bei Forschung und Entwicklung zwischen Unternehmen im neuen und alten Heimatland.

Migration ist zudem oft zu einseitig charakterisiert: „Immerhin meinen wir damit sowohl den Universitätsprofessor wie auch den analphabetischen Flüchtling.“

Die Punzierung von Nichtösterreichern, die auch die Politik derzeit in einem großen Ausmaß vornimmt, führt jedoch in eine Sackgasse. Das zeigt sich auch in der aktuellen Diskussion um die Lehrausbildung von Geflüchteten in Mangelberufen. Die Wirtschaft – vertreten etwa durch den neuen Präsident der Wirtschaftskammer, Harald Mahrer – würde sich diese Ausbildung nämlich sehr wünschen – auch, um eine wesentliche Lücke bei ihrem Nachwuchs schließen zu können. Trotzdem hält die Regierung bislang an ihrem Grundsatz fest, dass eine solche Lehre nicht grundsätzlich einen Grund für einen positiven Asylbescheid darstellen dürfe. Der schwelende Streit dürfte noch lange nicht ausgestanden sein.

Zwei Arten

Migration findet jedoch in jedem Fall statt. „Ob wir das wollen oder nicht: Wir können es uns nicht aussuchen“, so Wifo-Forsscher Huber. Zuwanderung passiere auf zwei Arten: Durch große Fluchtbewegungen – ausgelöst durch Hungersnöte oder kriegerische Auseinandersetzungen – oder durch den Zuzug aus den europäischen Nachbarländern. Huber: „Es ist jedenfalls auch in Zukunft von keinem dramatischen Rückgang bei der Zuwanderung auszugehen. Wir werden weiterhin auf dem Niveau bleiben, auf dem wir jetzt stehen.“ Außerdem wäre diese große Menge an benötigten Arbeitskräften ohnehin nicht so leicht ersetzbar.

Und darüber sollten wir uns freuen. Denn selbst die rund 345.000 aktuell Arbeitssuchenden können die 728.000 von Ausländern besetzten Stellen nicht abdecken. Nicht nur, weil es auch Stellen sind, die so manch Österreicher gar nicht übernehmen will. Sondern schlicht deshalb, weil auch unter den Joblosen wieder Ausländer zu finden sind.

Dieser Artikel erschien ursprünglich in der Printausgabe 38 2018