Lieber Chaos als Skandal

Ein paar Mal schon wurde es eng für Maria Vassilakou. Parkpickerl-Ausweitung, die Fußgängerzone in der Mariahilfer Straße, eine patscherte Rücktrittsandrohung und der parteiinterne Zoff rund um den Heumarkt: Die grüne Vizebürgermeisterin ist immer noch da. Wie macht sie das?

von Politik - Lieber Chaos als Skandal © Bild: APA/Hochmuth

Wir schreiben Tag fünf nach der Abstimmung im Wiener Gemeinderat über das Hochhaus am Heumarkt, und Maria Vassilakou hat gut lachen. Über ihre eigene Persiflage bei den Staatskünstlern nämlich, die am Vorabend über den Bildschirm flimmerte. "Diese Lockenwickler - ich hab so gelacht." In den vergangenen Wochen schien es eher, als wäre jetzt "Schluss mit lustig" für die grüne Vizebürgermeisterin. Sie hatte sich für den Bau eines Hochhauses am Wiener Heumarkt ausgesprochen. Und daran festgehalten, als parteiinterne Gegner - nur des Projekts oder auch ihrer selbst? - eine Urabstimmung dagegen organisierten. Diese ging knapp gegen das Hochhaus aus, doch im Gemeinderat trugen die Grünen die Flächenwidmung durch.

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"Mir war bewusst, dass es für mich sehr, sehr eng wird, wenn diese Abstimmung im Gemeinderat nicht positiv ausgeht", sagt sie. Was die Konsequenz gewesen wäre? "Ich habe gelernt, mir nur über das Gedanken zu machen, was ist, und mich nicht in Sorgen und Negativszenarios zu suhlen", wehrt sie ab. Nur so viel: "Uns ist allen bewusst in der Politik, dass eine Situation kommen kann, die man nicht mehr meistern kann. Das weiß man, wenn sie eingetreten ist. Bis dahin gilt es, weiterzumachen." So hielt sie es auch, wenn es früher eng wurde: bei der Erweiterung des Parkpickerls, beim Streit um die Mariahilfer Straße oder als sie ihren Rücktritt angekündigt hatte für den Fall, dass die Grünen bei der Wien-Wahl schlechter abschneiden als im Jahr 2010, und dann nicht gehen wollte. Das muss man einmal aussitzen. "Beim Heumarkt hat mir sicher geholfen, dass ich auf sieben Jahre Erfahrung zurückblicke und nicht das erste Mal mit einer schwierigen Situation konfrontiert war", sagt sie.

Ich - und die anderen

Kritik kommt nun fast mehr aus der eigenen Partei als vom politischen Gegner. "Wir sind sehr ernüchtert", sagt einer aus der grünen Basis, der gegen das Heumarkt-Hochhaus gekämpft hat. "Die liebe Maria ist nicht besonders motiviert, die Bezirke frühzeitig einzubinden. Sie betreibt eine machiavellistische Machtpolitik, schafft Tatsachen, im letzten Moment kommt dann ein Anruf aus ihrem Büro - auf lässig: Wir haben euch eh informiert."

Dagegen klingt es aus der ÖVP fast anerkennend: "Sie ist im persönlichen Umgang nicht zwider. Was man sich mit ihr ausmacht, das hält. Sie sagt klar ihre Meinung. Sie ist professionell. Ihre einzige Schwäche ist die Parteibasis." Beate Meinl-Reisinger (Neos) wundert sich allerdings, "dass sie sich so für das Heumarkt-Projekt starkgemacht hat, während sie an anderen Stellen gegen Immobilienspekulanten wettert. Da misst sie mit zweierlei Maß."

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Maria Vassilakou hat ihre eigene Erklärung dafür, dass ihre Projekte so turbulent verlaufen. "Jeder in einer Regierungsposition hat genauso viel zu bewältigen wie ich und muss das können. Der Unterschied zwischen den anderen und mir ist, dass die Schwierigkeiten, die sich im Laufe meines Handelns ergeben, wesentlich öffentlicher abgehandelt werden. Wenn es bei anderen Kollegen vermeintliche Skandale gibt, geht man nach ein paar Tagen zur Tagesordnung über. Um mich gibt es Daueraufgeregtheit. Das liegt wesentlich daran, dass es nur eine rot-grüne Regierung, nämlich in Wien, gibt. Jeder, der Rot-Grün zu Fall bringen will, konzentriert sich auf mich. Das Label, das Spindoktoren der Gegner für mich ausgesucht haben, heißt offenbar Chaos. Daran hab ich mich gewöhnt. Ist mir lieber als Skandal."

Auch in anderen Parteien würden von der Basis Dinge verhindert, meint die Grüne, "sonst hätten wir ja längst einen Mindestlohn, eine Bildungsreform, eine Steuerreform und vieles mehr. Doch zur Selbstinszenierung des mächtigen Mannes, der die Partei führt, gehört: Er entscheidet, und alle stehen Habtacht. Da sind wir bei Frauen-und Männerbildern in Führungspositionen. Wir sind gebunden in den Inszenierungen der Tschauner-Bühne: mächtiger Patriarch, schwache, chaotische Frau. Entweder sie nimmt seinen Schutz an, oder sie ist eine Bissgurn." Vielleicht auch deshalb gehört Vassilakou zu den meistangefeindeten Politikerinnen. "In der Politik muss man sehr aufpassen, weil zwei Dinge drohen: Das eine ist Hybris und das Gefühl einer relativen Unverwundbarkeit. Das andere Abstumpfung. Ich arbeite daran, dass ich beidem nicht zum Opfer falle. Ich kann in meinem Leben alles gut verkraften, das ich als verständliche Reaktion einstufen kann. Man kann schimpfen, man kann sogar eine unbedachte Drohung ausstoßen. Doch es gibt rote Linien, die nicht überschritten werden dürfen." Ob man als Frau mehr aushalten muss? "Gegenfrage: Muss man als Frau wirklich mehr aushalten? Jede Frau wird die Antwort wissen." Dass das nicht so sein sollte, "hebe ich mir als Wunsch an den Weihnachtsmann für ein nächstes Leben auf".

"Kenne meinen Nachfolger"

Apropos nächstes Leben und Unzufriedenheit in ihrer Partei: Wie geht sie mit dem eigenen politischen Ablaufdatum um?"Mir war von Anfang an vollkommen klar, dass es auch einmal einen politischen Nachwuchs geben muss. Bei den Grünen können Junge zeigen, was sie draufhaben. Ich gebe eine klassische Michael-Häupl- Antwort: Es würde mich wahnsinnig überraschen, wenn ich meine Nachfolgerin oder meinen Nachfolger heute nicht kennen würde. Aber wir wissen weder, wann, noch, wer konkret es sein wird." Wird es "unblutiger" ablaufen als in der SPÖ?"Davon gehe ich aus."

Bei den Staatskünstlern lehnt die Häupl- Parodie die Einladung, mit "Mary" als zerrüttetes Paar in der "Karlich Show" aufzutreten, mit den Worten ab: "Nur über meine Leiche." Sie zögert kurz und sagt: "Ah so, na dann komm ich gern." Auch darüber hat die echte Maria Vassilakou sehr gelacht.