Politik von

Sind politische Inhalte
irrelevant geworden?

Politik - Sind politische Inhalte
irrelevant geworden? © Bild: APA/Georg Hochmuth

Die Sommergespräche zur Nationalratswahl 2019 machten deutlich, wie unterschiedlich die Parteivorsitzenden sind. Doch ehrlich, an welche Antworten der SpitzenkandidatInnen kann man sich im Detail erinnern? Wohl an die wenigsten. Keine Sorge, das ist ganz normal. Was wir allerdings alle haben, ist unser persönlicher Eindruck, den wir von diesen PolitikerInnen haben.

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Und letztendlich geht es doch darum, wem wir zutrauen, unsere eigenen, ganz persönlichen Interessen am besten zu vertreten. Zutrauen ist ein Gefühl, und eben kein faktischer Inhalt. In der Wahlzelle entscheidet letztendlich unser Gefühl, wem wir unsere Stimme geben.

Warum machen Politikerinnen und Politiker so unterschiedliche Eindrücke? Warum hinterlassen Sie so unterschiedliche Gefühle bei den Zuseherinnen und Zusehern? Ich bin der Sache auf den Grund gegangen, und habe die Spitzenkandidatinnen in Hinblick auf Ihre Kommunikationsfilter analysiert. Die wichtigsten Ergebnisse lesen Sie hier. Beobachten Sie nicht nur die SpitzenkandidatInnen Sebastian Kurz, Pamela Rendi-Wagner, Norbert Hofer, Beate Meinl-Reisinger, Maria Stern und Werner Kogler, sondern auch sich selbst. Wir mögen nämlich jene Menschen, die so sind, wie wir selbst sind, oder so, wie wir gerne wären.

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Werner Kogler möchte die aktuellen Probleme durch Konsens lösen. Er spricht viel von Dingen, die vermieden und verändert werden müssen. Die Quelle seiner Motivation ist ihn ihm selbst. Er hat einerseits gerne den Überblick und geht andererseits bei vielen Fragen der Interviewpartner sehr ins Detail. Seine Aufmerksamkeit ist auf sich selbst gerichtet. Er blickt seinen Gesprächspartnern kaum ins Gesicht. Auf Belastungen reagiert er kognitiv und zeigt wenig bis keine Emotionen. Er agiert objektbezogen und ist auf Prozeduren und Abläufe konzentriert. Er meint, was er für gut bewertet, sei auch für alle anderen Menschen gut.

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Bei Maria Stern fällt auf, dass Sie auf Widerstand geht. Ihre Mimik ist aussagekräftig. Ich beobachte ein häufiges leichtes Kopfschütteln verbinden mit einem etwas abwertendem Gesichtsausdruck. Sie ist sehr proaktiv und möchte von der aktuellen politischen Situation wegkommen. Stern zeigt eine starke Motivation für ihre Sache, sie geht sehr ins Detail. Gerechtigkeit und Anerkennung scheinen ihr sehr wichtig zu sein. Ihre Aufmerksamkeit ist auf sich selbst gerichtet. Sie zeigt kaum Gefühle. Sie ist durch Inhalte zu überzeugen. Ihre Sprache ist klar und grammatikalisch fehlerfrei. Stern ist eine gute Zuhörerin.

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Beate Meinl-Reisinger geht es um ein „gemeinschaftliches Wir“ und um Konsens. Anerkennung ist ihr besonders wichtig. Sie spricht von Dingen, die vermieden werden sollen, und von Dingen, die erreicht werden sollen, gleichermaßen. Meinl-Reisinger hat gerne einen Überblick und sie geht an für sie persönlich interessanten Stellen durchaus ins Detail. Sie braucht Inhalte, um überzeugt zu sein. Meinl-Reisingers emotionales Verhalten, das sie in ihren Reden zeigt, äußert sich in Gefühlen über eine Sache, über einen Inhalt oder über eine Beobachtung, die sie gemacht hat. Meinl-Reisingers Arbeitsstil ist kooperativ. Sie möchte mit anderen arbeiten und Verantwortung teilen. Sie meint, was für sie gut ist, auch für andere gut sei. Sie geht davon aus, dass alle Menschen ähnlich sind. Meinl-Reisinger muss etwas sehen, um überzeugt zu werden und zu sein. Sie braucht diese Informationen immer und immer wieder, praktisch jeden Tag neu.

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Norbert Hofer agiert wie ein klassischer Unternehmer. Es geht ihm darum, seine Vorhaben umzusetzen, wie z.B. Dekarbonisierung oder die Nahverkehrsmilliarde. Er agiert leistungsorientiert und recht emotionslos. Aus meiner Sicht nutzt er das System von FPÖ und einer möglichen Koalition mit der ÖVP, um Möglichkeiten zu finden, die ihn persönlich weiterbringen. Der ihm zugeschriebene sympathische Eindruck begründet sich aus meiner Sicht daher, dass er reaktiv wirkt, sich kooperativ zeigt, personenbezogen agiert und jedem seine Perspektive lässt. Auf die Frage von Tobias Pötzelsberger, wie er dazu stehe, als "Wolf im Schafspelz" wahrgenommen zu werden, ist mir besonders Hofer's plötzlich veränderte Körperhaltung aufgefallen, die ich als einzigartig und für ihn unangenehm im Verlaufe des Gesprächs erlebt habe.

Rendi-Wagner
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Pamela Rendi-Wagner verwendet viele Sprachmuster der Reziprozität, der Gegenseitigkeit. „Wie Du mir, so ich Dir.“, oder „Das ist ungerecht, dagegen müssen wir etwas tun.“ Sie scheint eher reaktiv zu sein. Sie analysiert und sie überlegt. Sie wartet eher darauf, dass jemand anderer Initiative ergreift, auf die sie dann gerne aufspringt. Einen großen Teil ihrer Redezeit verwendet sie zu erklären, was die Probleme sind und dass man endlich davon wegkommen muss. Rendi-Wagner ist eher durch das Urteil äußerer Quellen motiviert. Rendi-Wagner bevorzugt die Detailebene. Sie braucht Inhalte, um überzeugt zu sein. Rendi-Wagner reagiert in normalen beruflichen Belastungen im politischen Kontext emotional. Sie reagiert mit einem Gefühl und bleibt während des gesamten Zeitraums bei diesem Gefühl. Dies ist erkennbar an ihrer Gestik, Mimik, Stimmlage, Tonlage und Geschwindigkeit des Sprechens.

ÖVP-Obmann Sebastian Kurz
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Sebastian Kurz macht einen furchtlosen Eindruck. Es geht ihm um Verstehen und Begreifen. Er ist absolut proaktiv. Er ist auf ein Ziel fokussiert, er spricht davon, was aus seiner Sicht gewonnen und erreicht werden kann. Kurz denkt in Optionen und Möglichkeiten, das hält ihn motiviert. Etwas auf eine neue Art und Weise zu erledigen und neue Ideen zu diskutieren, haben ein große Anziehungskraft auf ihn. Er möchte tiefgreifende Veränderungen und sieht diese als notwendig an, um seine eigenen Werte zu erfüllen. Aus seinen Reden erkennen wir, dass er ganz klare Vorstellungen hat, wie die Zukunft sein soll. Kurz zieht es vor, den Überblick zu haben und auf der konzeptuellen Ebene zu arbeiten. Er geht kaum ins Detail, sondern kümmert sich darum, dass alle Beteiligten in die gleiche Richtung gehen. Kurz’ Richtung seiner Aufmerksamkeit ist auf die Menschen in seiner Umgebung gerichtet. Er schenkt seinen Gesprächspartnern ungeteilte Aufmerksamkeit. Kurz verwendet den Sinneskanal des Hörens, um überzeugt zu werden. Er hört auf das, was gesagt wird. Er sammelt diese Informationen eine Zeit lang, bevor er entscheidet. Kurz reagiert auf die an ihn gestellten Fragen komplett anders als seine politischen Mitbewerberinnen und Mitbewerber. Er gibt wenig direkte Antworten, sondern nutzt jede Frage für eine kurze Spontanrede, seine Botschaft zu vermitteln.

Ohne auf die politischen Inhalte einzugehen sehen wir, wie unterschiedlich die SpitzenkandidatInnen agieren und sich präsentieren. So lösen sie bei den Zuhörenden unterschiedliche Gefühle und Emotionen aus, und zwar vollkommen unbewusst. Achten Sie also nicht mehr nur auf die Inhalte, die PolitikerInnen präsentieren. Achten Sie darauf, WIE sie es machen. Letztendlich zählt nämlich der Eindruck, den wir haben. Inhalte spielen eine untergeordnete Rolle. Wir geben der Person, zu der wir das größte Zutrauen haben, unsere Stimme. Zutrauen ist ein Gefühl.

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Zum Gastautor: Thomas W. Albrecht ist Experte für Profiling & Mentale Transformation. Er entwickelte einen speziellen Blick auf die Kunst der Rede als Ausdruck von Kultur und Wertehaltungen. Für seine treffsicheren Analysen setzt er auf eine gelungene Kombination verschiedenster bewährter Ansätze der Psychologie, sowie aus NLP 4.1, Hypnotherapie und Spiral Dynamics. In seinem Buch "Die Rhetorik des Sebastian Kurz | Was steckt dahinter?" beschreibt er die Wirkkraft von Sprache, Körperbewegung und Emotion. Mehr dazu unter www.mentale-innovation.com