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Erdoğans Geisel

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Erdoğans Geisel © Bild: Reuters

Eine deutsche Journalistin wird eines Tages in der Türkei festgenommen. Grund nennt man ihr keinen. Sie sitzt mit ihrem Sohn acht Monate in Haft und darf bis heute nicht ausreisen. Jetzt spricht Meşale Tolu über ihren kafkaesken Fall

Sie sind deutsche Staatsbürgerin, in Ulm geboren, und waren in der Türkei als Journalistin tätig. Was ließ Sie ins Visier der Justiz geraten?
In der Türkei werden seit einiger Zeit die demokratischen Rechte mit Füßen getreten. In der türkischen Geschichte gab es immer wieder kritische Zeiten, wo Journalisten, Schriftsteller oder Oppositionelle verfolgt und eingesperrt wurden oder ins Exil flüchten mussten. Seit etwa Mitte 2015 geht die Regierung gegen alle kritischen Stimmen vor, seien es Akademiker, Studierende oder Journalisten. Die Nachrichtenagentur, wo ich bis vor meiner Verhaftung als Journalistin und Übersetzerin gearbeitet habe, erfuhr öfters staatlichen Druck und ist seit Jahren im Visier des Staates gewesen. Durch meine Mitarbeit in dieser oppositionellen Nachrichtenagentur traf das auch auf mich zu.

Ahnten Sie, dass Sie verhaftet werden könnten und lebten in Angst davor?
Generell war mir klar, dass der Staat repressiv gegen jegliche Kritik vorging, aber dass ich ­direkt von dieser Bedrohung betroffen sein könnte, war mir anfangs nicht klar. Doch wenn Sie sich die Lage in der Türkei anschauen, werden Sie feststellen, dass keiner, der sich gegen die Regierung äußert oder deren massives Vorgehen gegenüber Oppositionellen kritisiert, verschont bleibt. Weder Ärzte noch Studierende. Ich kannte also die politische Situation vor meiner Verhaftung. Diese Masseninhaftierungen zielen gerade darauf ab, ein generelles Gefühl der Angst und der Einschüchterung innerhalb der Gesellschaft zu erzeugen. Daher ist es sehr wichtig, sich von dieser Angst zu befreien.

Wie lief Ihre Verhaftung ab?
Ich wurde im Morgengrauen aus dem Schlaf gerissen. Dreieinhalb Stunden lang durchsuchte die Polizei meine Wohnung, und ich wurde in Anwesenheit meines kleinen Sohnes ständig beschimpft und bedroht. Niemand sagte mir, weshalb sie mich festnahmen. Es lag zu Beginn ein Geheimhaltungsbeschluss vor. Ich wurde anschließend ins Polizeipräsidium gebracht. Dort war ich sieben Tage in Gewahrsam und wurde dann dem Untersuchungsrichter vorgeführt. Erst nach dieser Woche erfuhr ich vor Gericht von den Vorwürfen, die gegen mich erhoben wurden, und ich kam in Untersuchungshaft.

Was warf man Ihnen nun vor und welche Beweise gab es?
„Mitgliedschaft in einer terroristischen Organisation und Terrorpropaganda“, wie es hieß. Beweismittel, die dies belegen könnten, liegen keine vor. Es wurden lediglich Fotos von Veranstaltungen, an denen ich als Journalistin teilgenommen habe, in die Akte eingefügt. Zudem gibt es einen ominösen Zeugen, der über mich ausgesagt haben soll. Bis zum heutigen Tag hat es dieser Zeuge nicht geschafft, per Videoschaltung vor Gericht auszusagen, daher ist es fraglich, ob es ihn überhaupt gibt.

Sie landeten im Frauengefängnis. Wie ging es dort zu?
Sie inhaftierten mich in Bakırköy, einem Stadtteil Istanbuls. Gemeinsam mit 19 Frauen saß ich in einer Gemeinschaftszelle. Diese Zellen sind zweistöckig, mit zwölf Zimmern zu je zehn Quadratmeter. Es haben jeweils zwei Frauen in einem Zimmer ein Stockbett zur Verfügung. Viel Raum bleibt einem da nicht. Dafür wird der Gemeinschaftsraum genutzt, wo gemeinsam gegessen, diskutiert und gelesen wird. Der Hof wird morgens um sieben aufgesperrt und bleibt bis sechs am Abend offen. Zwei Mal am Tag kommen die Wärterinnen und machen eine Zählung, um sicherzustellen, dass alle noch da sind.

Sie haben einen zwei Jahre alten Sohn. Wie kam er zu Ihnen ins Gefängnis, und wie erging es ihm dann dort?
Ich war 16 Tage lang von ihm getrennt. Dann brachte ihn meine Familie in das Gefängnis. An diesem Tag gab es einen offenen Besuchstag, das heißt Kontakt zur Familie ohne Fenster dazwischen. Mein Sohn war natürlich sehr irritiert und verängstigt, da er diese Situation ja gar nicht kannte. Zudem sah er mich das erste Mal seit 16 Tagen und war vollkommen verwirrt. Die Haftzeit war anfangs sehr anstrengend mit einem Kind, da mein Sohn sich an diese Umstände nicht gewöhnen konnte. Er wollte nach Hause, in sein Bett, in die gewohnte Umgebung, jedoch war das nicht möglich, und ich verbrachte sehr viel Zeit damit, ihm das zu erklären. Später war er froh, bei mir sein zu dürfen, und alles wurde etwas besser. Wir spielten sehr viel mit ihm und versuchten, alles Mögliche zu tun, damit es ihm gut ging.

Hat sich Präsident Erdoğan oder ein anderer hochrangiger Politiker jemals zu Ihnen und Ihrem Fall geäußert?
Nein, weder er noch ein anderer hochrangiger türkischer Politiker hat sich direkt dazu geäußert.

Sie wurden dann im Dezember 2017 freigelassen. Ihnen wurden aber die Papiere abgenommen und Sie dürfen bis zum Prozess nicht ausreisen. Was würde geschehen, sollten Sie verurteilt werden?
Ich war fast acht Monate lang eingesperrt und habe mich bereits drei Mal vor Gericht verteidigt. Mein vierter Prozess­termin ist erst für den 16. Oktober angesetzt. Bisher wurde nur meine Meldepflicht aufgehoben, meine Ausreisesperre aber weiter aufrechterhalten. An eine Verurteilung wage ich gar nicht erst zu denken. Laut Juristen werden hochgerechnet bis zu 20 Jahre Haft für mich gefordert. Doch ich weiß, dass ich nichts Falsches gemacht habe, daher werde ich mich weiterhin vor Gericht verteidigen und versuchen, meine Unschuld zu beweisen. Wenn die Justiz unabhängig und frei ist, dann wird sie das auch sehen. Wenn nicht, kann ich sowieso nichts tun, um an dieser politischen Entscheidung irgendetwas zu ändern.

Fühlen Sie sich als politisches Faustpfand Erdoğans gegenüber Deutschland?
Ich bin eine von sehr vielen, die wegen ihrer oppositionellen Meinung festgenommen und inhaftiert wurde. Tausende Menschen in der Türkei erleben dasselbe, was ich erlebt habe. Der einzige Unterschied besteht darin, dass ich einen deutschen Pass habe und aufgrund meiner Ausreisesperre nicht in meine Heimat zurückkehren darf. Dies ist natürlich bedauerlich und unrechtmäßig, denn ich habe meinen Lebensschwerpunkt und meine Familie in Deutschland und werde nun quasi in diesem Land festgehalten.

Wovon leben Sie derzeit und wie kann man Sie unterstützen und Ihnen helfen?
Solange meine Situation ungeklärt bleibt, kann ich keiner normalen Arbeitsroutine nachgehen. Ich schreibe als freie Journalistin für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften, wenn das Interesse besteht, und versuche so, meinen Lebensunterhalt zu finanzieren.

Dieses Interview ist ursprünglich in der Printausgabe (Nr. 25/2018) erschienen!