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Daniela Kickl: "Kurz ist
der Opportunist schlechthin"

Politik - Daniela Kickl: "Kurz ist
der Opportunist schlechthin" © Bild: Daniela Kickl

Daniela Kickl ist nicht nur die Cousine des ehemaligen Innenministers Herbert Kickl. Mit Briefen an den Cousin beobachtet und kommentiert die 48-jährige Autorin in ihrem Blog auf kritische und humorvolle Weise auch das tagesaktuelle Geschehen in der österreichischen Politik. Im Interview mit news.at verrät sie unter anderem, ob sie ihr Nachname eigentlich nervt, wie sie zu "Herbert" steht und was sie von der neuen Bundeskanzlerin hält.

Sie schreiben seit 2017 Ihren politischen Blog mit den Briefen an Ihren „lieben Cousin Herbert“. Hat er jemals auf Ihre Briefe reagiert?
Bei mir persönlich nicht, aber mindestens einmal musste er sich tatsächlich ein Brieferl anhören. Das war das Brieferl Nummer 112, es wurde von der Nationalratsabgeordneten Martha Bißmann im Parlament verlesen. Sie hatte mich zuvor gefragt, ob ich Lust auf einen Brief hätte, den sie dann vortragen würde.
Er selbst hat sich nicht bei mir gemeldet. Mein erstes Buch habe ich ihm per Einschreiben ins Innenministerium zukommen lassen, er dürfte es wenigstens bekommen haben. Damit meine Fans und Follower mitfiebern konnten, hab ich die Trackingnummer auf Facebook und Twitter veröffentlicht. Gesagt hat Herbert jedoch nichts dazu.

Wie darf man sich das Verhältnis zu Ihrem Cousin vorstellen?
Es ist so: Unsere gemeinsamen Großeltern in Kärnten hatten 14 Kinder. Mein Vater ist noch vor meiner Geburt nach Wien gezogen um Polizist zu werden. Herberts Vater ist in Kärnten geblieben, in Radenthein, insofern sind wir also vollkommen getrennt voneinander aufgewachsen. Ich kann mich auch erinnern, dass wir in den Sommerferien manchmal in Kärnten waren und unsere Verwandtschaft getroffen haben. Aufgrund der Größe unserer Familie könnte ich jetzt aber nicht bestätigen, ob der Herbert einmal dabei war oder nicht.

Wir trafen uns allerdings im Jahr 1989 auf der Universität. Mein Vater hatte mich zuvor angerufen und mir gesagt, dass ein Cousin aus Kärnten nach Wien käme, um wie ich Politikwissenschaften zu studieren und ich möge schauen, ob ich ihn finden und ihm helfen könne. Tatsächlich konnte ich ihn dann einmal bei einer Vorlesung ausfindig machen und habe ihm meine Hilfe angeboten. Er hat sie allerdings nie in Anspruch genommen.

»Die meisten Leute kennen Kickl nicht einmal«

Nervt es Sie manchmal eigentlich, dass Sie mit Herbert Kickl in Verbindung gebracht werden?
Es nervt mich überhaupt nicht. Eigentlich ist die Namensgleichheit absolut irrelevant. Manchmal mache ich mir den Spaß, wenn jemand meinen Nachnamen wissen will, und sage: „Kickl, wie der Innenminister“. Die meisten Leute kennen ihn aber nicht einmal (lacht). Viele sind offenbar gar nicht so interessiert an Politik.

Sie haben einmal gesagt, dass Ihre Familie nur positive Reaktionen auf Ihren Blog hat…
Es scheinen sich nur jene bei mir zu melden, die lieber meine Brieferln als von Herberts Politik lesen.

Ihre Familie ist sehr groß. Wie kann man sich den – wenn man so will – den Kickl-„Clan“ vorstellen? Sind Sie politisch das „schwarze Schaf“ oder ist es eher Ihr Cousin?
Das kann man so nicht sagen. Die Reaktionen, die ich aus der Familie bekomme, sind nur positiv. Das bedeutet natürlich nicht, dass es nicht auch andere Meinungen dazu gibt. Möglicherweise gibt es von anderen genauso gut Zuspruch für Herbert. Das kann ich nicht beurteilen. Ich habe mich aber wirklich sehr gefreut, dass sich andere Cousins und Cousinen bei mir gemeldet haben und mir zugestimmt haben.

Sie haben vorhin von Ihrer Studienzeit gesprochen. Lässt sich die Entwicklung Ihres Cousins hin zur FPÖ nachvollziehen? War das für Sie absehbar?
Es haben mich viele Leute angeschrieben, die mit ihm in der Schule waren oder ihn einen Teil seiner Jugend begleitet haben. Mir haben eigentlich alle erzählt, dass Herbert damals ein lebenslustiger, netter junger Mann war und auch wenn ich an unser Treffen zurückdenke: Es wäre mir nichts Eigenartiges aufgefallen. Ich weiß allerdings nicht, ob er eher zufällig in die FPÖ „reingeschlittert“ ist oder ob er von Anfang an aus Überzeugung dabei war.

»Die FPÖ vertritt ihre Ansichten extrem. Was nicht gleichzeitig bedeutet, dass sie immer Unrecht hat.«

In Ihrem Blog schreiben Sie eher über das Trennende zwischen Ihnen und Herbert Kickl. Gibt es auch politische Ansichten, die Sie mit Ihrem Cousin teilen?
Vorausschickend möchte ich sagen: Jedes meiner Brieferl im Blog beginnt zwar mit der Anrede „Lieber Cousin Herbert“, aber ich kommentiere die gesamte politische Situation. Dabei steht Herbert also nicht immer im Zentrum.

Grundsätzlich denke ich mir, dass das Problem der FPÖ darin besteht, dass sie in ihren Ansichten sehr extrem ist. Dass es zum Beispiel natürlich nicht sein kann, dass jemand ins Land kommt, der nach rechtlichen Grundlagen nicht da sein darf, und dass das auch exekutiert werden muss, ist klar. Ich glaube, dass auch jeder diese Ansicht teilt, der ein gesundes Empfinden hat. Genauso wie jeder normale Mensch es als Unrecht empfinden wird, wenn beispielsweise gut integrierte Lehrlinge abgeschoben werden.

Die FPÖ vertritt ihre Ansichten extrem. Was nicht gleichzeitig bedeutet, dass sie immer Unrecht hat. Aber sie instrumentalisiert und hetzt auf. Das erschwert oft inhaltliche Diskussion.

»Haben wir denn in diesem Land nicht auch qualifizierte Menschen, die vielleicht nicht bei Wehrsportübungen mitgemacht haben?«

Wie blicken Sie auf die politische Landschaft Österreichs?
Derzeit ist die Lage natürlich sehr, sehr spannend. Es bleibt einmal abzuwarten, wie es mit der neuen Übergangsregierung weitergeht. Wobei ich ja vor kurzem vernommen habe, dass der neue Verkehrsminister damals gemeinsam mit HC Strache an den „Paintball-Übungen“ teilgenommen hat. Da denke ich mir grundsätzlich schon: Haben wir denn in diesem Land nicht auch qualifizierte Menschen, die vielleicht nicht bei solchen Wehrsportübungen mitgemacht haben? Die erste Zuversicht hat also rasch ihren ersten Dämpfer bekommen.

Wie würden Sie es beurteilen, dass es einer Übergangsregierung bedarf, damit Österreich seine erste Bundeskanzlerin der Geschichte bekommt?
Ich hoffe, dass unser Bundespräsident, dem ich im Übrigen mein Vertrauen schenke, den Posten des Bundeskanzlers nicht nach dem Kriterium ausgewählt hat, dass es eine Frau sein muss. Ungeachtet dessen: Wer wäre objektiv besser geeignet als die Präsidentin des Verfassungsgerichtshofes?

Natürlich freue ich mich, dass es eine Frau ist. Auch wenn es natürlich kein Qualitätsmerkmal sein sollte, ob ein Mann oder eine Frau ein politisches Amt bekleidet. Auf der anderen Seite erinnere ich an die ehemalige britische Premierministerin Margaret Thatcher. Das war eine Frau, mit deren Politik ich gar nicht konnte.

»Ich habe das Gefühl, dass Rendi-Wagner nicht den Rückhalt in der SPÖ hat«

Wenn wir schon über Bundeskanzlerinnen reden: Wenn man sich die Spitzenkandidaten für die nächste Nationalratswahl ansieht, steht vorerst nur eine Spitzenkandidatin fest, nämlich die SPÖ-Chefin Pamela Rendi-Wagner. Glauben Sie, dass sie – ungeachtet aktueller Umfragewerte – das Zeug zur Bundeskanzlerin hätte?
Ich möchte sagen, ja. Ich habe aber ein wenig das Gefühl, dass sie nicht den Rückhalt der gesamten SPÖ genießt, und dass die Partei nicht so gefestigt hinter ihr steht wie sie es tun sollte. Ich persönlich halte von Frau Rendi-Wagner ausnehmend viel: Sie ist eine unglaublich sympathische, blitzgescheite und hübsche Frau, die sehr angenehm ankommt. Sie hat eine gute Mischung aus einer gewissen Ruhe und Distanziertheit, zeigt aber auch genügend Energie. Also auf ihre Gesamtpersönlichkeit bezogen könnte ich sie mir sehr gut als Bundeskanzlerin vorstellen.

Die größte Hürde sehen Sie in diesem Fall also eher innerhalb der eigenen Partei?
Wenn ich mich da an ihre Ansprache zur Einbringung des Misstrauensantrags im Fernsehen erinnere, die sie gehalten hat, da hatte ich irgendwie schon das Gefühl, dass das nicht ganz das ist, was sie selbst vertritt. Die Ungereimtheiten in der Partei fallen schon auf: Sie sagt das eine, dann vermeldet Hans-Peter Doskozil aus dem Burgenland das andere.

Grundsätzlich ist es eine gute Sache, wenn innerhalb einer Partei viel diskutiert wird. Die Frage ist nur, inwieweit das auch in der Öffentlichkeit stattfinden sollte und ob man nicht auch schauen sollte, dass man eine fundierte gemeinsame Linie findet. Ich hoffe sehr, dass in der Phase des Wahlkampfes gute Inhalte kommen und die Leute auch wirklich gute Gründe haben werden, die SPÖ wählen zu können.

Haben Sie damit gerechnet, dass Türkis-Blau nicht die volle Legislaturperiode durchhält?
Am Anfang hatte ich wirklich gedacht, dass sich diese Regierung vielleicht vorzeitig auflöst. Die Zusammenarbeit entwickelte sich dann aber doch betont sehr harmonisch und schmälerte meine Zuversicht. Erst am Sonntag schwärmte ÖVP-Generalsekretär Nehammer in der ORF-Diskussion „Im Zentrum“ wieder von einer tollen gemeinsamen Arbeit mit der FPÖ und was sie nicht alles für das Land geleistet hätten. Dass so ein Video auftaucht und die Koalition sprengt, damit hat natürlich niemand gerechnet.

Glauben Sie, dass der Ibiza-Skandal das Misstrauen gegenüber Politik generell erhöht hat?
Auf der einen Seite habe ich den Eindruck, dass sich sehr viele Menschen überhaupt nicht für Politik interessieren. Das ist auch legitim ist, denn jeder soll sein eigenes Leben führen können, ohne sich andauernd Gedanken um die Politik machen zu müssen. Dafür haben wir 183 Volksvertreter im Parlament.

Auf der anderen Seite denke ich mir, dass es auch ganz viele Politikverdrossene gibt, die überhaupt nicht mehr wählen wollen, weil es eh „wurscht“ ist. Ich hab vor kurzem mit einem Herrn gesprochen, der ein sehr großer Kurz-Fan ist und habe versucht zu erklären, warum er nicht die beste Wahl sei. So habe ich ihm beispielsweise von 13 Mio. Euro Wahlkampfkosten erzählt, mit denen man leicht jede Sprechpuppe zum Kanzler machen kann. Seine Antwort war: „Na glaubst, die anderen sind besser?!“ Das Gefühl der Politikverdrossenheit spielt da schon eine große Rolle.

»Sebastian Kurz ist für mich der Opportunist schlechthin«

Weil Sie es gerade erwähnt haben: Warum ist Sebastian Kurz denn nicht die beste Wahl?
Vorweg: Ich bin kein großer Freund der FPÖ, wirklich nicht. Aber wenigstens haben sie den Vorteil, dass man bei dieser Partei weiß, wo sie steht. Das kann einem dann gefallen oder nicht. Der Sebastian Kurz hingegen ist für mich der Opportunist schlechthin. Er hat das gleiche glitschige Auftreten wie damals Karl-Heinz Grasser und man hat abgesehen vom Inhaltlichen einfach das Gefühl, dass er wirklich alles tun würde, nur um an der Macht zu bleiben. Das ist nicht nur unsympathisch, sondern vielmehr gefährlich.

Was wird nach der Nationalratswahl in Ihrem Brief an den „lieben Cousin Herbert“ stehen?
Das ist die Frage. Am liebsten wäre es mir, wenn ich keine Brieferl mehr schreiben müsste, weil wir so eine tolle Regierung haben, dass ich mich nicht mehr täglich aufregen muss. (lacht) Ich fürchte aber, dass dieser Fall nicht eintreten wird.

Wäre das tatsächlich eine Option für Sie, dass Sie mit dem „Brieferl“-Schreiben aufhören, wenn die Regierung zu Ihrer Zufriedenheit arbeiten würde?
Ich glaube nicht. Ich schreibe deshalb, weil mich das Thema bewegt und weil ich das Gefühl habe, dass auch ich etwas bewegen kann. Ein Fan von mir hat das einmal so herzig formuliert: „Das Leben funktioniert auch ohne Brieferl, aber es wäre nicht mehr so schön. Bitte schreib‘ weiter“. (lacht)

Andere Follower von mir schreiben wiederum, dass sie tendenziell deprimiert sind, wenn sie Nachrichten lesen, was ich gut nachvollziehen kann. Deswegen lesen sie auch keine mehr, aber sie warten auf meine Brieferl, weil sie damit auch informiert sind, aber zumindest dabei schmunzeln können. Was die Zukunft letztendlich bringt, wird man eh sehen.

»Bei der Brexit-Debatte hab ich das Gefühl, dass wir in einem abstrusen Parallel-Universum gelandet sind.«

Der Auslöser für Ihren Blog war ja Ihre Unzufriedenheit mit der globalen Gesamtsituation. Hat sich daran inzwischen etwas verändert für Sie?
Die globale Situation hat sich in keinster Weise verbessert. Bei meinem ersten Buch über Apple ist mir richtig klar geworden, welche kruden Auswüchse der Kapitalismus in sich birgt, wo Menschen tatsächlich ruiniert werden. Der aktuelle Präsident der USA ist ein eigenes Kapitel und bei der Brexit-Debatte hab ich das Gefühl, dass wir in einem abstrusen Parallel-Universum gelandet sind..

Was müsste sich Ihrer Ansicht nach ändern?
Ich würde mir wünschen, dass die politischen Energien, die aufgewendet werden um Feindbilder zu erzeugen, konstruktiv umgewandelt werden. Statt auf das Destruktive abzuzielen, also zum Beispiel das Auftreten gegen Ausländer oder unter der Ära Kurz auch gegen die „Sozialschmarotzer“ und die „Durchschummler“ sollten wir Maßnahmen für die Bewältigung der Klimakrise setzen. Und wenn wir dann auch noch eine ordentliche Arbeits- und Sozialpolitik schaffen, dann sehe ich der Zukunft wieder optimistischer entgegen.

Zur Person: Daniela Kickl studierte Publizistik und Politikwissenschaften an der Uni Wien und absolvierte das Studium der Betriebswirtschaftslehre an der WU Wien. Nach ihren Tätigkeiten im IT-Bereich beim Magistrat der Stadt Wien und Apple ist sie erfolgreiche Buchautorin und Bloggerin.

Event-Tipp, nicht verpassen: Am Mittwoch, den 5. Juni, hält Daniela Kickl um 19:00 die Lesung "Lieber Cousin Herbert" in den Breitenseer Lichtspielen