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Politische Abenteurer
im EU-Wahlkampf

Politik - Politische Abenteurer
im EU-Wahlkampf © Bild: Die Gr?nen/Karo Pernegger

Mit Sarah Wiener mischt eine weitere prominente Quereinsteigerin den EU-Wahlkampf auf. Was können und was wollen die Neuen eigentlich?

Der Anfang war, wie immer, zauberhaft. Aber nur einen Tag nach Bekanntgabe ihrer Kandidatur ereilte Sarah Wiener die harte Realität via Facebook-Posting. Martin Margulies, dritter Landtagspräsident in Wien, artikulierte den Frust der grünen Urgesteine in aller basisdemokratischer Offenheit: Wiener sei sympathisch, aber thematisch zu wenig breit aufgestellt. „Weniger Show – mehr Inhalt“, hätte er sich gewünscht, mit altgedienten grünen Mandataren an vordersten Stellen.

Die Kandidatur der prominenten Fernsehköchin und Unternehmerin, die für die österreichischen Grünen bei der Europa-Wahl im Mai hinter Werner Kogler auf zweitem Listenplatz antritt, sorgt allerdings nicht nur für Frust bei Teilen der grünen Basis, sondern auch für große Aufmerksamkeit. Alle relevanten deutschen Zeitungen widmeten ihr Berichte. Die „Süddeutsche Zeitung“ findet es „ernst zu nehmen“, wenn die 56-jährige Österreicherin nun in die Politik geht, das „Handelsblatt“ schreibt von einem PR-Coup.

Schlechte Werbung sieht anders aus, auch wenn Wiener glaubwürdig versichert, die möglichen Auswirkungen ihrer Kandidatur aufs Geschäftliche nicht so genau durchgedacht zu haben. „Für mich ist es natürlich auch ein großes Abenteuer, das muss ich nicht verhehlen“, sagt sie gegenüber News. „Es kam überraschend und war nicht in meiner Agenda vorgesehen. Aber vorgesehen war in meinem Leben bisher überhaupt wenig. Ich habe mich so gut wie immer darauf verlassen, was ich für richtig halte.“

© picturedesk.com Mercedes Echerer: Die Schauspielerin kandidierte 1999 bei der EU-Wahl für die Grünen

Überzeugung der bunten Truppe

Sarah Wiener war eine junge, alleinerziehende Sozialhilfeempfängerin, als sie im Berliner Restaurant ihres Vaters als Küchenhilfe anfing und sich langsam nach oben arbeitete. Heute betreibt sie ein Restaurant im Berliner Kunstmuseum Hamburger Bahnhof, setzt sich mit der Sarah-Wiener-Stiftung für gesunde Ernährung ein und ist vor allem als Fernsehköchin ein Begriff. Legendär ihre Arte-Rundfahrten mit einem roten VW-Käfer. Und jetzt also: keine „kulinarischen Abenteuer“ mehr (so der Name der Sendung), sondern politische.

In einem ersten Schritt bedeutet das, sagt sie, der grünen Basis ihr Angebot zu unterbreiten. Trotz erster Widersprüche. „Die Grünen sind eine bunte Truppe, die Vielfalt der Meinungen schätzt und fördert. Mir ist klar, dass nicht einer von oben befiehlt und alle folgen. Ich begrüße diese demokratischen Bedenken und die Auseinandersetzungen. Den Show-Vorwurf finde ich allerdings nicht angemessen. Ich denke, ich habe in den letzten 15 Jahren bewiesen, dass es mir in Ernährungs- und in politischen Fragen keineswegs um Show geht.“

Ihren inhaltlichen Schwerpunkt, Ernährung, sieht Wiener in engem Zusammenhang mit vielen anderen Fragen. „An dem Thema kann man sehen, was alles schiefläuft und was wir für Herausforderungen haben. Ernährung bedeutet ja nicht nur, sich an den Tisch zu setzen und ein mehr oder weniger gutes Schnitzel zu essen. Es hat mit Klimaschutz zu tun, mit Land Grabbing, mit gesunden Böden, Tierhaltung, Preispolitik, Subventionierung der Landwirtschaft – bis hin zur Flüchtlingskrise, die mit Ernährungsproblemen in den Herkunftsländern zusammenhängt.“

© DIETMAR STIPLOVSEK / APA / picturedesk.com Hans-Peter Martin: 1999 eine Kandidatur für die SPÖ, dann mit eigener Liste im EU-Parlament

Erfolgreicher Kunstgriff

Mit der Kandidatur von Sarah Wiener bedienen sich die Grünen eines Kunstgriffs, der schon in der Vergangenheit manch politischen Erfolg garantiert hat: Quereinsteiger, prominente, vom politischen Alltagsgeschäft unbelastete Persönlichkeiten, bringen Aufmerksamkeit und frischen Schwung. Idealerweise. Wenn es schlecht läuft, springen die Neuen von einem rhetorischen Fettnäpfchen ins andere, sind den harten Konfrontationen nicht gewachsen, geben nach wenigen Jahren frustriert auf – oder bleiben politisch unauffällig bis hin zur Unsichtbarkeit. Klassisch der Fauxpas, der dem damaligen SPÖ-Spitzenkandidaten Eugen Freund vor der Europa-Wahl 2014 unterlief: Der ehemalige ORF-Nachrichtenmoderator hatte in einem Interview das Durchschnittseinkommen eines Arbeiters auf 3.000 Euro brutto geschätzt, in Wahrheit lag es damals bei 1.616 Euro. Ein Patzer, der ihm lange nachhing.

Andere politische Quereinsteiger, die in den letzten Jahren bei EU-Wahlen antraten: Ursula Stenzel und Karl Habsburg für die ÖVP (1996), Hans-Peter Martin für die SPÖ und Mercedes Echerer für die Grünen ( jeweils 1999). Stenzel ist als nicht amtsführende FPÖ-Stadträtin in Wien als einzige noch politisch einigermaßen aktiv.

Die ÖVP arbeitete bei der Nationalratswahl 2017 großzügig mit prominenten Namen wie Kira Grünberg, Rudolf Taschner oder Maria Großbauer. Bei der bevorstehenden EU-Wahl setzt sie auf Ex-Moderator Wolfram Pirchner, der auf dem sechsten Listenplatz kandidiert. Pirchner, lange prägendes Gesicht des gemächlichen ORF2-Vorabendprogramms und seit eineinhalb Jahren im ORF-Ausgedinge, ist als Kandidat des Seniorenbunds vor allem als Angebot an ältere Wählerinnen und Wähler zu verstehen. Inhaltlich wolle er noch nicht zu sehr ins Detail gehen, sagt Pirchner, denn das könnte zum jetzigen Zeitpunkt falsch interpretiert werden, aber am Herzen lägen ihm grob gesprochen: die soziale Komponente, die Pflegethematik, das aktiv Altern und „natürlich das Sicherheitsthema“.

Vor allem aber begeistere ihn die Stimmung, die seit der vergangenen Nationalratswahl im Land herrsche. „Ich nehme diese Aufbruchstimmung sehr persönlich, weil ich sie auch in mir verspüre. Es geht darum, dass wir aufhören uns ständig schlechtzumachen und einen wertschätzenden Umgang miteinander lernen. Ich sehe meine Rolle als Übersetzer. Als Botschafter der EU in Österreich. Ich möchte die EU spür- und erlebbar machen. Der Kennzahlenüberbringer werde ich nicht sein, da haben wir sehr kompetente Menschen in unserem Team.“

Dass er nur ein hübscher Aufputz für die ÖVP-Liste sei, bestreitet Pirchner mit Verve: „Das ‚hübsch‘ ist schon lange vorbei. Und wenn man mich nach meiner Kompetenz fragt oder unterstellt, dass ich ein politisches Leichtgewicht bin, antworte ich: Wenn man darunter versteht, dass ich noch nicht im EU-Parlament gesessen bin, ja. Aber Neuanfang mit 60 plus, Lust auf Politik, das ist es. Dieser neue Stil, die absolute Begeisterungsfähigkeit. Sonst würde ich es nicht machen, glauben Sie mir.“

Während Pirchner der Europa-Wahl am 26. Mai auf relativ sicherem sechstem Listenplatz entspannt entgegensehen kann, geht es bei Sarah Wiener um alles oder nichts. Die Grünen bräuchten für den Einzug von zwei Mandataren rund neun Prozent Stimmanteil, jüngste Umfragen sehen sie bei sieben Prozent. Und bevor es an den Wählerstimmenfang geht, gilt es, erst einmal das Wohlwollen der grünen Basis zu gewinnen. „Ich kommuniziere gerne und ich liebe Menschen“, sagt Wiener, „das wird mir also auch persönlich viel bringen. Es ist schwierig, einerseits nicht in leeren Politjargon zu verfallen, andererseits aber auch nichts zu sagen, was jetzt auf einmal auf die Waagschale geknallt wird, weil man plötzlich päpstlicher als der Papst sein muss. Ich glaube, dass die grüne Basis sich überzeugen lassen wird, dass ich eine Freundin der grünen Werte bin.“

© Seniorenbund / OTS Wolfram Pirchner: Bis 2017 moderierte der Tiroler die ORF2-Sendung „Heute leben“, seitdem engagiert er sich politisch für die ÖVP

Abenteurerin mit Realitätssinn

So unterschiedlich Sarah Wiener und Wolfram Pirchner in puncto Hintergrund, Mission und Auftreten sind, eines eint sie: Die Überzeugung, mit ihrer Kandidatur etwas verändern zu können. „Es ist wichtig, dass Menschen, die Interesse und Ideale haben, sich in die Politik einbringen. Gerade in Zeiten, in denen Berufspolitiker diffamiert werden und nicht mehr mit der Gesellschaft und den kleinen Menschen verbunden sind“, formuliert Wiener. Und fügt, ganz Frau von Welt, Unternehmerin aus eigener Kraft und Abenteurerin mit einem gewissen Realitätssinn, hinzu: „Ich weiß auch, eine Wiener macht noch keinen Sommer.“ Für den Anfang reicht vielleicht auch ein grüner Frühling.

Dieser Artikel erschien ursprünglich in der Printausgabe von News (Nr. 8/2019)