Polen trauern um ihren Präsidenten: Lech Kaczynski kam bei Flugzeugcrash ums Leben

Regierung hat einwöchige Staatstrauer angeordnet Vermutlich löste ein Pilotenfehler die Tragödie aus<br>Mehr als 90 Menschen verloren bei Absturz ihr Leben

Polen trauern um ihren Präsidenten: Lech Kaczynski kam bei Flugzeugcrash ums Leben © Bild: Reuters

Der Tod des polnischen Staatspräsidenten Lech Kaczynski und zahlreicher weiterer Menschen bei einem Flugzeugabsturz in Russland hat weltweit für tiefe Trauer gesorgt. Tausende Polen gedachten am Sonntag in Warschau mit zwei Schweigeminuten der 97 Opfer des Unglücks nahe der westrussischen Stadt Smolensk. Am Unglücksort hatten noch am Samstag die Ministerpräsidenten von Russland und Polen, Wladimir Putin und Donald Tusk, Blumen niedergelegt.

Ganz Polen stand unter Schock: In der Hauptstadt waren die Straßen um den Präsidentenpalast und der nahe gelegene große Pilsudski-Platz nach Bekanntwerden der Schreckensnachricht voll von Menschen, die Kerzen entzündeten, Blumen niederlegten und die polnische Fahne schwenkten. Viele stimmten die Nationalhymne an. "Er war unser Präsident, unabhängig von unseren Meinungen", sagte Malgorzata Blasik, eine Frau in den 30ern, die nach eigenen Angaben keine Anhängerin von Kaczynskis rechtskonservativer Politik war.

Trauergottesdienst
"Wir beten für unser Vaterland", sagte Kardinal Stanislaw Dziwisz bei einer Messe in der Kathedrale auf dem Wawel, der ehemaligen Residenz der polnischen Könige in Krakau. In Warschau strömten Tausende zu einer Messe in die Militärkirche. Der Gottesdienst wurde auf Leinwänden übertragen, da die Kirche nicht alle Besucher fassen konnte. Auch andernorts gedachten viele Bürger in Messen der Toten.

Alle 97 Insassen tot
Beim Absturz der polnischen Präsidentenmaschine, einer Tupolew-154, waren am Samstagvormittag nahe Smolensk alle 97 Insassen ums Leben gekommen. An Bord des Flugzeugs waren unter anderen auch Kaczynskis Frau Maria, der polnische Zentralbankchef Slawomir Skrzypek, Armeechef Franciszek Gagor sowie der stellvertretende Außenminister Andrzej Kremer. Auch mehrere Parlamentarier sowie die engsten Mitarbeiter Kaczynskis reisten mit ihm. Gestorben sei die "Elite der Nation", sagte der frühere polnische Präsident Lech Walesa.

Einwöchige Staatstrauer
Die Regierung in Warschau ordnete eine einwöchige Staatstrauer an. Ministerpräsident Tusk sagte seine Teilnahme am Gipfel für nukleare Sicherheit in Washington ab und reiste noch am Samstagabend nach Smolensk. "Die moderne Welt hat noch nie eine solche Tragödie erlebt", sagte er. In Smolensk legte er mit Putin am Unglücksort Blumen nieder. Russland teile die Trauer der Polen, sagte Putin, der den Polen bereits am Samstag in einer Fernsehansprache sein Beileid aussprach. "Dies ist auch für uns eine Tragödie", sagte er.

Russlands Präsident Dmitri Medwedew ordnete für Montag eine eintägige Staatstrauer an. "Im Namen des russischen Volkes spreche ich mein tiefstes und aufrichtiges Beileid aus", sagte er in einer Ansprache an die polnische Bevölkerung.

Vorgezogene Präsidentenwahlen
Der polnische Parlamentspräsident und amtierende Staatspräsident Bronislaw Komorowski kündigte an, nach Gesprächen mit den Parteien einen Termin für die eigentlich für Oktober geplante Präsidentenwahl festzusetzen. Im Laufe der kommenden 14 Tage muss er die vorgezogenen Präsidentenwahlen bekanntgeben, die dann spätestens nach 60 weiteren Tagen abgehalten werden müssen.

Menschliches Versagen
Die Präsidentenmaschine, eine 20 Jahre alte Tupolew-154, war am Samstag in dichtem Nebel beim Anflug auf das westrussische Smolensk abgestürzt. Russische und polnische Ermittler haben inzwischen mit der Auswertung der beiden Flugschreiber begonnen. Als Unglücksursache wurde menschliches Versagen angenommen. Russischen Angaben zufolge hatten die Piloten Warnungen der Fluglotsen ignoriert. Präsident Kaczynski und seine Delegation waren auf dem Weg nach Katyn, um der polnischen Opfer des Massakers zu gedenken, das sowjetische Geheimpolizisten 1940 dort an tausenden Offizieren und Intellektuellen verübt hatten.

Beileidsbekundungen aus aller Welt
Aus der ganzen Welt trafen Beileidsbekundungen ein. US-Präsident Barack Obama sagte, der Tod Kaczynskis sei "verheerend für Polen und die Welt". US-Außenministerin Hillary Clinton erinnerte an die Rolle Kaczynskis in der Solidarnosc-Bewegung, die maßgeblich zur Demokratisierung Polens beigetragen habe. Der französische Präsident Nicolas Sarkozy sagte in Paris, er sei "sehr bewegt und sehr traurig". Der britische Premier Gordon Brown zeigte sich "schockiert und betrübt" und sprach von einem "schwarzen Tag" für Polen.

Papst Benedikt XVI. erklärte, er empfinde "tiefen Schmerz" angesichts des "tragischen" Todes des Präsidenten. UNO-Generalsekretär Ban Ki-moon zeigte sich in New York "schockiert". Der tschechische Präsident Vaclav Klaus sprach von einem "immensen Verlust". Er habe einen wirklichen Freund verloren. Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel zeigte sich schockiert über das Unglück und erklärte in einem Kondolenzschreiben an Tusk: "Ganz Deutschland steht in dieser schweren Stunde in Mitgefühl und Solidarität an Ihrer und der Seite Polens."

"Zutiefst erschüttert"
In Österreich zeigte sich Bundespräsident Heinz Fischer "zutiefst erschüttert und betroffen" vom Tod Kaczynskis. Bundeskanzler Werner Faymann drückte den Angehörigen ebenfalls seine Anteilnahme aus, während Außenminister Michael Spindelegger von einer "schrecklichen Nachricht" sprach.

Auch die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton drückte ihr Beileid aus und verschob auf Wunsch der polnischen Behörden ihre für diesen Montag geplante Reise nach Warschau. Der aus Polen stammende EU-Parlamentspräsident Jerzy Buzek erklärte: "Das ist eine unglaubliche Katastrophe in Europa. Europa hat einen großen Verlust erlitten. Polen erlebt eine unbeschreibbare Tragödie." Nie zuvor seien in Europa so viele hochrangige, vom Volk gewählte Persönlichkeiten gemeinsam bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen.

(apa/red)