Pobacken und Brüste regieren das Italo-TV:
Dokufilmerin über das "System Berlusconi"

Lorella Zanardo deckt erschütterndes Frauenbild auf Im NEWS-Interview: "Das vergiftet die Gesellschaft"

Pobacken und Brüste regieren das Italo-TV:
Dokufilmerin über das "System Berlusconi" © Bild: APA/EPA/BRUQUE

Sie tänzeln, sie lächeln, sie schweigen – und sie zeigen viel nackte Haut. Egal ob „Veline“ oder „Letterine“, also Showgirl oder Buchstaben-Mädchen, leicht bekleidete Frauen sind im Italo-TV allgegenwärtig. Wie klischeehaft und sexistisch das ist und was das mit Politik zu tun hat, zeigt Lorella Zanardos Dokufilm „Der Körper der Frauen“. Was wie ein Panorama der Befremdlichkeiten wirkt, ist auch ein Angriff auf das „System Berlusconi“ mit seinen eigenen Waffen – den Bildern.

NEWS: Wer Ihre Doku sieht, gewinnt den Eindruck, die Showgirls würden den Italienern wie Pasta serviert: immer und überall. Ist dem wirklich so?
Lorella Zanardo: Ich war selbst schockiert, als ich nach Jahren im Ausland nach Italien zurückkehrte und im Fernsehen schon am Nachmittag halb nackte Mädchen herumhüpfen sah. Junge Frauen, die sich begrapschen und vorführen lassen, die als Dummchen dargestellt werden. Und das Schlimme ist: Für eine Mehrheit ist all das längst selbstverständlich geworden.

NEWS: Aber was ist schlecht daran, sich hübsche junge Mädchen im TV anzusehen?
Zanardo: Daran nichts. Aber hier geht es um die Erniedrigung dieser Frauen, darum, dass sie als Objekte, als bloßer Aufputz gelten. In einer Show sagt ein Moderator zur Kandidatin: „Na, hast du deinen Busen zuhause gelassen, Dummchen?“ In einer anderen benutzt ein Showmas­ter ein schweigendes Bikinigirl als Tischbein. Und so geht das seit 30 Jahren, jeden Tag, jede Stunde, auf allen Kanälen. Das vergiftet eine Gesellschaft auf Raten, ohne dass sie es selbst überhaupt merken würde.

NEWS: Was hat das alles mit Silvio Berlusconi zu tun?
Zanardo: Er ist es, der die „Veline“ kreiert und damit Italien für immer verändert hat. Es war sein Mediaset-TV-Imperium, das
in den 80er-Jahren begann, die TV-Kultur zu trivialisieren. Was folgte, war ein nicht enden wollender Strom aus Unterhaltung, Sex und einem Hauch von ­Luxus. Die „Velina“ ist ein Tragpfeiler dieser Kultur. Anfangs ging es Berlusconi um Quoten, später um Politik. Er ist der einzige Politiker, der sich Zuseher schuf, die dann zu seinen Wählern wurden.

NEWS: Und plötzlich sind die „Veline“ auch Teil seiner Politskandale, seines „Harems“. Ist das Zufall oder System?
Zanardo: Mich überrascht das nicht, „Bunga Bunga“ ist nur die logische Fortsetzung dessen, was auf den Berlusconi-Sendern, aber auch in der staatlichen RAI läuft. Ich bin stolze Italienerin, aber es macht mich traurig, zu sehen, dass mein Land jenes mit der geringsten Gleichberechtigung in der EU ist, die niedrigste Frauenbeschäftigungsrate hat und Tausende junge Mädchen am liebsten selbst „Velina“ werden wollen.

NEWS: Wieso lassen die Italiener Berlusconi das durchgehen?
Zanardo: Der Unmut wächst, aber es mangelt an Alternativen. Hinzu kommt, dass sich 80 Prozent ausschließlich über das TV informieren. Viele Männer sagen weiter, was für ein Glückspilz dieser Berlusconi ist, der geht mit den „Veline“ ins Bett, die wir nur am Schirm angaffen können.

Video-Link:
"Il corpo delle donne" (deutsche Fassung)

Christoph Lehermayr

Der Mann, die Macht, die Mädchen – Das System Berlusconi. Die ganze Sex-Causa lesen Sie im aktuellen NEWS 7/11!