Mordprozess von

Pistorius weinte über Reevas Leiche

Augenzeuge berichtet vom Tatort. Angeklagter soll laut gebetet und gefleht haben.

Oscar Pistorius © Bild: APA/EPA/MARCO LONGARI

Dramatik hat am vierten Tag im Mordprozess gegen Oscar Pistorius geherrscht: Der 27-Jährige schluchzte, weinte, hielt sich zeitweise die Ohren zu, als der erste Augenzeuge vom Tatort über die schrecklichen Ereignisse der Tatnacht berichtete. Ohne seine Beinprothesen habe der Angeklagte über der leblosen, blutenden Reeva Steenkamp gestanden.

Pistorius habe weinend gesagt: "Ich habe sie erschossen, ich dachte, sie war ein Einbrecher und ich habe sie erschossen", zitierte der Mediziner Johan Stipp im Zeugenstand des Gerichts in Pretoria den Mordverdächtigen. Der behinderte Profisportler habe laut gebetet und Gott angefleht, seine Freundin möge nicht sterben. Der Arzt stellte aber fest, dass die blutende Frau nicht mehr geatmet und keinen Puls mehr gehabt habe. Pistorius habe weinend gesagt, er würde sein Leben geben, wenn Reeva nur durchkäme.

Kurz nach Schüssen am Tatort

Der Radiologe hatte als Nachbar von Pistorius in der geschlossenen Wohnanlage in Pretoria in der Nacht auf den 14. Februar 2013 Hilferufe, Schreie und Schüsse gehört. Zunächst hatte er den lokalen Sicherheitsdienst alarmiert und war dann zum Haus von Pistorius geeilt, den er zuvor nicht kannte. Dort fand er laut seiner Aussage vor dem Haus einen Mann vor, der mit seinem Handy telefonierte, und eine Frau, die ihm die Tür geöffnet habe.

Die Staatsanwaltschaft beschuldigt Pistorius des Mordes. Der 27-Jährige sagt, er habe seine Freundin irrtümlich durch eine geschlossene Tür erschossen, weil er in Panik war und einen Eindringling im Haus wähnte.

In den ersten Tagen des Mordprozesses hatten Zeugen der Anklage die Darstellung des Sportidols infrage gestellt. Vor allem schilderten sie Schreie und Streit im Haus von Pistorius vor den tödlichen Schüssen in der Nacht auf den Valentinstag 2013. Insgesamt sollen in dem Prozess 107 Zeugen allein der Anklage gehört werden.

Zeugenaussagen widersprechen sich

Die Aussagen von Nachbarn über die Abfolge von Wahrnehmungen in der Todesnacht von Reeva Steenkamp widersprechen sich. Nach den Aussagen eines benachbarten Ehepaars und einer weiteren Nachbarin, wonach sie erst Schreie und dann Schüsse gehört hätten, berichtete ein Zeuge am Donnerstag, er habe erst Schüsse und danach Schreie gehört.

Er sei von drei Schüssen, "gefolgt von den Schreien einer Frau", geweckt worden, sagte Johann Stipp dem Gericht in Pretoria. Der Radiologe traf nach eigenen Angaben wenige Minuten nach den Wachleuten beim Haus von Pistorius ein, um ärztliche Hilfe zu leisten. Dessen Freundin Reeva Steenkamp habe noch gelebt, aber bereits mit dem Tod gerungen, berichtete Stipp. "Das Erste, was Oscar sagte, war: 'Ich habe auf sie geschossen. Ich dachte, sie wäre ein Einbrecher, und ich habe auf sie geschossen.'"

Während einer Prozesspause ging Pistorius' Schwester Aimee auf eine Freundin der Toten zu. Sie sprach ein paar Minuten lang mit ihr, kehrte dann mit Tränen in den Augen zu ihrem zweiten Bruder Carl zurück und umarmte ihn.

Wette zu Prozess-Ausgang

Unterdessen verdonnerte die britische Werbeaufsicht das Wettbüro Paddy Power zur Rücknahme einer Wette zum Ausgang des Prozesses. Die Behörde erklärte am Mittwoch, sie habe über 5.200 Beschwerden bekommen, nachdem Paddy Power die Tage zuvor unter dem Motto "Geld zurück, wenn er freikommt" für die Wette geworben hatte.

Das irische Wettbüro hatte in der irischen und britischen Presse pünktlich zum Prozessbeginn in Pretoria sowie zur Oscar-Verleihung in den USA mit der Aktion geworben. "Es ist Oscar-Zeit. Geld zurück, wenn er freikommt", stand in der Anzeige, die eine Oscar-Statue mit dem Kopf von Pistorius zeigt. Im Internet unterzeichneten bis Mittwochabend mehr als 120.000 Menschen eine Petition gegen die Wette.

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