PISA-Erfinder warnt vor "Stratifikation": Gefahr sozialer Selektion beim Aussortieren

Resultate Österreichs mit älteren Studien vergleichbar "Am spannendsten": Alle Schulen Finnlands gleich gut

PISA-Erfinder warnt vor "Stratifikation": Gefahr sozialer Selektion beim Aussortieren

Ein Aussortieren von Schülern ("Stratifikation") durch eine frühe Trennung in verschiedene Bildungswege oder durch Sitzenbleiben fördert nach Ansicht der OECD die Leistung nicht, verstärkt aber die Chancenungerechtigkeit. "Stratifikation bedeutet meist soziale Selektion", betonte der als "Erfinder" der PISA-Studie geltende Leiter der Abteilung "Indikatoren und Analysen" bei der OECD, Andreas Schleicher, bei einer Pressekonferenz am Mittwoch Nachmittag in Wien.

Eine Empfehlung für die Einführung einer Gesamtschule kam von Schleicher aber nicht direkt. Mit PISA-Daten sei es immer sehr schwer, unmittelbar kausale Zusammenhänge etwa zwischen Schulsystem und Leistung herzustellen. Klar sei aber, dass eine stärkere Durchlässigkeit des Bildungssystems angestrebt werden müsse - mit welchen Mitteln, darüber könne man sich streiten. In Österreich "verstärkt das Bildungssystem tendenziell soziale Unterschiede, anstatt sie zu moderieren", so Schleicher. Das Beispiel Finnland zeige etwa, dass ein Schulsystem durchaus auf soziale Unterschiede einwirken könne.

Das österreichische PISA-Ergebnis ist für Schleicher "im Grunde mit den vorangehenden Studien vergleichbar". Aus den geringen Punkteunterschieden würde er "nicht allzu viel herleiten". Generell habe Österreich "bei weitem noch nicht erreicht, was es erreichen könnte und müsste". Die Investitionen in die Bildung würden in Österreich deutlich über dem OECD-Schnitt liegen, das Land zeichne sich außerdem durch einen hohen sozioökonomischen Status aus. Insgesamt sei das Potenzial noch nicht ausgeschöpft. Als problematisch schätzte er etwa die großen Leistungsunterschiede zwischen den Schulen und die hohen Leistungsnachteile von Migranten, vor allem jenen der zweiten Generation, ein.

Ob sich Österreich für sein PISA-Ergebnis schämen oder darauf stolz sein müsse, hängt für Schleicher von der Einschätzung ab, ob das Glas halb leer oder halb voll ist. Bei den Naturwissenschaften liege Österreich etwas über dem OECD-Schnitt - gleichzeitig aber weit entfernt von den leistungsfähigsten Ländern wie Japan oder Finnland. In der OECD würde man jedenfalls die leistungsfähigsten Staaten als Maßstab nehmen.

Als Merkmale erfolgreicher Bildungssysteme nannte Schleicher etwa "hochambitionierte Bildungsstandards". Japan und Finnland würden etwa keine Mindeststandards setzen, sondern sich an Exzellenz orientieren. Die Schulen würden außerdem über gute Unterstützungssysteme und viele Instrumente zur Förderung verfügen. Weiters würde ihnen ein hoher Grad an Verantwortung zukommen. Negativ wirke sich dagegen aus, wenn die Schule "viele Möglichkeiten hat, Verantwortung abzuwälzen" - etwa durch Sitzenbleiben. "Länder, die erfolgreich sind, nehmen die Lehrer in die Verantwortung, mit Leistungsunterschieden umzugehen", so Schleicher.

Das "spannendste Ergebnis von PISA" ist für Schleicher der Umstand, dass es in Finnland allen Schulen gelinge, gut zu sein. "Als Eltern brauchen Sie sich keine Gedanken machen, wo sie Ihr Kind hinschicken." Das liege aber auch daran, dass jeder Lehrer wisse, was in der Klasse und der Schule nebenan passiere. (apa/red)