PIP-Skandal von

Prozess um defekte Implantate

Firmenchef und vier Mitarbeiter vor Gericht - Auch 73 Österreicherinnen klagen

PIP-Skandal: Der Prozess um defekte Brustimplantate startet. © Bild: APA/EPA/BRUNO BEBERT

Er hat tausende Frauen weltweit in Angst und Schrecken versetzt: Der Franzose Jean-Claude Mas soll mit seinem Unternehmen Poly Implant Prothese (PIP) jahrelang illegal Brustimplantate aus billigem Industriesilikon hergestellt haben. Ab Mittwoch muss sich der Unternehmer mit vier ehemaligen Mitarbeitern einem ersten Strafprozess stellen. Den Angeklagten droht in dem Mammutverfahren mit rund 300 beteiligten Anwälten eine Verurteilung wegen schwerer Konsumententäuschung und Betrugs. Die Ermittlungen wegen des Verdachts fahrlässiger Körperverletzung sind noch nicht abgeschlossen.

Skandal um Brustimplantate: Prozess gegen PIP-Chef Jean-Claude Mas startet.
© APA/EPA/INTERPOL/HANDOUT PIP-Chef Jean-Claude Mas

Für tausende Frauen geht es in dem Prozess zumindest um ein Stück Gerechtigkeit. Sie hatten im März 2010 mit Schrecken erfahren, dass PIP-Implantate als besonders reißanfällig gelten und deswegen vom Markt genommen werden. Ende des Jahres 2011 folgte dann die absolute Horrornachricht: In einer beispiellosen Aktion empfahlen die französischen Gesundheitsbehörden betroffenen Frauen ein vorsorgliches Herausoperieren der PIP-Brustimplantate. In Deutschland und etlichen anderen Ländern wurden wenig später ähnliche Ratschläge erteilt.

Über 5.000 Opfer erstatten Anzeige

Auch ohne Risse könnte gesundheitsgefährdendes Silikon austreten, warnten Experten. Als mögliche Folgen gelten schwere lokale Entzündungen und Schwellungen der Lymphknoten. "Ein Albtraum", kommentierten betroffene Frauen. Mehr als 5.000 Frauen haben mittlerweile Anzeige erstattet. Die genau Zahl der Betroffenen ist unklar. Schätzungen gehen von weltweit bis zu einer halben Million Frauen aus.

73 Fälle auch in Österreich

In Österreich sammelte der Verein für Konsumenteninformation (VKI) im Auftrag des Konsumentenschutzministeriums 73 Fälle von mutmaßlich Betroffenen, die sich dem Strafverfahren als Privatbeteiligte angeschlossen haben. Drei dieser Frauen werden den Prozessauftakt in Begleitung einer VKI-Juristin und einer Anwältin aus Paris an Ort und Stelle mitverfolgen. Für die Österreicherinnen geht es in Summe um Entschädigungen in Höhe von rund 570.000 Euro. Der VKI führt auch Musterprozesse gegen den Haftpflichtversicherer von PIP, die französische Allianz mit Sitz in Paris.

Viele Opfer beschäftigt vor allem die Frage, wie der Skandal so lange unentdeckt bleiben konnte. Rund 1.600 von ihnen haben gemeinsam mit Händlern nicht nur Anzeige gegen PIP erstattet, sondern auch eine Zivilklage gegen den TÜV Rheinland eingereicht. Sie werfen dem mit der Zertifizierung der Implantate beauftragten Prüfdienstleister Schlamperei vor und fordern in einem Gerichtsverfahren in Frankreich insgesamt mehr als 50 Millionen Euro Schadenersatz.

TÜV in der Kritik

Die Chancen auf einen Erfolg stehen allerdings schlecht. Der TÜV weist alle Vorwürfe zurück und sieht sich selbst als Opfer. Er hat jüngst bereits am Landgericht Frankenthal in Rheinland-Pfalz den Prozess um die Schmerzensgeldklage eines deutschen Billig-Silikon-Opfers gewonnen. Die zuständige Richterin befand, dass der TÜV Rheinland weder zu unangemeldeten Kontrollen beim Implantate-Hersteller verpflichtet war, noch dazu, die Produkte selbst zu überprüfen. Seine Aufgabe bestand demnach darin, die Produktunterlagen sowie das Qualitätsmanagement-System des Herstellers zu prüfen.

Entlastet werden die deutschen Prüfer zudem durch die Aussagen des mittlerweile 73 Jahre alten PIP-Gründers Mas. In seinen Vernehmungen durch die Ermittler räumte er bereits ein, den TÜV jahrelang bewusst getäuscht zu haben. Um den Betrug zu vertuschen, habe er "routinemäßig" alle verräterischen Dokumente und Container vor den Prüfern verstecken lassen. Dies sei problemlos möglich gewesen, weil der TÜV seine Besuche jeweils zehn Tage vorher ankündigte.

Betrug: Jährlich eine Million mehr

"Ich wusste, dass dieses Gel nicht anerkannt war, aber ich habe es absichtlich gemacht, weil das PIP-Gel günstiger und von besserer Qualität war", gab Mas zu Protokoll. Rund eine Million Euro soll das Unternehmen jährlich durch den Betrug gespart haben.

Den Vorwurf, die Frauen in Gefahr gebracht zu haben, will er sich allerdings nicht gefallen lassen. Von dem nicht zugelassenen Gel gehe keinerlei Gesundheitsgefahr aus, behauptet er. Den am Mittwoch beginnenden Prozess wollen die Angeklagten noch vor dem eigentlichen Verhandlungsbeginn stoppen lassen. Angeblich wurde unter anderem bei der Vorladung von Mas ein Formfehler begangen. Verzweifelte Störfeuer, kommentiert die Gegenseite. Mas und den Mitangeklagten drohen im ersten Verfahren bis zu fünf Jahre Haft.

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