Pfarrer von Ungenach betreut 15-Jährige:
"Arigona hat mir sehr schnell vertraut"

Psychische Schwankungen, keine Selbstmordgefahr Josef Friedl genießt in Ungenach hohes Ansehen

 Pfarrer von Ungenach betreut 15-Jährige:
"Arigona hat mir sehr schnell vertraut"

Für die 15-jährige Arigona Zogaj, die zwei Wochen verschwunden war und nun ein weiteres Lebenszeichen von sich gegeben hat, wäre es das Schlimmste, abgeschoben zu werden. Das erklärte der Pfarrer von Ungenach (Bezirk Vöcklabruck), Dechant Josef Friedl, der das Mädchen betreut: "Sie hat sehr schnell Vertrauen zu mir gefunden."

Der Geistliche, der selbst an der Demonstration für die Familie Zogaj in Frankenburg (Bezirk Vöcklabruck) teilgenommen hatte, erhielt am 6. Oktober einen überraschenden Anruf und wurde gefragt, ob er sich um Arigona kümmern könne. "Ich sagte spontan ja", berichtete Friedl. Nach mehreren nächtlichen Telefonaten, die für den Pfarrer "etwas Unheimliches" hatten, fuhr er schließlich mit einem ihm unbekannten Mann über die Westautobahn bis Wien. Dort passierten sie mehrere kleine Straßen, bis sie stehenblieben und ein Auto rasch vorfuhr, aus dem Arigona mit einem Plastiksack in der Hand stieg.

Angst vor Polizei
Auf der Fahrt zurück habe ihm das Mädchen erklärt, dass es große Angst vor der Polizei habe, so Friedl. "Solange du bei mir bist, wird dir nichts passieren", versicherte er der 15-Jährigen. Das Mädchen habe auf seiner "Flucht" alle 24 Stunden den Ort gewechselt. Der Priester bestätigte, dass Arigona derzeit in Ungenach sei, sagte aber nicht wo. Sie werde seit ihrer Ankunft rund um die Uhr von einer Frau betreut, berichtete der Pfarrer. Er könne sich sehr gut mit ihr unterhalten: "Ich frage nicht viel, sondern warte, was sie mir erzählt." Aber auch das Schweigen sei für ihn als Geistlichen sehr wichtig, betonte Friedl, der der Jugendlichen "mit sehr viel Gefühl" begegnet.

"Arigona könnte jederzeit gehen, sie ist nicht eingesperrt", betonte Friedl. Eine Abschiebung brauche sie vorerst nicht zu fürchten, das sei ihm von Landeshauptmann Pühringer und Innenminister Platter versichert worden.

Wurde Arigona instrumentalisiert?
"Die Not eines Menschen darf man nicht parteipolitisch ausnutzen", betonte Friedl. Zu dem vergangene Woche aufgetauchten Video von Arigona meinte Friedl, dass nicht sie selbst, sondern "jemand anderer" die Aufnahmen gewollt habe. Eine Instrumentalisierung sei nicht auszuschließen, näher äußerte er sich dazu nicht.

Sehnsucht nach Familie
Einen Kontakt zur Mutter, die in Österreich verblieb, habe er bisher nicht herstellen können, er rechne aber damit, dass dies bald der Fall sein wird, so Friedl. Das Mädchen möchte ihre Familie wieder haben, besonders hoffe sie, dass ihre beiden jüngeren Geschwister, die in den Kosovo abgeschoben wurden, wieder zurückkehren können; "unter deren Abwesenheit leidet sie sehr". Auch sei es ihr sehnlichster Wunsch, wieder zur Schule gehen zu können.

"Hat aus Not, Panik und Angst gehandelt"
Der Pfarrer betonte, das Mädchen brauche Ruhe, und der Rummel um sie sollte bald beendet sein. Er warnte zudem davor, die Kräfte Arigonas zu überschätzen und ihr von Seiten der Medien Rollen und Motive zuzuweisen, die nicht stimmen, etwa dass sie den Staat erpressen wolle. "Sie hat aus Not, Panik und Angst gehandelt, alles andere, was man in sie hineinlegt, stimmt nicht", hob der Dechant hervor.

Friedl fürchtet Anzeige nicht
Pfarrer Friedl erwartet nicht, dass er wegen seiner Hilfestellung für Arigona von den Behörden strafrechtlich zur Verantwortung gezogen wird. Er hätte aber auch davor keine Angst. Er habe die Entscheidung, Arigona aufzunehmen und ihr zu helfen, allein getroffen, ohne Rücksprache mit kirchlichen oder staatlichen Stellen. Ob andere diesen Schritt gutheißen oder nicht, sei für ihn kein Kriterium. "Es ist nicht meine Art, zu schauen, was die anderen denken", so der Dechant.

Geistlicher in Gemeinde geschätzt
Pfarrer Josef Friedl genießt in der kleinen Vöcklabrucker Gemeinde sehr hohes Ansehen: "Er ist nicht nur theologisch, sondern auch psychologisch kompetent", erklärte Bürgermeister Johann Hippmair im Gespräch mit der APA. Auch vom Stammtisch des Ortes wird der Geistliche geschätzt. In sonst so beschaulichen Ungenach herrschte Ausnahmezustand, dutzende Journalisten und Kameraleute waren unterwegs.

Dechant Friedl sei bekannt für sein Engagement, erzählte der 45-jährige Erich Malzner. Dass sich die seit zwei Wochen gesuchte Arigona in Ungenach aufhält, habe er wie seine Stammtischkollegen erst vor wenigen Stunden erfahren, so der Feuerwehrkommandant. Das Mädchen solle zurück zu seinen Eltern, forderte der 42-jährige Johannes Purer: "Die Familie gehört zusammen." Es müsse alles schneller abgewickelt werden, die Verfahren würden zu lange dauern. Wo die Zogajs künftig leben sollen, könne er aber nicht sagen.

(apa/red)