Peter Handke von

Eine Ikone im Gespräch

NEWS-Exklusiv-Interview mit dem Literaten anläßlich seines 70. Geburtstages

Archivbild von Peter Handke. © Bild: NEWS/ Martin Vukovits

Über dem stillen Haus im Pariser Vorort Chaville schlägt schon das Jubelgetöse zusammen. Peter Handke, Österreichs aktueller Beitrag zur Weltliteratur, wird am 6. Dezember 70. Politik und literarische Welt bedrängen ihn mit Ehrungen, Suhrkamp bringt „Versuch über den stillen Ort“ heraus. Vor 20 Jahren lagen die Verhältnisse noch anders im heute wieder vom Dichter allein bewohnten Haus: Nach Auflösung des Salzburger Wohnsitzes und drei Jahren des Reisens war er hier wieder sesshaft geworden, Sophie, die künftige Ehefrau, lebte hier, die gemeinsame Tochter Leocadie war ein Jahr alt. Vier Jahre später begann er gegen die einseitige Schuldzuweisung an Serbien im Jugoslawien-Konflikt Partei zu nehmen, und was er Medien mitzuteilen hatte, erschien meist in NEWS. Ein Gespräch zwei Jahrzehnte danach.

NEWS: Darf man vermuten, dass die Zeit um 1992 Ihre glücklichste war?
Peter Handke: Aber ganz und gar nicht! Jede Zeit war so und so. Aber jede Zeit war immer wieder mit Freude unterlegt. Von Glück will ich nicht reden, ich will auch nie in Superlativen sprechen: der größte Dichter, der beste Fußballer …Fußballer geht schon eher, aber bei Schriftstellern gibt es keine Superlative.

NEWS: Wer ist der beste Fußballer?
Handke: Lionel Messi, sagt man. Oder Cristiano Ronaldo, ich würde das nicht entscheiden können.

NEWS: Und wie geht es Ihnen heute? Sind Sie glücklich?
Handke: Wenn Sie mich mit dem Wort „glücklich“ in Frieden lassen könnten. Ich habe das Wort „Freude“ lieber. „Glück“ hat nur so eine dumme Silbe, aber Freude hat zwei und muss sein. Freude ist das elfte Gebot. Du sollst dich freuen.

NEWS: Worüber freuen Sie sich?
Handke: Wenn das Laub beim Rechen riecht, wenn die Nüsse ihre ersten Risse bekommen, auf dem Baum, den ich gepflanzt habe. Die Schwellenmomente im Jahr. Es muss ja nicht Waggerl sein, „Das Jahr des Herrn“. Aber das Jahr des Lebens geht so.

NEWS: Macht Ihnen der bevorstehende Jubeltag zu schaffen?
Handke: Ja, weil mich alle Leute danach fragen. Ich habe gern Geburtstag und alle meine Geburtstage still für mich gefeiert, in Dankbarkeit oder auch in Schuldbewusstsein. Aber jetzt fühle ich mich immer mehr in einer Tortur. Ich habe das Gefühl, mir wird die Freude genommen mit all dem Offiziellen, was da auf mich zukommt.

NEWS: Inwiefern?
Handke: Indem ich mich einteilen lassen muss. Ich werde massiv eingeteilt. Schon im Voraus, seit Monaten. Vorher bin ich in meinem Heimatort Griffen. Meine Bedingung war, dass die Leute, die da kommen, gar nicht über mich reden, sondern sich freuen, dass sie gekommen sind. So wie Goethe sagte: „Ich hoffe, ich habe ihnen nicht die Feste verdorben.“

NEWS: Reisen Sie noch nach Serbien?
Handke: Demnächst fahre ich wieder hin. Ich möchte ein Klosterfest besuchen, wie ich das oft gemacht habe, in der Nähe der Drina, und ein bisschen auf den Fluss schauen. Wie es in meiner „Fahrt im Einbaum“ heißt: „An den Flüssen stehen, das wird Frieden sein.“

NEWS: Geht es den Menschen wieder besser als nach den NATO-Bombardements?
Handke: Ganz sicher nicht. Aber immerhin regiert eine Partei, die man als Ultranationale bezeichnet hat, die aber eher nur Patrioten sind. Die gesagt haben, wir wollen nicht alles von unserem Land verkaufen. Tomislav Nikolic ist jedenfalls nicht servil westlich orientiert, der macht pragmatisch, was zu machen ist, und versucht, sich Russland und China zu nähern, wie es schon zu Zeiten von Jugoslawien der Fall war. Das ist vielleicht eine andere Möglichkeit, als nur dem Okzident zu Füßen zu liegen und sich von Brüssel erpressen zu lassen.

NEWS: Sie haben sich mit Ihrem Eintreten für Serbien enorme Feindschaften eingehandelt, vielleicht den Nobelpreis verspielt. Hat es Ihnen je leidgetan, sich auf diese Seite gestellt zu haben?
Handke: Sind Sie bescheuert? Das ist eine der wenigen Sachen, auf die ich wirklich stolz bin, das Hemdenstopfen und Bügeln vielleicht ausgenommen. Ich warte immer noch drauf, dass einmal ein Chor derer angestimmt wird, die in ihrer eigenen Schuld gefangen sind: „Das war richtig, das war gut, dass du das gemacht hast.“ Aber natürlich kommt das nicht. Das nennt man sweet illusion. Es geht ja heute weiter wie immer. Nach wie vor werden die Völker zerrissen, erst Libyen, jetzt Syrien. Immer wird zuerst einer bezichtigt, sein Volk töten zu wollen. Das zweite Schlagwort lautet: „Und wir sind Demokratie.“ Damit wird die Welt zerrissen, der afrikanische Kontinent, der Mittlere Osten und so weiter.

NEWS: Sehen Sie die Wirtschaftskrise als Chance wie manche Intellektuelle?
Handke: Für mich ist sie schlecht, weil ich immer mehr Steuern zahlen muss. Dabei möchte ich doch einen Jaguar kaufen und noch drei Häuser. Ich möchte auch drei Diener haben, aber jetzt ist das alles noch hinterm Horizont.

NEWS: Ich kann Ihnen doch keinen Sklaven zum Geburtstag schenken.
Handke: Ich bin mein eigener Sklave. Ich war ja nicht beim Bundesheer, dem bin ich ins Ausland entronnen. Dafür bin ich jeden Tag mein eigener Soldat.

NEWS: Haben Sie auch diese Hoffnung, dass es mit den USA bergab geht?
Handke: Das kann man nicht Hoffnung nennen. So etwas nennt man doch eher Schadenfreude, wie? Ich bin gegen Schadenfreude. Hoffnung ist etwas ganz Seltenes. Ich weiß nicht, mit wem auf der Welt es bergab geht. Schauen Sie doch bei Wikipedia nach.

NEWS: Ich will es aber von Ihnen wissen. Meinen Sie, dass das Vereinte Europa zerbrechen wird?
Handke: Es wird sicher nicht zerbrechen, aber die Periode, in der wir sind, ist eine bedenkliche. Natürlich ist es wichtig, dass die Wirtschaft funktioniert, damit die Idee des großen Zusammenhangs bestehen kann. Aber wenn die Wirtschaft auf Kosten vieler Bevölkerungsschichten funktioniert, wird dieser große Zusammenhang nie ein seelischer oder herzlicher sein können. Und Europa war einmal eine herzliche, eine körperliche Idee! Jetzt ist keine Idee mehr da, eher eine sinnlose Praxis, ein Dahinwurschteln. Machtspiele können auch schön sein, wenn sie von Shakespeare sind. Aber in Europa hat nichts Shakespeare’sche Größe. Außer bei den Leuten, von denen man nichts weiß.

NEWS: Sie sagten mir einmal, Sie würden nicht nach Österreich heimkommen, bevor Ihre Tochter Leocadie groß wäre. Jetzt ist sie groß. Können wir Sie endlich zurück erwarten?
Handke: Ich komme ja in einer Woche zurück.

NEWS: Für wie lange?
Handke: Für einen Tag. Da möchte ich zum Gasthof beim Friedhof der Namenlosen gehen. Aber auch in Frankreich gibt es Maisfelder, die im Herbst und im Sommer den Horizont verstellen.
Ich habe Frankreich gern. Das ist ein sehr fragiles Land, weil die Bevölkerung immer mehr isoliert ist. Eine Parzival-Gegend, wie in einem alten Epos, eine chimärische Welt, die sich vom einen zum anderen Moment ändert. Das interessiert mich für mein Schreiben. Frankreich erotisiert mich zum epischen Arbeiten.

NEWS: Zum dramatischen Arbeiten inspiriert Sie aber eher die Kindheit unter Kärntner Slowenen. Ihr Stück „Immer noch Sturm“ lässt vermuten, dass es Sie stärker in die Kindheit zurückzieht.
Handke: Warum wollen Sie immer Komparative? Der tiefe Untergrund bleibt doch gleich im Menschen, nur die Oberflächen kräuseln sich verschieden. Natürlich, wenn die Kindheit nicht da wäre, wäre man verloren. Ernst Bloch sagt, dass Erinnerung etwas ist, was einem nicht genommen werden kann. Aber das stimmt überhaupt nicht. Die Nazis haben ihren Opfern die Erinnerung genommen. Im Sterben oder in der Todesangst kann man sich nicht erinnern. Aber es gibt die Kindheit natürlich, und der bin ich treu, und ich bin den Leuten treu, die mir diese Kindheit verschafft haben.

NEWS: Sie sind jetzt oft in Kärnten?
Handke: Ein-, zweimal im Jahr.

NEWS: Und ist das Land nicht in einem unfassbaren Zustand?
Handke: Ah ja? Das höre ich immer wieder. Und immer glaubt man, was da angerichtet wurde, ist die Welt, die Zeit. Aber die Zeit und die Welt sind etwas anderes. Unsere Zeit, meine Zeit ist nicht die Zeit der Gauner, sondern die Zeit der Kinder, die Zeit der alten Leute, die in die Landschaft schauen, die sich erinnern. Die Zeit der Leute, die arbeiten, die etwas für die anderen tun und ihnen Kraft und Licht durch die Arbeit geben. Das ist unsere Zeit. Unsere Zeit ist nicht diese kleine Scheißzeit, über die man redet, wenn man von Kärnten redet. Auch in Kärnten ist die große Zeit, die große Welt, verstehen Sie? Zu kritisieren, was da an Schweinereien passiert, das interessiert mich keinen Moment. Ein Schriftsteller hat etwas anderes zu tun.

NEWS: Zum Beispiel die Sprache retten. Jeder dritte Jugendliche in Österreich kann nicht mehr lesen.
Handke: Ja, das beschäftigt mich auch. Aber ich kann jetzt nicht in die Werbung gehen oder ein Bildhauer werden in dem Sinn, dass ich mit Bildern herumhaue wie die im Fernsehen, diese anderen Bildhauer. Meine Sache ist die Sprache, das Erzählen, das Gegenüberstellen, das Dramatische. Und dann muss man halt schauen. Sie haben Recht, es wird immer seltsamer, immer bedenklicher. Das ist wahr, und es tut einem weh für die anderen. Es ist schade, was ihnen entgeht. Ich bin gerade wieder dabei, Robert Walser und „Die Brüder Karamasow“ von Dostojewski zu lesen. Was für Herrlichkeiten, wenn man da den Himmel wieder sieht und die Hölle natürlich auch. Die Leser sind eigentlich das Herz der Welt. Nicht der Dichter, der Leser ist das Herz der Welt.

Kommentare

mikerol

http://handke-magazin.blogspot.com/2010/06/handke-magazine-is-over-arching-site.html

http://analytic-comments.blogspot.com/2009/09/peter-hhandke-wounded-love-child.html

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