Gestern und heute von

60.000 Bosnier blieben

Peter Pelinka über Österreich und seinen Ruf als Hafen für Kriegsflüchtlinge

Peter Pelinka © Bild: News

So heftig der tägliche Ansturm Hunderter Flüchtlinge an Österreichs Grenzen derzeit wirkt, er ist keine neue Erfahrung: Österreich nahm seit 1945 zwei Millionen Flüchtlinge auf, davon blieben 700.000. Es gab drei große Wellen: Nach dem Aufstand in Ungarn flohen 180.000 (ein Zehntel blieb), nach der Niederschlagung des „Prager Frühlings“ 1968 kamen 162.000 (12.000 blieben), nach den Kriegen im zerfallenden Jugoslawien zwischen 1991 und 1995 fanden mehr als 100.000 Menschen Zuflucht, die meisten aus Bosnien. Von ihnen fanden 60.000 in Österreich eine neue Heimat, meist bestintegriert. So etwa Zlatko Junuzovic, Aushängeschild unseres neuen Fußball- „Wunderteams“: Er floh fünfjährig mit seinen Eltern aus den Kriegswirren. Vor 20 Jahren hatten die Gefechte zwischen Kroaten, Serben und muslimischen Bosniaken einen schrecklichen Höhepunkt erreicht: An die 8.000 Muslime wurden in Srebenica von bosnischen Serben unter den Augen niederländischer UNO-Soldaten massakriert. Es war die Spitze eines Eisbergs, alle Seiten begingen Kriegsverbrechen. Besonders augenfällig war der Kampf um die bosnische Hauptstadt: Die Belagerung von Sarajevo wurde mit 1.425 Tagen die längste des 20. Jahrhunderts. 10.615 Menschen wurden in dieser Zeit getötet, 50.000 verletzt, 10.000 gelten als vermisst. Vor den Olympischen Winterspielen 1984 war speziell diese Stadt als positives Beispiel ethnischer und religiöser Toleranz präsentiert worden. Erst am 14. 12. 1995 ging der Bosnien-Krieg mit der Unterzeichnung eines Friedensvertrags in Paris zu Ende. US-Präsident Bill Clinton hatte drei Wochen davor in Dayton (Ohio) die Vereinbarung mit den drei bosnischen Kriegsparteien zustande gebracht. Das nun eigenständige Bosnien-Herzegowina freilich ist bis heute kein stabiler Staat.

Österreich hat sich in all diesen Situationen einen internationalen Ruf als ruhiger Hafen für Kriegsflüchtlinge erarbeitet, so gut wie sonst nur Deutschland und Schweden. Natürlich wird die Integration der heutigen Flüchtlinge qualitativ noch ein Stück heikler – aber zumindest quantitativ nicht schwerer als 1956, 1968 und 1995.

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