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Vorbild für "Django"?

Peter Pelinka über den 70. Geburtstag von Wolfgang Schüssel

Peter Pelinka © Bild: NEWS

Schüssel zieht. 200 Gäste drängen sich bei Saunatemperaturen in einem Seitentrakt der Hofburg, als der Exkanzler (2000–2007) sein neues Buch „Das Jahrhundert wird heller“ vorstellt. Sie – ein Großteil davon nostalgische ÖVP-Fans oder Ex-Diplomaten – werden nicht enttäuscht: Der sichtlich entspannte, gebräunte „Schü“ brilliert mit breiter, violetter Krawatte (ein trotziger Gruß von Austria-Fan zu Austria-Fan?) wie oft zuvor, formuliert völlig frei, geistreich, humorvoll. Es geht um (s)ein großes Thema: Europa. Über Österreichs innenpolitische Entwicklung will er sich seit seinem durch Alfred Gusenbauers überraschenden Wahlsieg erzwungenen Rückzug nicht äußern. Man kann es ihm schwer verdenken: Das Experiment Schwarz-Blau ist kräftig in die Hosen gegangen, der vom „Drachentöter“ Schüssel angeblich gezähmte Haider hat Kärnten und in Folge die Republik fast in den Ruin getrieben.

Daran wird in dieser Stunde nicht erinnert. Schließlich ist es eine Feierstunde: Wolfgang Schüssel wird am 7. Juni 70 Jahre, zwei Wochen später kommt Angela Merkel, die „Vertrauenskanzlerin“, zum Fest nach Schönbrunn.

Wenn man Schüssel 2015 so vernünftig reden hört und seine gesammelten „NZZ“-Kolumnen liest, kehren ambivalente Gefühle aus seiner Kanzlerzeit wieder. Als er nachvollziehbar an der Erstarrung der Koalition (und dem Absturz der ÖVP auf Platz drei) verzweifelte, machiavellistisch gegen alle Festlegungen Platz eins erpokerte (wie minimal dagegen die Kehrtwende von Voves nach der Steirer- Wahl!), gerade noch verständlich mit Haiders besserer Seite Riess-Passer (und Windhund KHG) koalierte – und dann ganz unverständlich an Blau/Orange festhielt, auch nachdem sich deren Unfähigkeit erwiesen hatte. Aber: Was Schüssel optimistisch zu Europa, zum Flüchtlingselend, gegen eine Isolierung Russlands und die Abwertung der Politik meint, verdient Respekt. Er selbst aber keine simple Kopierung durch seinen Nachnachnachnachfolger in der VP (der das – derzeit? – auch gar nicht will).

Obwohl sich Geschichte doch manchmal zu wiederholen scheint: Rot-Blau gab es schon vor Niessl. Unter Sinowatz (mit einer anderen FP freilich), sogar unter Haider („Chianti-Bund“). Die Symbolkraft ist heute dennoch groß.

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