"Die Schriften von Accra" von

Coelho und die Macht der Weisheit

Neues Buch von brasilianischem Bestseller-Autor erinnert an eine große Predigt

Paulo Coelho beim Filmfestival in Rom im Jahr 2009. © Bild: EPA/GUIDO MONTANI

Es ist der Tag vor der absehbaren Blutorgie, den Massakern der Kreuzritter an Juden, Muslimen und orientalischen Christen in Jerusalem. Die einen schärfen an diesem 14. Juli 1099 in der belagerten Stadt ihre Schwerter. Andere suchen Fluchtwege, und viele fragen sich im Angesicht des sicheren Todes, wofür sie gelebt haben. Der Sturm auf Jerusalem ist in Romanen verarbeitet worden, in Historienthrillern und selbst in Opern. Paulo Coelho hat den Stoff so genutzt, wie es seine Anhänger erwarten durften: zur Beantwortung der "großen Fragen der Menschen, die über die Jahrtausende immer wieder gestellt werden", wie es in der Verlagswerbung heißt.

Todesnähe und ein religiöses Manuskript gehörten wohl zu den Inspirationen für "Die Schriften von Accra". Der Brasilianer Coelho, der seit Jahren in der Gegend von Genf lebt, überstand dort im Herbst 2011 eine Herzoperation. Zu der Zeit bekam er vom Sohn des britischen Archäologen und Entdeckers Sir Walter Wilkinson die Kopie einer uralten Textsammlung über das frühe Christentum aus der Stadt Akkon, auch Accra genannt, im Norden des heutigen Israel.

Nur zwei intensive Wochen soll der Bestseller-Autor für das Schreiben seines auf den Accra-Texten beruhenden Buch gebraucht haben. Das brasilianisch-portugiesische Original erschien im vergangenen August, 25 Jahre nach der Veröffentlichung seiner Pilgererfahrung "Auf dem Jakobsweg". Mit Gleichnissen, Fabeln, Symbolik und Mystik und einer sanftmütigen, einfachen Sprache hat sich Coelho in die Herzen eines weltweiten Publikums geschrieben. Die meisten seiner Bücher - insbesondere "Der Alchimist", "Veronika beschließt zu sterben", "Brida" und "Aleph" - wurden Verkaufsschlager. Übersetzt in mehr als 70 Sprachen erreichte er bislang eine Auflage von über 145 Millionen. Damit ist der 65-Jährige einer der meistgelesenen Autoren der Welt.

Balsam für geschundene Seelen

"Ihr stellt mir Fragen und ich werde antworten", sagt in "Die Schriften von Accra" ein Weiser - ein aus Griechenland stammender Kopte - als sich verzweifelte Menschen im belagerten Jerusalem zusammenfinden. Und zwar ausgerechnet in dem Hof, in dem einst Jesus vom römischen Statthalter Pontius Pilatus der Menge zur Kreuzigung übergeben wurde. Also fragen die Menschen. Und Coelho antwortet. Jede Antwort gerät zu einer Weisheit, die Trost spenden, Balsam für geschundene Seelen sein und guten Rat erteilen soll. Wie groß der weltweite Bedarf an solchen Antworten auch mehr als 900 Jahre nach dem Sturm auf Jerusalem ist, lassen oft schon die Abendnachrichten ahnen.

Paulo Coelho bei der Präsentation seines neuen Buches "Die Schriften von Accra" in Madrid im November 2012.
© EPA/J.J. GUILLEN

"Sprich zu uns über die Niederlage", sagt einer. Und der Kopte sagt: "Besiegt ist nur, wer aufgibt. Alle anderen sind siegreich." Die zehn als besonders prägnant angesehenen Spruchweisheiten des Buches hat der Diogenes-Verlag als Postkarten drucken lassen. Eine Auswahl: "Wunder öffnen Türen, zu denen niemand einen Schlüssel hat.", "Die Liebe ist ein Akt des Glaubens, kein Tauschhandel." Manche Sprüche wirken verblüffend aktuell, man denke nur an die Debatte über das Bundeskanzlergehalt: "Erfolg bedeutet, sein Leben zu bereichern, und nicht, seine Schatzkiste zu füllen."

Was aber ist der Sinn des Lebens, um den sich Coelho so viele Gedanken gemacht hat? Es gebe Leute, lässt er den Kopten sagen, "die begreifen, dass diese Frage eine Falle ist, denn es gibt keine Antwort darauf". Hier und da wirkt er unfreiwillig komisch. So bei der Suche nach Liebe: "Gib nicht auf. Meist passt erst der letzte Schlüssel ins Schlüsselloch." Beim Thema Sex ist er praxisorientiert: "Öffne ohne Furcht das Kästchen deiner geheimen Fantasien. Der Mut des einen wird die Kühnheit des anderen anstacheln."

Auch Kahn liest Coelho

Es gibt immer wieder Kritiker, die über Coelho die Nase rümpfen. Leute, die den Autor, zu dessen Lesern die Sängerin Madonna und der Torwart Oliver Kahn gehören, als schreibenden Guru einer religiös verbrämten Unterhaltungsliteratur abtun. Coelhos Figuren, fand schon vor zehn Jahren der Schweizer Journalist und Lateinamerika-Kenner Sandro Benini in der "Weltwoche", seien "psychologisch so spannend wie das Piktogramm auf einem Verkehrsschild". Coelho verkünde "metaphysische Binsenweisheiten".

Solche Vorwürfe schienen den Millionenseller noch nie zu kümmern. "Ich bin modern, weil ich das Komplizierte einfach erscheinen lasse, weil ich mit der ganzen Welt kommuniziere, weil ich ein Autor globalisierter Literatur bin", sagte Coelho einmal. Wichtiger als die Meinung der Kritiker ist ihm die Reaktion seiner Leser. Und die geben ihm in großer Zahl Recht. Seine Bücher, bekunden viele bei Lesungen und in Briefen, hätten ihr Leben zum Besseren verändert. Mehr als fünf Millionen Twitter-Follower, mehr als neun Millionen Facebook-Friends - die können doch nicht irren? Mit der deutschsprachigen Ausgabe von "Manuscrito encontrado em Accra" wird Coelhos Gesamtauflage weiter kräftig steigen. An das meistverkaufte Buch der Welt, die Bibel, kommt er zwar trotzdem nicht heran. Doch immerhin ist sein neuestes Werk ebenfalls gut geeignet, von Kanzeln aus vorgetragen zu werden.

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