Paul Scharner von

"Zehn Topleistungen erforderlich"

Der Nationalspieler über fehlende Anerkennung, den HSV und die WM-Quali

Paul Scharner - "Zehn Topleistungen erforderlich" © Bild: GEPA/Witters/Groothuis

Paul Scharner polarisiert. Aber zwischen farbenfrohen Frisuren und provokanten Aussagen hat der 32-Jährige eine der erfolgreichsten Fußballkarrieren Österreichs hingelegt. NEWS.AT hat den ÖFB-Nationalspieler vor dem Freundschaftsspiel gegen die Türkei getroffen und mit ihm über seine neue Aufgabe in Hamburg, die WM-Qualifikation und ihn selbst gesprochen.

NEWS.AT: Wie geht es Ihnen?
Paul Scharner: "Ich hab mich halbwegs erholt. Ich bin mit Emanuel Pogatetz zusammengestoßen und habe vom Feinsten eine auf den Kopf bekommen. Aber mittlerweile hat sich das Hirn wieder beruhigt."

Und wie waren die letzten Monate? War es Ihnen klar, dass Sie einen guten Verein finden werden? Oder sind Sie schon nervös geworden?
"Nein. Ich habe volles Vertrauen in mein Team und deshalb ist da nie Nervosität aufgekommen."

Wie kommt man als 32-Jähriger überhaupt dazu, bei einem großen Club wie dem HSV einen Zweijahresvertrag zu erhalten? Das ist ja nicht unbedingt üblich.
"Wer den Paul Scharner kennt, der weiß, dass er topfit ist und auf sich geschaut hat in seinen 13 Profijahren. Für mich persönlich spielt das Alter keine große Rolle. Ich fühle mich viel jünger, als ich laut Geburtsurkunde bin."
Beste Liga in Europa
Es gab ja immer den vielzitierten Karriereplan. Ist der HSV ein Schritt, der immer geplant war?
Nein, nicht wirklich. Deutschland ist durch die Entwicklung groß aufgekommen. Ich glaube in Sachen Infrastruktur und Fans ist das die beste Liga in Europa. Da kommt auch England nicht nach. Das möchte man als Spieler auch einmal erleben."

Wie bewusst ist Ihnen, dass der HSV in einer sehr schwierigen Situation steckt?
"Ich bin mir dessen sehr bewusst. Sie haben letztes Jahr gegen den Abstieg gekämpft und haben jetzt einen Riesenumbruch. Die Verjüngung des Teams wurde komplett durchgezogen. Der HSV ist von einem Altersschnitt von 30 auf einen von 24 oder sogar 23 runtergekommen – bevor ich unterschrieben habe. Das ist eine sehr, sehr herausfordernde und reizvolle Aufgabe da mitzuhelfen, um den HSV wieder zu stabilisieren."

Und was sind die Ziele für die nächsten zwei Jahre? Wo soll es hingehen?
"Das kann man schwer sagen. Ich bin erst seit ein paar Tagen beim HSV. Man wird sehen. Ich habe natürlich ein intensives Gespräch mit Trainer Thorsten Fink und Sportdirektor Frank Arnesen gehabt. Es ist ein sehr junges Team. Warum sie unbedingt einen Paul Scharner wollten, ist wegen der Erfahrung, die ich mitbringe. Ich bin seit 13 Jahren Profi und deshalb habe ich die Herausforderung angenommen."

Haben Sie schon einen Plan, wie es nach Hamburg weitergehen könnte?
"Hamburg ist die Gegenwart."

Haben Sie sich in Hamburg schon eingelebt? Wie lange waren Sie schon dort?
"Ich war jetzt eine Woche dort und habe schon eine Bleibe gefunden. Meine Frau hat mich auch schon besucht und kümmert sich jetzt um den Umzug. Ich kann mich voll auf die neue Aufgabe und aufs Nationalteam konzentrieren."

Sie haben sieben Jahre lang Premier League gespielt. In Österreich gibt es Spieler, die weniger geleistet und mehr Starruhm bekommen haben. Fühlen Sie sich genug anerkannt?
"England ist natürlich ein bisschen weiter weg als Deutschland. Das ist ganz klar. Der Einfluss der Premier League ist in Österreich nicht besonders groß. Das ist schwierig. Das muss man halt hinnehmen. Ich sage immer: Der Prophet zählt halt im eigenen Land weniger. Oder gar nix. Aber natürlich geht es mir ab. Es gibt keinen einzigen anderen Österreicher, der über 200 Spiele und 21 Tore in der Premier League gemacht hat."

Als defensiv orientierter Spieler.
"Stimmt. Das kommt noch dazu. "
Denke sehr gründlich nach
Fühlen Sie sich manchmal auch missverstanden? Ihre Aussage mit der Teamchef-Bewerbung haben viele offenbar schlicht nicht verstanden?
"Ich denke immer sehr gründlich darüber nach, was ich mache. Das sind ja keine Kurzschlusshandlungen. Das hat auch einen Hintergrund und soll einen Zweck erfüllen. Im Endeffekt ist die Persönlichkeit Paul Scharner eben so. Ich polarisiere manchmal und das gehört einfach dazu. Ich werde mich jetzt nicht für ein ganzes Land ändern."

Thema ÖFB-Team. Wie schätzen Sie die Chancen in der WM-Quali ein? Man hat immer das Gefühl, dass sich alle freuen, wenn Sie auf die Mannschaft wieder einprügeln dürfen. Aber so schlecht wie oft behauptet ist das Team doch nicht, oder?
"Das ist generell eine Charaktereigenschaft von Österreich, dass man sich gegenseitig nicht das Beste, sondern das Schlechteste wünscht. Wenn Österreich in einer Qualifikation bestehen und sich qualifizieren will, dann muss jeder dahinterstehen. Die Öffentlichkeit, die Medien, die Spieler. Das Team um Marcel Koller ist gut aufgestellt, die Mannschaft hat großes Potenzial. Sie ist fast ausschließlich mit Legionären bestückt, die bei ihren Vereinen ziemlich fix spielen. Deshalb traue ich uns schon einiges zu."

Sie sind in der Vergangenheit öfter mit Kritik angeeckt, etwa bei Josef Hickersberger. Bewegt sich der österreichische Fußball jetzt in eine bessere Richtung, als noch vor einigen Jahren?
"Das würde ich schon so sagen. Ja. "

Auch, was das Mannschaftsklima und die Führungspersönlichkeiten im Team betrifft? Es gibt mit Christian Fuchs einen neuen Kapitän, auch der Mannschaftsrat ist neu aufgestellt. Ist das alles zielführend?
"Man sieht eben, dass Marcel Koller komplett durchgeplant ist und sich sehr viele Gedanken macht, wie er was macht. Da ist jetzt auch der Spielerrat herausgekommen mit den zwei neuen Kapitänen. Im Prinzip hat es sich einfach nur umgedreht."
Zehn Topleistungen
Wie weh tut es dem ÖFB-Team, wenn David Alaba und Marko Arnautovic fehlen? Oder ist das besser, wenn sie gegen Deutschland nicht dabei sind und gegen die vermeintlich schwächeren Gegner fit sind?
"Ich glaube, es sind zehn Topleistungen erforderlich, um sich zu qualifizieren. Da ist es egal, gegen wen wir gerade spielen. Am Tag X muss die Leistung passen. Die Punkte müssen wir machen, damit wir uns qualifizieren. Da kann man nicht herumrechnen."

Zur Person:
Der 1980 geborene Paul Scharner begann seine Karriere in Purgstall, wechselte 1993 ins BNZ St. Pölten und 1996 zur Wiener Austria. Sein Bundesliga-Debüt gab der Niederösterreicher im April 1999 und stieg bei der Austria zum Nationalspieler auf. Als er sich 2003 weigerte, von Trainer Jogi Löw auf einer anderen als seiner Stammposition eingewechselt zu werden, war die Trennung von der Austria besiegelt. Über Austria Salzburg verschlug es Scharner nach Norwegen zu Brann Bergen, wo er Spieler der Saison und Cupsieger wurde. Ende 2005 erfolgte dann der große Schritt zu Wigan Athletic in die englische Premier League. Scharner sollte bis 2012 bleiben über 200 Spiele für Wigan und West Bromwich Albion bestreiten, ehe er zum Hamburger SV wechselte, wo er einen Vertrag über zwei Jahre erhalten hat. Für das ÖFB-Nationalteam hat Paul Scharner 2002 gegen Kamerun debütiert und bis dato 40 Länderspiele bestritten.

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