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Paul Scharner beendet Karriere

33-Jähriger zieht sich "aus Respekt zu mir selber und meiner Familie" zurück

Paul Scharner © Bild: GEPA pictures/Christopher Kelemen

Viel wurde spekuliert, seit Montagabend ist es offiziell. Die aktive Profi-Karriere von Paul Scharner ist zu Ende. Der 33-jährige Defensivspieler bestätigte in Interviews mit dem ORF sowie Servus TV seinen Rücktritt. "Ich habe mich dafür entschieden, meine Karriere zu beenden. Aus Respekt zu mir selber und meiner Familie", sagte der Ex-ÖFB-Teamkapitän, der zum vierten Mal Vater wird.

Schon seit dem FA-Cup-Sieg mit Wigan Athletic am Ende der vergangenen Saison sowie seines halbjährigen Leih-Gastspiels beim englischen Premier-League-Absteiger habe er mit dem Gedanken gespielt. "Nach dem Sieg ist zum ersten Mal der Gedanke in mir hochgekommen, eventuell mit einem großen Erfolg Schluss zu machen. Das Kuddelmuddel beim HSV hat meine Entscheidung beschleunigt", erklärte der Niederösterreicher.

Die endgültige Entscheidung fiel allerdings erst am (heutigen) Montag, nach einem intensiven Gespräch mit seinem Mentalcoach Valentin Hobel. "Wir sind verschiedene Szenarien durchgegangen und das Aufhörszenario ist es geworden", verriet Scharner.

Scharner blickt gelassen in die Zukunft

Der Zukunft blickte der Abwehrspieler gelassen entgegen. "Mit meiner Abfindung lässt es sich ganz gut leben, ich habe meine Forderungen durchgesetzt. Sportlich wäre es für mich aber viel interessanter gewesen", sagte Scharner.

Der Purgstaller stand zuletzt beim Bundesligisten Hamburger SV unter Vertrag. Der eigentlich bis 2014 laufende Kontrakt war vor einer Woche nach heftigen Streitigkeiten aufgelöst worden. Scharner kassierte eine Abfindung von etwa 500.000 Euro. Vorausgegangen waren massive Differenzen zwischen Scharner und dem Verein, für den er nur vier Bundesligaspiele bestritt. Scharner war von Trainer Thorsten Fink aus dem Profikader ausgemustert und in die zweite Mannschaft verbannt worden, wollte dort aber nicht trainieren.

"Im Sommer hat mir der Trainer in einem Gespräch zugesichert, dass alle bei Null beginnen. Das habe ich für bare Münze genommen und englische Aufgaben abgeblockt. Dann wurde mir mitgeteilt, dass ich nur mehr fünfter Innenverteidiger bin, ein Monat später ist das Interesse von Hull City gekommen, das wäre ein einfacher Ausweg für den HSV gewesen. Ich habe das Angebot aber aus familiären Gründen und weil mir zugesichert worden war, dass ich eine faire Chance bekomme, abgelehnt", erzählte Scharner.

Unrühmliches Ende einer erfolgreichen Karriere

Die Sache mit dem HSV war ein unrühmliches Ende einer durchaus erfolgreichen Karriere, die ihn von Österreich nach Norwegen, England und Deutschland geführt hatte. "Ich habe mich nicht verbiegen lassen und trotzdem eine halbwegs respektable Karriere hingelegt", war Scharner durchaus stolz. Seine Teamära mit 40 Spielen zwischen April 2002 und August 2012 ordnete er in die Kategorie "Haßliebe" ein.

Die Entwicklungen im Profi-Geschäft findet er alles andere als positiv. "Der Fußball hat sich komplett zum Geldbusiness entwickelt. Interessen der Spieler sind oft zweitrangig", sagte der 40-fache ÖFB-Teamkicker. Bestes Beispiel ist der Rekordtransfer von Gareth Bale von Tottenham zu Real Madrid um 100 Millionen Euro. "Das Business ist vollkommen krank. Wie Vereine in Zeiten einer Finanzkrise mit Geld um sich werfen, das ist unglaublich", gab Scharner seine Sicht preis.

Wie es mit dem nunmehrigen Ex-Kicker weitergeht ist noch vollkommen offen. "Ich werde jetzt definitiv einmal abtauchen, wie lange wird man sehen. Ich genieße jetzt einmal die freie Zeit mit der Familie", lässt Scharner alles auf sich zukommen.

Querkopf Paul Scharner - Kontroversen einer Karriere

Paul Scharner ist in seiner Karriere immer wieder nicht nur auf dem Platz aufgefallen. Der 33-Jährige, der am Montag offiziell seine sportliche Profi-Laufbahn beendete, sorgte auch neben dem grünen Rasen für Aufsehen. Ein Teil-Überblick einer kontroversiellen Karriere:

19. Oktober 2003: Scharner verweigert bei der Wiener Austria im Ligaspiel gegen den GAK (0:1) zur Pause seine Einwechslung als rechter Mittelfeldspieler, weil er diese Position nicht als seine stärkste ansieht. Der Niederösterreicher, damals 23 Jahre alt, würde lieber im zentralen Mittelfeld spielen. Scharner fällt daraufhin bei Austria-Trainer Joachim Löw, später deutscher Teamchef, in Ungnade und kann sich einen neuen Verein suchen. Er wechselt im Winter zum Ligarivalen SV Salzburg.

24. August 2006: Nach einem Länderspiel gegen Ungarn (1:2) gibt Scharner seinen Rücktritt aus dem ÖFB-Team bekannt. "Und zwar für immer", wie der mittlerweile in England bei Wigan spielende Defensiv-Allrounder in einem Interview betont. Scharner informiert Teamchef Josef Hickersberger von diesem Schritt und nennt die "unprofessionellen Strukturen beim ÖFB" als Grund. Hickersberger gibt bei der Kadernominierung für ein folgendes Vier-Nationen-Turnier in der Schweiz bekannt, dass Scharner "so lange ich Teamchef bin" nicht mehr für Österreich spielt.

24. April 2008: Hickersberger hält Wort. Obwohl sich Scharner vor der EURO 2008 für ein Comeback aufdrängt ("Ich bin der Meinung, dass ich helfen kann"), verzichtet der ÖFB-Trainer bei der Heim-EM auf den England-Legionär. Scharner befindet sich nicht in Hickersbergers 31-köpfigen Großkader. Scharner kehrt erst im August unter dessen Nachfolger Karel Brückner im Test gegen Italien in Nizza (2:2) ins ÖFB-Team zurück.

7. September 2011: Der in England mittlerweile bei West Bromwich Albion engagierte Scharner bringt sich selbst als möglicher Nachfolger von Teamchef Dietmar Constantini ins Spiel. Trotz verpasster EM-Qualifikation hätte Constantini in den beiden abschließenden Quali-Spielen noch auf der Bank sitzen sollen. "Das ist wieder einmal eine österreichische Lösung", kritisiert Scharner in einem Zeitungsinterview. "Ich biete mich als Spielertrainer an." Der ÖFB ist nicht sehr begeistert, Interimscoach Willi Ruttensteiner hält aber am Routinier fest, der unter Constantini sogar die Kapitänsschleife getragen hat.

15. August 2012: Stunden vor dem Anpfiff des ÖFB-Testspiels gegen die Türkei reist der Deutschland-Legionär, der eine Woche zuvor beim HSV unterschrieben hatte, wegen Differenzen mit Teamchef Marcel Koller aus dem Mannschaftsquartier ab. Scharner soll vom Schweizer eine Schlüsselrolle in der anstehenden WM-Qualifikation gefordert haben, dieser wollte ihn gegen die Türkei aber nicht in der Startformation aufbieten. Scharners Mentalbetreuer Valentin Hobel: "Wenn Paul entwertet wird, macht er nicht mehr mit."

17. August 2012: Das Präsidium des österreichischen Fußball-Bundes (ÖFB) beschließt in seiner Sitzung einstimmig, dass Scharner "unabhängig von der Person des Teamchefs, künftig in keine österreichische Nationalmannschaft mehr einberufen wird".

Juli/August 2013: Scharner bekommt nach seiner Rückkehr von seinem halbjährigen Leih-Gastspiel bei Wigan Athletic beim Hamburger SV keine faire Chance, er weigert sich zum Zweierteam zu wechseln, droht dem Verein mit "Krieg". Nach längeren Streitereien um eine Vertragsauflösung einigen sich die beiden Parteien schlussendlich am 23. August auf eben diese.

2. September 2013: Scharner beendet mit 33 Jahren offiziell seine Karriere.

Kommentare

naja, wenn er schon sonst vor niemandem respekt hatte, so hat er wenigstens vor sich selbst respekt ... respekt!

ein skurriler typ. aber man sollte nicht vergessen, dass er ein hervorragender österreichischer kicker war. 221 spiele in der premier league schafft man nicht zufällig. und dort ist er auch menschlich nur positiv aufgefallen. was auch immer den sonst oft geritten hat, als sportler war er gut und erfolgreich.

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