Kinderbuch von

Im Reich der
Träume und der Wünsche

Paul Maar © Bild: imago/Manfred Segerer

Der deutsche Kinderbuchklassiker Paul Maar wird demnächst 80 Jahre alt. Er bringt einen Nachzügler der unsterblichen "Sams"-Reihe und spricht mit News.

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Das Problem ist der Donnerstag. Am Montag braucht nur Herr Mon zu Besuch zu kommen, der einzige Freund des verschüchterten Angestellten Bruno Taschenbier, der unter dem Schreckensregiment der Vermieterin Annemarie Rotkohl eine einsame Untermietexistenz fristet. Am Dienstag geht man zum Dienst, am Mittwoch ist Wochenmitte -da bedarf es keiner weiterführenden Anstrengungen -, am Freitag kann man sich freinehmen, und dass am Sonntag die Sonne scheint, kommt vor. Aber der Donnerstag! Anfangs wartet Herr Taschenbier von Woche zu Woche verzagter auf ein donnerstägliches Gewitter. Doch im weiteren Verlauf der Ereignisse unternimmt er immer couragiertere Vorstöße zur Erzeugung donnerähnlicher Geräusche. Denn: Wenn die anderen sechs Wochentage nicht stimmen, kommt am Samstag das Sams nicht zurück. Und das Sams - das begreift Herr Taschenbier nach anfänglicher Verunsicherung geschwind -ist das Beste, was in sein höhepunktarmes Leben treten konnte.

Dieser Anarchist von der Höhe eines maximal achtjährigen Kindes, mit Rüsselnase, rotem Borstenhaar, Froschfüßen und Trommelbauch, setzt in Herrn Taschenbier das Nötige frei: Fantasie, Übermut, den Willen zum Widerspruch und den Mut, sich einer angebeteten Bürokollegin zu erklären, die sich als Frau Taschenbier an der Gründung einer umfassend geglückten Familie beteiligen wird. Das Sams-Gesicht ist voll blauer Punkte. Jeder erfüllt einen Wunsch und verschwindet dann. Anfangs scheinen sie zahlreich, aber Herr Taschenbier lernt rasch, dass das Wünschen etwas für besonnene, im richtigen Moment bescheidene und, ja: disziplinierte Menschen ist.

Spätes Weihnachts-Sams

Das Sams, das sich bevorzugt vom Mobiliar der bürgerlichen guten Stube ernährt, ist der Beitrag des deutschen Schriftstellers und Illustrators Paul Maar zur Kinderweltliteratur. Allerdings überwiegend zur deutschsprachigen, denn die "Sams"-Bände sind voll kauziger Poesie, die akrobatisch mit der Sprache jongliert und daher kaum übersetzbar ist. Das Sams ist auch ein Dichter, der sein Handwerk bei Christian Morgenstern und Robert Gernhardt gelernt hat.

Im Verlauf von acht Bänden hatte sich das Sams zuletzt schon der in Australien ansässigen Taschenbier'schen Enkelgeneration hilfreich gezeigt. Nun steuert Paul Maar mit Stichtag 13. Dezember dem Achtziger entgegen. Und zu diesem Anlass erschien der Nachzügler "Das Sams feiert Weihnachten": ein Buch, das die vertraute herzenswarme Anarchie mit einer schönen Beimengung von Altersweisheit verbindet.

Was ist ein gutes Kinderbuch? Der alte Herr mit dem weißen Schnauz und den listigen Kinderaugen zögert: "Wenn man einen Literaturwissenschaftler fragen würde, gäbe er eine andere Antwort als ein Pädagoge und wieder eine andere als ein Kind. Sag ich es so: Ein Buch, das von Kindern geliebt wird, muss ein gutes Kinderbuch sein." Das Sams, fährt er fort, verkörpere drei Grundtugenden: Zivilcourage, Anarchie und unbändige Lebensfreude. Wobei das Quantum Anarchie gut zu bemessen sei. "So viel, wie eine gute Suppe Salz braucht."

Das Sams gibt es seit 1973. Nicht mehr viel von der damaligen Kinderwelt ist geblieben. Vor allem Internet und Mobbing, sagt Paul Maar, hätten alle Gewissheiten auf den Kopf gestellt. Aber sagte nicht die große Christine Nöstlinger, an den Themen "Eltern, Schule, Liebe" habe sich nie etwas geändert? "Ja, Christine hat recht", räumt Maar ein und ergänzt: "Auch der Platz eines Kindes in der Geschwisterfolge ist wichtig: der älteste Bruder, der jüngste."

Glücklich in Ruinen

Dass Kinder heute ein leichteres Leben hätten? Ein Stereotyp von bescheidenem Realitätshintergrund. "Wenn ich an meine unbeschwerte Kindheit denke, wo wir die Nachmittage unter uns verbracht haben, ohne Aufsicht der Eltern, die von unseren wilden, teils gefährlichen Spielen in den Weltkriegsruinen nichts oder wenig wussten, Eltern, die so sehr mit dem Aufbau ihrer Existenz beschäftigt waren, dass die Kinder eher nebenherliefen -dann bedaure ich die heutigen wohlbehüteten, immer gut beaufsichtigten Kinder ein wenig. Sie haben im Gegensatz zu den Jahren meiner Kindheit genug zu essen (jedenfalls die meisten), ein Fernsehprogramm, meistens ein Smartphone - aber sie haben keine Geheimnisse mehr."

Welche drei Wünsche er selbst dem Sams vorbrächte, hat er schon in zahllosen Interviews beantwortet. Zunächst Gesundheit für die Familie: neben seiner Ehefrau, der Übersetzerin Nele Maar, und den drei erwachsenen Kindern auch die hundertjährige Stiefmutter, die ihm nach dem frühen Tod der Mutter alles an Nähe und Liebe zukommen ließ. Dann: "Dass wir einander verbunden bleiben." Und endlich: "Dass ich mich doppeln könnte, damit der eine Paul Maar in Ruhe schreiben kann, während der andere auf Lesereise unterwegs in der Welt ist." Dem, sagt der immer noch rastlos mobile alte Herr, habe er nichts hinzuzufügen.

Der kreative Prozess gehorcht konservativen Ritualen: Die ersten fünfzehn Seiten entstehen handschriftlich, werden zerlegt, überschrieben, manchmal in der Luft zerrissen. "Dann stehen die Figuren vorm inneren Auge, ich höre sie sprechen. Das ist der Zeitpunkt, wo ich mich an den Computer setze, den Text eintippe, schon die ersten Änderungen und Kürzungen vornehme und weiß: Die Geschichte läuft." Den Vormittag bis zum frühen Nachmittag fließt es dann im Glücksfall. Dann geht das Ehepaar spazieren, und Paul Maar bereitet, worauf er deklarierterweise stolz ist, das Abendessen.

Bleibt noch das beinahe Wichtigste: Was außer den Büchern von Paul Maar soll man einem Kind schenken? "Alice im Wunderland", "Pu der Bär", "Tom Sawyer und Huckleberry Finn" lautet die Antwort aus dem Olymp.