Paukenschlag für Austro-Radsport: Georg Totschnig steigt für immer vom Rennrad!

Will sich nach 13 Jahren Sport seiner Familie widmen Holte '05 nach 74 Jahren Tour-Etappe für Österreich

Georg Totschnig hat sich die Entscheidung nicht leicht gemacht. Der 35-jährige Radprofi gab im Firmensitz seines Sponsors Palfinger in Salzburg das Ende seiner Radprofi-Karriere bekannt. "Schon etwas mit schwerem Herzen" vollziehe er den Abschied vom aktiven Rennsport, erklärte der Tiroler. "Es war eine schöne Zeit, aber ich glaube, dass jetzt der richtige Zeitpunkt ist." Der Österreichische Radsportverband verliert damit einen seiner profiliertesten Athleten, der in seinen 13 Profijahren das Renngeschehen an der Spitze mitbestimmt hat.

Nach rund einer halben Million Kilometer als Profi im Sattel und rund 1.100 Rennen hat Totschnig bei der Lombardei-Rundfahrt am vergangenen Samstag endgültig das Peloton verlassen. Zwei, drei konkrete Vertragsangebote lagen dem Kapitän des Gerolsteiner-Rennstalls für eine weitere Saison vor, doch vor allem aus zwei Gründen entschied er sich, seine Laufbahn zu beenden. "Ich wollte meine eigene Entscheidung treffen, auf einem hohen sportlichen Niveau aufhören und nicht in zwei, drei Jahren aus Frust, weil ich keinen Vertrag mehr bekomme. Jetzt behalte ich alles in schöner, guter Erinnerung", betonte der Zillertaler.

Ebenso wichtig war es ihm, endlich mehr Zeit für die Familie zu haben - Gattin Michaela und die drei Kinder Emma (8), Max (2) und Josef (6 Monate) hatten zu lange auf den durch Europa tourenden Radprofi verzichten müssen, die Abwesenheit war ihm zunehmend schwerer gefallen. "Die Familie hatte einen Einfluss, aber sie haben mir die Entscheidung offen gelassen. Natürlich freuen sie sich jetzt, dass ich mehr Zeit habe", sagte Totschnig. Tochter Emma habe sich dennoch so ihre Gedanken gemacht. "Papa, jetzt verdienst du ja nichts mehr", habe sie eingewendet, erzählte Totschnig lächelnd. Er konnte sie beruhigen. "Ich habe mir durch den Sport eine Existenz aufgebaut, jetzt kann ich alles entspannt angehen."

Totschnig hat in seiner Karriere viel erreicht, die Höhepunkte für den starken Kletterer und Rundfahrt-Spezialisten waren der Etappensieg in der Tour de France 2005 (in Ax-Trois Domaines in den Pyrenäen) sowie insgesamt fünf Top-Ten-Platzierungen in Tour de France (bestes Gesamtergebnis 7. Rang/2004), Giro d'Italia (5./2003) und Vuelta a Espana (6./1996). Das hatte in den großen Rundfahrten kein anderer noch heuer aktiver Profi geschafft. "Daneben sind mir auch Freundschaften wichtig, die nach der Karriere weiter bestehen", meinte Totschnig. Auch mit dem Deutschen Jan Ullrich (gemeinsamer Sieg in der Teamwertung der Tour de France 1997), ungeachtet dessen möglicher Dopingverfehlungen.

Gerolsteiner-Teamchef Hans-Michael Holczer behält seinen Kapitän als "leistungsstarken, besonnenen Fahrer" in Erinnerung, der nie in Skandale verwickelt war. "Er ist symptomatisch für den Aufstieg unseres Teams, war der erste, der sich entschieden hat, von Telekom weg zu uns zu kommen und hat sich mit einer sensationellen Leistung verabschiedet", erklärte Holczer, der Totschnig auch das bisherige Highlight seiner Tätigkeit verdankt. "Ich bin auf dem Weg zu seinem Tour-Etappensieg im Auto hinter ihm gefahren, das war das emotional Bewegendste, das ich im Sport erlebt habe."

Totschnig, der bereits in seinem zweiten Amateurrennen 1990 als Zweiter bei Wien-Eisenstadt-Wien aufgefallen ist, wird als Hobby weiter Rad fahren und engagiert sich in nächster Zeit auch in seinem Sport. So wird er 2007 für den Rundfahrt-Sponsor Hervis tätig sein, das Pal-fit-Programm seines Sponsors Palfinger betreuen und dem ÖRV bei Nachwuchsprojekten helfen. "Es wäre ungeschickt, wenn man das Potenzial eines Georg Totschnig nicht nützen würde", sagte ÖRV-Generalsekretär Rudi Massak, der gemeinsam mit Finanzreferent Herbert Kocher dem scheidenden Aushängeschild ein gerahmtes Foto von der Rad-WM übergab, das Totschnig in der letzten Runde an der Spitze des ÖRV-Quartetts zeigt.

Eine Rückkehr zum Spitzensport in anderer Funktion kann sich Totschnig durchaus vorstellen. "Es würde mich reizen, etwa als Teamchef zu arbeiten. Aber erst einmal brauche ich etwas Abstand und Zeit für die Familie. In zwei, drei Jahren wird man sehen, wo die Interessen hingehen", sagte Österreichs Sportler des Jahres 2005.

Totschnig blickt jedenfalls mit Freude zurück. "Es gibt viele schöne Erinnerungen, kaum große Enttäuschungen und zum Glück bin ich von schweren Verletzungen verschont geblieben", sagte er und ist zufrieden mit dem, was er erreicht hat. "Wenn ich das Gefühl hätte, dass noch etwas fehlt in meiner Karriere, dann wäre ich weitergefahren."

(apa/red)