Motor von

Voll auf Strom
in British Columbia

Auf erster Testfahrt mit dem neuen Porsche Panamera Sport Turismo in Kanada

Panamera 4 © Bild: Hersteller

Endlose Wälder, schroffe Felswände und Flüsse voller Lachse - Reiseführer und Berichte von Campern überschlagen sich oft mit teils vor Kitsch und Simplizität triefenden Floskeln, wenn es um Vancouver Island geht. Das Beste daran ist, dass diese Darstellungen der Realität entsprechen. Die im äußersten Südwesten Kanadas gelegene Insel, eine halbe Flugstunde von der Millionenmetropole Vancouver entfernt und etwa so groß wie Holland, bietet tatsächlich ein Potpourri aus Naturschönheiten und Abenteuerkulisse. Leider ist das Eiland gut 8.000 Kilometer von Österreich entfernt.

Warum Porsche den Panamera Sport Turismo, kurz: ST, den ersten Kombi seiner Geschichte, just im fernen Nordamerika vorstellt, blieb uns verschlossen. Sei es drum.

Die enge, mäanderartige Straße, die die Hauptstadt Victoria mit unserem ersten Ziel, Duncan, verbindet, möchte man eigentlich nicht gleich einem deutschen Luxusgefährt zumuten. Und wir verstehen, warum hauptsächlich angejahrte Pick-ups unterwegs sind. Wir aber prügeln den Panamera ST über den flickenartig reparierten Asphalt und lassen uns auch vom Poltergeräusch nicht irritieren, wenn wir in tiefe Schlaglöcher hineinplumpsen. Aber diese Tortur hat auch gleich einen guten Zweck erfüllt - so kann die Luftfederung zeigen, was sie schafft: sehr viel, nämlich die groben Fahrbahnunebenheiten so weit wegbügeln, wie sich das für einen Sportkombi geziemt.

Fünf Motorvarianten, schon aus der Limousine bekannt, stehen zur Wahl: Benziner mit 330, 440 und 550 PS, der V8-Diesel mit 422 PS und der Plug-in-Hybrid mit 462 PS. Alle Versionen haben Allrad und ein Achtgangdoppelkupplungsgetriebe.

Panamera 4
© Hersteller

Wir nehmen uns den Turbo, selbst wenn der Achtzylinderdiesel, der auch im Audi SQ7 verbaut wird, über jeden Verdacht erhaben ist. Und der macht keine langen Umstände. 550 PS und 770 Nm ab 1.950 Touren sorgen für mörderischen Schub und ebensolchen Sound in allen Lebenslagen. Von der Spitzengeschwindigkeit jenseits von 300 km/h dürfen wir nicht einmal träumen. In Kanada sind maximal 100 erlaubt.

Die unmittelbare Konkurrenz traut sich ab Ende 2018 nicht mehr über das heikle Segment eines Kombis in der Luxusklasse. Porsche hingegen entscheidet demonstrativ anders und trifft damit gleich zwei Fliegen auf einen Schlag: Zum einen wird eine kleine Schwachstelle ausgemerzt, die bei der Panamera-Limousine augenscheinlich ist: Der unelegant wirkende Dachabschluss wird beim Kombi durch einen kecken Dachspoiler über der Heckklappe weggebügelt.

Und gleichzeitig wird der Nutzwert des Panamera zumindest um ein Weniges gesteigert. Der Panamera ST ist ein voll familientaugliches Auto und schlägt die Limo auch in puncto Optik.

Panamera 4
© Hersteller

Wir erlauben uns den Spaß und unterziehen den Panamera ST einem Praxistest. Statt der Beschleunigung loten wir die Platzverhältnisse aus. Hinten, erstmals ist es eine Dreierbank, sitzt man links und rechts ausgezeichnet, Bein- und Kopffreiheit passen. Nur, wie im Flugzeug auch, ist der enge Mittelsitz eine Qual. Der passt höchstens für Kinder. Und der Laderaum hat auch nicht die Kubatur eines Tiefladers - was wir allerdings auch nicht erwartet haben. Bei aufgestellter Rückbank passen 20, bei flacher 50 Liter mehr hinein. In absoluten Zahlen: 520 bis 1.390 Liter - also für Golfbags reicht es allemal, und obendrein ist die Ladekante bedienerfreundlich tief.

Zeit für einen Fahrzeugwechsel. Wir steigen in den Plug-in-Hybrid um, eigentlich die probateste Motorisierung für das 5,05 Meter lange und 2,3 Tonnen schwere Ungetüm von Porsche. Hier vereinen sich nämlich 330 V6-Benziner-PS mit den 136 PS des Elektroantriebs, was eine Systemleistung von 462 Pferdestärken ergibt.

Der Hybride macht viel Spaß, wenn er elektrisch und dabei keineswegs langsam durch die Provinzstädte von Vancouver Island surrt. Denn zum einen biegt er genauso flott ums Eck wie seine reinen Sprit-Brüder, zum anderen beschleunigt er in 4,6 Sekunden auf 100. Aber ganz kann das Panamera-Modell sein Lebendgewicht nicht leugnen, etwa beim Bremsen.

Panamera 4
© Hersteller

In der Rush Hour ist auch in Victoria erstaunlich viel los, und da ist man unter all den stinkenden Trucks der König, wenn man laut-und emissionslos die Stop-and-go-Übung absolviert. Rein elektrisch schafft man weniger, als Porsche angibt, nämlich 35 statt 50 Kilometer. Und über Land schaltet sich erst ab 140 km/h der Verbrennungsmotor ein.

Vancouver Island war jedenfalls die Reise wert. Auch weil der Panamera Sport Turismo praktischer, geräumiger, fescher als die Limousine ist. Leider auch teurer.

Ab Mitte November 2017 verfügbar

Panamera 4 Sport Turismo: 330 PS, 259 km/h, 5,5 Sek., ab € 114.810,-
Panamera 4S Sport Turismo: 440 PS, 286 km/h, 4,4 Sek., ab € 141.871,-
Panamera 4 Turbo Sport Turismo: 550 PS, 304 km/h, 3,8 Sek., ab € 195.116,-
Panamera 4S Diesel Sport Turismo: 422 PS, 282 km/h, 4,5 Sek., ab € 144.355,-
Panamera 4 E-Hybrid Sport Turismo: 462 PS, 275 km/h, 4,6 Sek., ab € 114.629,-