Oscar-Nacht: Die bewegte Geschichte des kleinen Ritters aus Gold

Einst Spiegel einer politischen USA, heute Kommerz

Als am 16. Mai 1929 zum ersten Mal die kleine Goldstatue vergeben wurde, dauerte die gesamte Verleihung genau 4 Minuten und 22 Sekunden. Die Gewinner waren bereits vorab bekannt und Medien so gut wie nicht vertreten. Damals deutete noch nichts auf den Glamour und den wirtschaftlichen Einfluss hin, den dieses Ereigniss in den folgenden Jahren bekommen sollte.

"Wir werden die Filmkunst und Filmtechnik dadurch voran bringen, dass wir Preise für hervorragende Einzelleistungen verleihen werden" - Klein, aber folgeträchtig ist der Passus, der in den Satzungen versteckt bei der konstituierenden Sitzung der "Academy of Motion Picture Arts and Sciences" am 11. Mai 1927 mitbeschlossen wurde.

Nach den ersten, wenig beachteten Verleihungen im Roosevelt-Hotel wurde der Oscar erst in den wirtschaftlich (Rezession) und politisch (Zweiter Weltkrieg) turbulenten Zeiten erfolgreich. Viele Amerikaner sehnten sich nach Unterhaltung und Glamour. Ein Oscar-Gewinn in einer der Hauptkategorien bedeutete schon in den 40er Jahren Zusatzeinnahmen von ein bis zwei Millionen Dollar.

Der Oscar wurde zum Spielball der politischen und wirtschaftlichen Ereignisse in den USA: Den wirtschaftlichen Druck, den die von der Rezession gebeutelten Studios in den 30er und 40er Jahren auf die Academy ausübten, bekam vor allem Orson Welles zu spüren, der mit seinem wegweisenden, aber inhaltlich umstrittenen Werk "Citizen Kane", das sich 1941 allzu kritisch mit dem Leben des Medienmoguls William Randolph Hearst auseinandersetzte, bei der Oscar-Verleihung floppte und dessen Film-Karriere daraufhin so gut wie beendet war.

Obwohl die Film-Studios sich lange Zeit erbittert gegen die entstehende Fernseh-Konkurrenz zur Wehr setzten, markierte die erste Fernseh-Übertragung einer Oscar-Verleihung 1953 einen Meilenstein in der Fernsehgeschichte: Die vom späteren US-Präsidenten Ronald Reagan moderierte Show erzielte die bis dahin höchste Einschaltquote seit der Einführung des Fernsehens.

Auch politisch geriet der Oscar ins Rampenlicht: In den repressiven Jahren der McCarthy-Zeit gab es offizielle "schwarze Listen" mit als "kommunistisch" gebrandmarkten Schauspielern und Regisseuren, die keinen Oscar gewinnen durften. Die Schauspieler begannen, ihre Popularität zu nützen, um politische Statements abzugeben: Improvisierte und geplante politische Reden zu Themen wie Unterdrückung der Indianer, Vietnamkrieg und Palästina prägten die Oscar-Nächte lange Jahre als Spiegel der unruhigen politischen Entwicklung Amerikas.

Das änderte sich erst, als in den 80er Jahren Filme wie "Ghostbusters", "Indiana Jones" und "Beverly Hills Cop" den Siegeszug des Kommerzkinos einläuteten. Die Academy vergab die Haupt-Oscars vorerst nicht an diese Kommerzfilme, bis in den 90ern Kinoerfolge und Oscar-Gewinner wieder übereinzustimmen begannen: Spätestens als "Titanic" 1997 den Oscar-Rekord von "Ben Hur" (elf Oscars 1959) einstellte, war das Kommerzkino "oscarwürdig" geworden.

Am 24. März 2002 fand die Oscar-Zeremonie erstmals im neuen Kodak-Theater von Los Angeles statt, das nur einen Straßenblock vom historischen Roosevelt-Hotel entfernt ist, wo 1929 die ersten Oscar-Trophäen verliehen wurden. Gegenüber dem 5.600 Plätze umfassenden Shrine-Auditorium, das in den vergangenen Jahren häufig Schauplatz der Gala war, stellen hier die 3.270 Sitzgelegenheiten eine empfindliche Verknappung des Platzangebotes dar. Selbst unter den rund 6.000 Mitgliedern der Oscar-Akademie muss das Los über die Teilnahme entscheiden.

Erst drei Mal in der Oscar-Geschichte wurde die Verleihungs-Gala verschoben: 1938 wegen einer Hochwasser-Katastrophe, 1968 wegen der Ermordung von Martin Luther King, 1981 wegen eines Attentats auf den damaligen US-Präsident Ronald Reagan.