Das Ortnerprinzip von

Der Michelle-Obama-Effekt

Julia Ortner über das neue Selbstbewusstsein Reinhold Mitterlehners

Julia Ortner © Bild: News/Ian Ehm

Es war der erste Schultag des neuen Kanzlers Christian Kern im Parlament, mit seinen blank polierten Träumen von Iphones, als Reinhold Mitterlehner klar wurde: Das ist wie meine Geschichte als frisch gekürter Parteichef, nur in Rot. Wer einem angeschlagenen Parteichef wie Michael Spindelegger oder Werner Faymann folgt, der steht automatisch glamourös da -politisches Naturgesetz. Bevor die Realität des Politikbetriebs zuschlägt, gnadenlos. "Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne. Ich hab das selbst erlebt", sagte Mitterlehner also nach Kerns Antrittsrede; Hermann-Hesse-Zitate hat man als Bürgerlicher natürlich parat. Und trotz der Ironie, es klang auch sehr elegisch.

Im vergangenen Sommer, keine zwei Jahre nach seinem Aufstieg zum Vizekanzler, war der einst in sich ruhende Mitterlehner ein Mann unter Druck, dem man den Druck schon ansah: Faymann, sein Koalitionspartner, nach dem Debakel der Regierungsparteien bei der ersten Runde der Bundespräsidentschaftswahl schon weg, der juvenile ÖVP-Messias Kurz schon gefährlich nahe und das Publikum schon niederträchtig in seinen Urteilen über den aktuellen Obmann: Wer weiß schon, wie lange der sich noch hält?

Sebastian Kurz im Genick, Reinhold Lopatka im Rücken. Das ist kein einfacher Job, nicht einmal für einen politisch erfahrenen ÖVP-Chef, bei dem das Leiden an der Partei und ihren Untergruppen zur Job Description gehört. Und dann noch die -natürlich überhaupt nicht offi ziellen, nur rein privaten -Sympathiebekundungen seines Klubobmanns Lopatka für Norbert Hofer vor der Wahl, obwohl Mitterlehner sich persönlich für Alexander Van der Bellen ausgesprochen hatte und nicht wollte, dass seine Leute Wahlempfehlungen abgeben. Insubordination nennt man das in jeder Firma, Pluralismus sagen sie in der ÖVP.

Doch ausgerechnet der Sieg der anderen, des Ex-Grünen Van der Bellen, war es, der wieder einen Teil des selbstgewissen Mühlviertlers Mitterlehner hervorbrachte. Dass Hofer allen Ernstes die persönliche Präferenz Mitterlehners für Van der Bellen als Hauptgrund für seine Niederlage beklagte - Wahnsinn, der hat die ÖVPler im Griff ! -, hat dem Ego Mitterlehners wohl gutgetan. Vielleicht hat er sich ja auch bei den Ränken rundum irgendwann, sehr frei nach Michelle Obama, gedacht: "When they go low, we go high" - wenn die anderen sich nicht benehmen können, antworten wir mit Stil. In der Mühlviertler Variante sieht das so aus: Mitterlehner pfeift sich nicht mehr so viel, grenzt sich mehr von der FPÖ-Konkurrenz ab und lässt sich auch im ORF-"Bürgerforum" nicht alles vom Publikum hineinsagen. Im wahrscheinlichen Wahljahr 2017 werden wir dann beobachten können, ob der Michelle-Obama-Effekt anhält.

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