Unter Kritik von

Original Play: Gehört
dieses Spiel verboten?

Unter Kritik - Original Play: Gehört
dieses Spiel verboten? © Bild: iStockphoto.com

Vor rund drei Wochen ist der Verein Original Play ins Kreuzfeuer der Kritik geraten. Von einer Einladung zur Übergriffigkeit an Kindern sprechen die einen. Von der Gefahr, sie zu traumatisieren, die anderen. Was ist dran an den Vorwürfen? Und gilt es das Konzept als solches zu verurteilen? Wir fragten den auf Kinder, Jugendliche und Familien spezialisierten Psychologen Dr. Christian Gutschi.

Vor 40 Jahren hat der US-amerikanische Spielforscher Fred Donaldson das sogenannte Original Play entwickelt. Eine Methode, bei der meist fremde Erwachsene mit Kindern und Jugendlichen rangeln und spielen. Die Kinder sollen dabei lernen, Vertrauen aufzubauen und Grenzen zu setzen. Im Jahr 2015 ist das Konzept schließlich auch in Österreich angekommen. In über 100 Einrichtungen, darunter Kindergärten und Schulen, wurde es angeboten. Bis vor kurzem ohne weiteres Aufsehen. Ein Fernsehbericht, in dem ein Missbrauchsverdacht in einer deutschen Einrichtung thematisiert wurde, sollte das ändern.

Herr Dr. Gutschi, Sie arbeiten ja selbst mit der Methode des körperbetonten Spielens. Was sagen Sie zu den Vorwürfen, mit denen der Verein Original Play derzeit konfrontiert ist?
Die Idee, die hinter dem Konzept steckt, ist grundsätzlich keine schlechte. Was aber passen muss, ist die Umsetzung. Eine Methode wie diese braucht ein klares Reglement und das richtige Setting. Dass jemand Fremder in die Gruppe kommt, ohne dass eine den Kindern vertraute Person dabei ist, das geht meiner Meinung nach nicht. Abgesehen davon sollte man die Eltern mehr einbeziehen. Wenn sie schon nicht mitspielen wollen, dann sollten sie zumindest anwesend sein. Das wurde bis dato nicht konsequent genug umgesetzt. Da kann man die Kritik schon nachvollziehen. Ich selbst habe Original Play in einer therapeutischen Spielgruppe angewendet, aber erst nach Monaten des Beziehungsaufbaus.

»Wenn die Eltern schon nicht mitspielen wollen, dann sollten sie zumindest anwesend sein«

Sie sprechen von einem klaren Reglement. Was dürfen die Ausführenden denn? Und was nicht?
Es gibt kein Halten, kein Ziehen, kein Kitzeln und kein Betatschen. Der Kinderschutz hat oberste Priorität. Es gibt klare Regeln, was erlaubt ist und was nicht. Und das wird vom Verein auch ganz klar kommuniziert. Ob das von jedem, der diese Methode anwendet, auch so umgesetzt wird, ist natürlich eine andere Frage. Hier ist auch eine gewisse Naivität vonseiten des Vereins nicht von der Hand zu weisen. Nach dem Motto: Wir haben eine tolle Idee und es wird schon klappen. Was es jetzt daher braucht, ist ein ganz neuer Zugang.

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Was genau meinen Sie damit?
Das Setting muss ein anderes sein. Die Methode sollte nicht in einer Kindergartengruppe mit Leuten angewendet werden, die punktuell kommen und zum Teil auch fremd sind. Das ist sicher eines der größten Probleme und vor allem bei kleineren Kindern bis zum Ende des Volksschulalters schwierig - das beidseitige Nicht-vertraut-Sein. Um diese Methode anzuwenden, muss man bereits zuvor eine Vertrauensbasis geschaffen haben. Und man muss das Kind sehr gut kennen. Um zu wissen, wo seine Grenzen liegen, worauf es sich gerne einlässt und worauf nicht.

© APA/Herbert Pfarrhofer Fred Donaldson, der geistige Vater von Original Play

Das Kind wird ja aber zu nichts gezwungen.
Kinder in diesem Alter können die eigene Grenze oft noch nicht definieren. Das muss dann ein Erwachsener für sie übernehmen. Und dafür muss er das Kind gut kennen. Es kann sein, dass ein Kind eine bestimmte Art von Berührung nicht will, sich aber nicht traut, das zu sagen. Oder dass es sich schlicht und einfach noch nicht ausdrücken kann. Andere spielen möglicherweise mit, weil sie glauben, dass sie müssen. Kein Kind soll zum Spiel gezwungen werden oder sich aufgrund von Gruppendruck gezwungen fühlen. Manche Kinder könnten aber in einen Zwiespalt geraten: Soll ich oder soll ich nicht?

Der Verein ist ja in erster Linie deswegen in Verruf geraten, weil es hieß, dass es in Deutschland zu sexuellen Übergriffen kam.
Das muss auf jeden Fall untersucht werden. Um Übergriffe von vornherein zu vermeiden, sollten unabhängige Beobachter - und da vor allem Eltern -, während des Spiels anwesend sein. Abgesehen davon ist die Definition von Übergriffen eine heikle Sache. Grundsätzlich ist jede Berührung ein Übergriff, wenn das Kind dieser nicht zustimmt oder der Erwachsene durch sie eigene Bedürfnisse befriedigt. Und genau hier liegt das Problem: Das muss der Erwachsene erkennen, noch bevor er eine Grenze überschreitet. Ob er das kann, wenn er ein Kind gar nicht kennt, ist allerdings sehr zu bezweifeln. Original Play sollte Kinder spielerisch lehren, gute von schlechten Berührungen zu unterscheiden. Nur, wie das genau passiert, ist für Beobachter und Kritiker nicht nachvollziehbar. Das muss transparent gemacht werden.

»Man muss das Kind sehr gut kennen, um zu wissen, wo seine Grenzen liegen«

Das hört sich das nach einer sehr verantwortungsvollen Aufgabe an.
Es braucht Menschen, die sehr reflektiert mit Berührung und Körperkontakt umgehen können. Voraussetzung dafür ist eine umfassende therapeutische oder pädagogische Ausbildung. Nicht umsonst müssen Psychotherapeuten einen jahrelangen Prozess der Selbsterfahrung durchlaufen, bevor sie überhaupt mit Klienten arbeiten dürfen. Und dann arbeiten sie ohnehin nur in Ausnahmefällen mit Körperberührungen. Gerade beim körperbezogenen Spiel, das ja sehr viel Nähe bedeutet, sollte man viel Hintergrundwissen und Erfahrung mit Kindern haben. Nur so kann man merken, wenn ein Kind etwas tut, was es vielleicht gar nicht tun will.

Was bedeutet das nun für den Verein Original Play?
Ich denke, dass der Verein von manchen Fachleuten und vor allem von Boulevardmedien vorschnell abgeurteilt wurde. Original Play als "Kuschelverein" zu bezeichnen ist diffamierend. Dennoch besteht Handlungsbedarf. Es braucht genauere Richtlinien für das Setting im Sinne des Kinderschutzes: Wer darf wo spielen? Wer muss anwesend sein? Das Konzept muss auf ganz neue Beine gestellt werden. Und der Verein wird sich einer seriösen wissenschaftlich Evaluierung der tatsächlichen Wirkung des authentischen Spiels in Richtung Aggressionsminderung und Steigerung der sozialen Kompetenz stellen müssen.

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Zur Person

© Privat

Dr. Christian Gutschi ist Klinischer Psychologe und Gesundheitspsychologe. Sein beruflicher Schwerpunkt liegt auf der Arbeit mit Kindern, Jugendlichen, Familien und Paaren. Neben seiner Arbeit als Kinder- und Jugendpsychotherapeut in der Kinderpraxis am Augarten und im Krisenzentrum "Die Brücke" in Hollabrunn ist er auch als Lektor an der FH Kärntnen für Gesundheitsmanagement tätig.

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Homepage Dr. Christian Gutschi
Kinderpraxis am Augarten

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