Opernkritik von

"La Wally" - Versöhnlicher
Liebeswahn statt Lawinentod

Opernkritik - "La Wally" - Versöhnlicher
Liebeswahn statt Lawinentod © Bild: © barbara pálffy / volksoper

Dirigentenlegende Arturo Toscanini schätzte Alfredo Catalanis Vertonung von Wilhelmine von Hillerns Roman „Geier-Wally“ so sehr, dass er seiner Tochter den Namen der Titelfigur gab. Gustav Mahler nannte das düstere Werk des Verismo die „ beste italienische Oper“, die er jemals dirigierte. Heute ist das Werk aus der Epoche des Verismo fast gänzlich von den Spielplänen großer Opernhäuser verschwunden. Dirigent Marc Piolet und Regisseur Aron Stiehl zeigen das Werk als dunkles Psychodrama.

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Großgrundbesitzer Stromminiger (Kurt Rydl) verstößt seine Tochter Wally, weil sie sich seinem Willen widersetzt und die Ehe mit seinem Verwalter Vincenzo Gellner verweigert. Sie liebt den Jäger Hagenbach. Nach dem Tod ihres Vaters kehrt Wally als reiche Erbin in die Gesellschaft zurück. Hagenbach, der inzwischen mit der Wirtin verlobt ist, demütigt Wally bei einem Fest. Gellner soll sie rächen und ihn töten. So geschieht es, aber nur beinahe. Denn Wally rettet den nur verletzten Hagenbach, avanciert zu Heldin und will fortan nur noch in ihrer Berghütte leben. Hagenbach will sie holen, wird von einer Lawine mitgerissen. Wally folgt ihm freiwillig in den Tod. Nicht so in der Volksoper: Striehl lässt Hagenbach im weißen Anzug in der Schlussszene auftreten. Eine Wahnvorstellung Wallys? Das Paar findet zueinander und verschwindet im blendenden Licht. Ob das alles ein Traumbild der komplett dem Wahn verfallenen Wally war oder tatsächlich den Absturz des Paares in einer Lawine suggeriert ist einerlei. Manche Leser interpretieren den Roman als Versuch einer Emanzipationsgeschichte, wohlwollende, wie vermutlich Regisseur Aron Stiehl, mögen ein Psychodrama einer verzweifelt Liebenden darin erkennen, was auch in Catalanis Libretto angelegt ist. Frank Philipp Schlößmann hat dafür eine ideale Bühne geschaffen. Die Dorf- und Bergewelt sind im Stil einer Schwarz-Weiß-Grafik-Novel gestaltet. Das bewahrt vor Kitsch.

Gesungen wird die deutsche Übersetzung. Das passt keineswegs zu Partitur und macht es den Sängern, die ohnehin an ihre Grenzen gelangen, nicht leicht.

Kari Postma ist in der Titelrolle zu sehen. Ihre Arie „„Ebben? Ne andrò lontana“ („Nun gut, so gehe ich denn“) ist das einzige, das von Catalanis Werk heute noch bekannt ist. Die größten Sängerinnen von Maria, Callas, Renata Tebaldi bis heute Anna Netrebko führen das Abschiedslied der Wally aus dem ersten Akt im Repertoire bei Arienabenden. Postma bewältigte ihre Partie bravourös, wenn es um die Verbindung von Darstellung und Gesang ging. Vincent Schirrmacher, der für Endrik Wottrich nach dessen kurzfristiger Absage eingesprungen ist, bewährt sich mit seinem klaren Tenor. Ebenso eingesprungen ist Daniel Ohlenschläger für Martin Winkler als Soldat, der in Striehls Regie wie eine Art Teufel die Handlung weitertreibt. Bernd Valentin leistet als Gellner hervorragende Arbeit, wie auch Dirigent Marc Piolet.
Dass die Volksoper Catalanis „Geier Wally“-Vertonung auf die Bühne gebracht hat, spricht für das Haus, Toscaninis und Mahlers Euophorie lässt sich jedoch nicht nachvollziehen.