Opernkritik von

Ein "Hamlet" unserer Zeit

Uraufführung von Anno Schreiers und Thomas Jonigks Oper am Theater an der Wien

Opernkritik - Ein "Hamlet" unserer Zeit © Bild: Monika Rittershaus

Das Theater an der Wien eröffnete die Shakespeare gewidmete Saison mit der gelungenen Uraufführung von Anno Schreiers „Hamlet“. Dessen eindringliche, mit zahlreichen Zitaten aus der Musikgeschichte bereicherte Musik und Thomas Jonigks Libretto zeigen auf der Basis von Shakespeares Drama ein Kammerspiel über eine psychisch defekte Familie mit einem glänzenden Ensemble. Michael Boder dirigiert das RSO.

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Auf Johannes Leiackers dezenter Bühne – einem tapezierten Salon – leitet der Geist des toten Vaters, wie der bei Shakespeares Stücken übliche Ansager, das Geschehen ein. Dem verleiht der legendäre Countertenor Jochen Kowalski in einer Sprechrolle seine dämonische Stimme. Im Laufe des Stücks taucht er immer wieder zwischen den Szenen wie eine Art Conferencier auf. Mit trockener Häme kommentiert er das Schicksal seiner Hinterbliebenen. Sein Mörder und Bruder Claudius ist ein Machtmensch ohne Zukunftsperspektive. Bo Skovhus gibt dieser Figur etwas Dämonisches, als hätte sich Jack Nicholson das Weiß des Jokers abgeschminkt, bevor er Gertrud seine Schwägerin ins Ehebett führt. Marlis Petersen zeigt diese reife Dame, die ihre Wollust auch ihren Sohn Hamlet spüren lässt, mit einem mit einem hohen Maß an stimmlicher und darstellerischer Intensität. Und Hamlet ist ein Träumer, ein pessimistischer Jüngling, der sich von seinem Grundsatz, „Es gibt keinen Ausweg“, treiben lässt. André Schuen verkörpert den gequälten, sich selbst marternden jungen Mann mit seinem flexiblen Bariton glaubwürdig. Hamlets ikonographische Sätze wie „Sein oder Nichtsein“ hat ihm Librettist Jonigk erspart und dem Chor übertragen. Als Hamlets Geliebte Ophelia leistet Theresa Kronthaler exzellente Arbeit. Als Pastor spukt Kurt Streit durch das Geschehen. Mit seinen Gesangseinlagen über sein Hadern mit dem Glauben ersetzt der Pastor nobel die bei Skakespeare üblichen Rüppelszenen.

© Monika Rittershaus Andrè Schuen (Hamlet) & Arnold Schoenberg Chor

Thomas Jonigks in meisten kurzen Sätzen verfasstes Libretto steht gleichsam über der Musik. Anno Schreier passt die Musik dem Text an. Zitate von Richard Strauss, schräg, jazzig verzerrte Walzer, Schlagwerk-Einlagen, das bearbeitete Dies irae aus einem Requiem und Versatzstücke aus Chorälen bilden eine ideale Hintergrundmusik für ein familiäres Psychodrama. Michal Boder setzt die Partitur mit dem RSO ansprechend um. Der Saisonauftakt ist in jeder Hinsicht gelungen.

© Monika Rittershaus Arnold Schoenberg Chor & Theresa Kronthaler (Ophelia)

"Hamlet" ist am 23. September ab 19 Uhr live auf der Plattform myfidelio.at zu sehen.

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