Opern-Kritik von

Brennende Öfen auf Zypern
und Tropenhelme

Opern-Kritik - Brennende Öfen auf Zypern
und Tropenhelme © Bild: WIENER STAATSOPER

Die Neuproduktion von Giuseppe Verdis „Otello“ an der Wiener Staatsoper

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Jeder Orkan wäre angesichts der Urgewalten erblasst, die Dirigent Myung-Whung Chun im Graben entfachte. In der Neuproduktion von Giuseppe Verdis „Otello“ an der Wiener Staatsoper war es aber nur der Titelheld, der erbleichen musste. Regisseur Adrian Noble, ehemaliger Leiter der renommierten Londoner Royal Shakespeare Company, zeigt seinen Titelhelden als ständig bleichen, in einen Kaftan gehüllten Sonderling. Das in Zeiten politischer Korrektheit oft beanstandete „Black-facing“ wird damit umgangen. Der „Moro aus Venezia“, der aus Eifersucht seine Ehefrau ermordet, ist ein Weißer, der ungestraft Gewalt in der Ehe ausüben darf, denn die Handlung ist vom Ende des 15. Jahrhunderts in die Zeit des Kolonialismus verlegt. Manche tragen Khaki-Anzüge und Tropenhelme. Dennoch brennen auf Zypern die Öfen, um das Volk zu wärmen. Seltsam, aber egal. Noble kennt seinen Shakespeare und erzählt das Ehedrama, vom Gatten, der sich zum Eifersuchtsmord an seiner Frau aufstacheln lässt ohne ausschweifende Interpretation. Das ist gut für ein Repertoire-Haus, an dem sich unterschiedliche Besetzungen ohne aufwändige Proben in einer Inszenierung zurechtfinden müssen. Nobles Handwerk ist solide und so wird auch gesungen. Aleksandrs Antonenko ist ein erfahrener Otello. 2008 hatte er diese Partie bei den Salzburger Festspielen unter Riccardo Muti einstudiert. Die Kraft seines Tenors erscheint inzwischen immer mehr erschöpflich, er verfügt aber über genug Routine zur stimmlichen Gestaltung. Olga Bezsmertna berührt als Desdemona vor allem gesanglich. Ihr Lied vom Weidenbaum und ihr „Ave Maria“ trägt sie innig vor. Beachtlich hält sie dem Zeitlupendirigat dabei stand. Vladislav Sullimsky singt den Jago ordentlich, aber das Dämonische dieser Figur wäre noch auszubauen. Margarita Gritskova behauptet sich als Emilia. Jinxu Xiahou genügt nur stimmlich als Cassio. Lenoardo Navarro (Roderigo) und Jongmin Park (Lodovico) ergänzen sehr gut. Der Chor der Wiener Staatsoper singt und agiert makellos. Dirigent Myung-Whun Chung setzte vor allem auf Extreme, mehr nicht. Das war auch schon das einzige, das sich vom sonst gediegenen Geschehen auf der Bühne abhob. Das Publikum jubelte.

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