Olympia-Tagebuch von

Kuhn zu Sotschi - Tag 14:
Feigheit vor dem Olympia-Partner

Reporter-Legende Michael Kuhn berichtet für NEWS über die Spiele in Russland

Michael Kuhn © Bild: NEWS / Thomas Jantzen

Wie mag den ukrainischen Sportlern in Sotschi zumute sein, wenn sie über Satelliten-TV und Internet mitbekommen, dass ihre Heimat in Flammen steht? Was mögen sie über die feinen Herren mit den weißen Krägen und harten Herzen denken, wie ich gerne die IOC-Diktatoren bezeichne?

Der neue IOC-Boss Thomas Bach sprach den ukrainischen Sportlern Anteilnahme aus, schmetterte aber Sergej Bubkas Bitte ab, seinen Athleten das Tragen eines Trauerflors für die 25 Toten zu gestatten. Bubka, Stabhochsprung-Olympiasieger 1988, ist nicht irgendwer, sondern geachtetes Mitglied des IOC und Präsident des ukrainischen Olympischen Komitees. Die „Süddeutsche Zeitung“ titelte in ihrer Online-Ausgabe ironisch und treffend: „Mitgefühl ja, Trauerflor nein“.

Das Machtkonglomerat IOC hat die Sportler seit jeher fest im Griff. 1968 habe ich in Mexico City erlebt, wie die auf dem Siegespodest mit der Black-Power-Faust gegen die Rassentrennung in ihrer Heimat protestierenden amerikanischen Sprinter Tommie Smith und John Carlos aus dem olympischen Dorf gejagt wurden.

Kiew liegt zwar rund 1000 Kilometer von Sotschi entfernt, die Ukraine ist aber Russlands Nachbarland. Erinnern wir uns: Die Metropole veranstaltete 2012 das Finale der Fußball-EM. Heute kann im so genannten Olympiastadion, das im Zentrum der Hauptstadt liegt, nicht gespielt werden. Die UEFA verlegte aus Sicherheitsgründen das Europa-League-Spiel Dynamo Kiew gegen Valencia auf die Mittelmeerinsel Zypern.

Das IOC verschanzt sich gerne hinter der unhaltbaren These, Sport habe doch nichts mit Politik zu tun. Das ist in höchstem Maße naiv und bequem. Dieser Tage ist allerdings eher Feigheit Hauptgrund des Wegschauens: der mächtige und autoritäre Olympia-Partner Russland ist im Ukraine-Konflikt Partei.

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