Menschen von

"Ich war 18 Stunden täglich Hitler"

Burgtheaterschauspieler Oliver Masucci ist in "Er ist wieder da" Adolf Hitler

Oliver Masucci © Bild: imago/eventfoto54

Adolf Hitler erwacht 70 Jahre nach seinem Selbstmord im heutigen Berlin, bekommt eine eigene Fernsehshow und wird zum Publikumsliebling. Mit diesem Plot wurde Timur Vermes' Buch "Er ist wieder da" 2012 zum Bestseller. Regisseur David Wnendt hat den satirischen Roman jetzt auf die Leinwand gebracht (Kinostart: 9. Oktober) und mischt dabei gekonnt reale – und höchst skurrile – Begegnungen des Führers (Oliver Masucci) mit Hundezüchtern, Politkern und Verschwörungstheoretikern mit fiktiven Spielfilmszenen. News.at sprach mit Oliver Masucci, 47, über seine Lust in Abgründe einzutauchen, sein Entsetzen über die positiven Reaktionen der Bürger – und wie es war in einer Nazi-Kochshow aufzutreten.

Es hat vor Ihnen 120 verschiedene Hitler-Darsteller gegeben. Hat es einen gegeben, dessen Interpretation Sie geprägt hat?
Bis auf Charlie Chaplin habe mir nicht viele angeschaut. Denn als Deutscher hast du Hitler drauf. Das hat Christoph Maria Herbst einmal gesagt – und es stimmt. Ich habe Hitler als Darsteller in meiner Jugend mitbekommen, habe in der Schule viele Filme gesehen. Insofern ist mir die Figur sehr präsent.

Wie groß war die Überwindung sich in Hitler-Verkleidung unter die Menschen zu mischen?
Ich hatte anfangs große Angst. Es war bei den Szenen auf der Straße nichts gescriptet, ich musste fast alles improvisieren. Ich war teilweise 18 Stunden täglich Hitler. Aber ich liebe es Extreme zu spielen und in Abgründe abzutauchen.

Welche Situationen hat Sie am meisten geprägt?
Es waren so viele, teilweise auch sehr absurde Situationen. Wir haben zum Beispiel Neonazis besucht, die, vermummt und mit Rudolf Hess T-Shirts bekleidet, im Internet eine eigene Kochshow haben. Das war sehr bizarr.

Sie wirken in Ihrer Rolle sehr väterlich.
Ich habe das bewusst so angelegt. Aber ich habe in den Gesprächen mit den Menschen immer behauptet, dass ich genau das Gleiche tun würde, wie ich es damals als Hitler gemacht habe. Und es gab viele, die vergessen haben, dass ich Schauspieler bin und sich der Figur anvertraut haben.

Hat Sie diese Distanzlosigkeit am meisten überrascht?
Und erschreckt. Ich war für einen Testdreh auf den Fanmeile der Fußball-WM 2014 und hatte Angst, dass ich dort grün und blau geschlagen werde. Aber die Menschen haben fast alle positiv reagiert. Ich habe gesagt, dass ich den kleinen Mann auf der Straße fragen möchte, wo der Schuh drückt, und ob er das Gefühl hat, dass er in der Demokratie noch mitbestimmen kann. Da haben viele gemeint, dass sie das nicht mehr können.

Wie schwer war es, Hitler am Set zu lassen?
Das war oft nicht möglich, denn ich hatte manchmal nur vier Stunden Schlaf. Ich musste oft schon um vier Uhr früh in der Maske sitzen, die sehr lange gedauert hat. Ich bin als Oliver Masucci eingeschlafen und als Hitler aufgewacht.

Ihre Hitler-Figur im Film ist in manchen Momenten größenwahnsinnig, in anderen charmant und zuvorkommend. Und das ist das Schlimmste dabei: Dass Hitler jemand war, der in seiner privaten Umgebung auch nett war. Man ist dazu geneigt die Bösen als Monster abzustempeln, aber das Erschreckende ist, dass jemand wie Hitler nicht nur Monster, sondern auch Mensch war. Er hat Abgründe erweckt, ein ganzes Volk mit sich gerissen.

Sie haben für die Rolle 26 Kilo zugenommen, hatten eine aufwändige Gesichtsmaske. Wie war es sich das erste Mal als Hitler zu sehen?
Die erste Maskenprobe war heftig. Alleine der Scheitel und der Bart haben dafür gesorgt, dass meine Mutter sich erschrocken hat, als ich das daheim fürs Casting geprobt habe. Es war erschreckend, wie man sich durch die Maske verändern kann. Sie macht etwas mit deinem Körper, es fällt leichter in die Figur einzutauchen.

Was soll "Er ist wieder da" beim Publikum bewirken?
Als wir mit dem Dreh begonnen haben hat es geheißen, dass es so etwas in Deutschland nicht geben kann, dass die Menschen Hitler gegenüber nicht so eine Einstellung haben können. Denn es hat sich gezeigt, dass der Rechtstruck durch alle Schichten geht. Menschen aus einer höheren Gesellschaftsschicht denken genauso wie die, die in unserem Film vorkommen – sie sagen es nur nicht vor einer Kamera. Das ist schon heftig. Oder auch, wenn ich sehe, dass H.C. Strache gerade im Wiener Wahlkampf fordert, dass man alle Grenzen schließt, um die vermeintlich Kriminellen draußen zu halten – und viele Menschen seiner Meinung sind. Es wäre deshalb schön, wenn durch den Film wieder neues Geschichtsbewusstsein entsteht und man sich Gedanken darüber macht, was man so leicht daher sagt.

Hier gibt es den Trailer von "Er ist wieder da":

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