"Diana"-Regisseur Oliver Hirschbiegel im Interview

Der Regisseur über seinen Liebesfilm, über Lady Di und die miesen Kritiken in England

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NEWS.AT: Stimmt es, dass Sie anfangs kein Interesse an der Thematik „Diana“ hatten? Was hat Ihre Meinung dann doch geändert?
Oliver Hirschbiegel: Ich dachte, Diana sei eine harmlose, relativ oberflächliche, junge Frau, die da ins Königshaus eingeheiratet hat. Ich habe mich nie sonderlich für sie interessiert, habe sie auch nicht für intelligent oder originell gehalten. Beim Lesen der ersten Drehbuchfassung habe ich begriffen, dass da ein Diamant wartet, eine hochdifferenzierte Charakterstudie. Und diese Liebesgeschichte hat mich einfach so berührt, das ist eine universale Liebesgeschichte, die hätte sich Hollywood nicht besser ausdenken können, das ist ja wie ein Märchen.

NEWS.AT: Daraufhin haben Sie begonnen, eifrig zu recherchieren…?
Oliver Hirschbiegel: Ich habe viel recherchiert, über Lesen von Quellen, Studieren der Videos, die Vernehmung von Scottland Yard. Und dann das Treffen von Zeitzeugen, Freunden von ihr, Bekannten, Menschen die Erlebnisse mit ihr hatten. Das war schon eine richtige Historikerarbeit.

Oliver Hirschbiegel
© APA/Hochmuth Oliver Hirschbiegel: " Dachte, Diana sei eine harmlose, relativ oberflächliche junge Frau"

NEWS.AT: Nach all den Recherchen und intensiver Beschäftigung mit dem Thema: Interessieren Sie sich jetzt mehr für die Königsfamilie?
Oliver Hirschbiegel: Ich muss gestehen, die Königsfamilie per se interessiert mich nicht so, weil im Vergleich zu Diana sind sie weniger interessant - mit Abstand: Relativ berechenbar und nachvollziehbar. William finde ich als Charakter interessant, weil er der Sohn seiner Mutter ist. Er ist auch eine alte Seele und hat etwas sehr besonnenes, das was man sich eigentlich bei einem Monarchen wünscht. Ich kann mir vorstellen, dass er einen guten König machen würde.

NEWS.AT: Thema Königsfamilie: Wieso wurde diese aus dem Film bewusst ausgespart?
Oliver Hirschbiegel: Die Königsfamilie ist in den letzten zwei Jahren, die wir zeigen, kaum präsent, weil Diana schon offiziell von Charles getrennt ist. Es gibt da kein dramatisches Material zu erzählen, das hätte ich erfinden müssen.
Und da der Film einen sehr persönlichen, intimen Einblick in ihre Seele zeigt, hätte ich das mit den Kindern auch so machen müssen. Aber die leben noch. Und das sind zwei Prinzen! So absurd das für uns vielleicht klingt, das ist eine spezielle Sorte Mensch, wenn man das so sagen darf, das ist „High End Blue Blood“ und ich halte es für unmöglich, junge Menschen zu finden, die das so glaubwürdig und authentisch porträtieren könnten. Außerdem würde ich dabei eine private, persönliche Linie überschreiten, bei der ich mich unwohl fühlen würde. Ich könnte mir vorstellen, etwas über die Söhne per se zu machen, aber nicht in Kombination mit der Mutter, die tot ist.

NEWS.AT: Wie schwer war es als Nicht-Brite an das Thema heranzugehen – oder sogar einfacher?
Oliver Hirschbiegel: Der Abstand, die Objektivität, die es ja sowieso nicht gibt, ist nützlich als Ausländer, als Deutscher. Wir sind ja Analytiker, wir zerlegen Dinge sehr gerne, um sie dann wieder zusammenzubauen und besser zu machen, das ist nicht schlecht, auch nicht im Geschichten erzählen.

NEWS.AT: Hatten Sie Angst, die Engländer irgendwie zu verärgern?
Oliver Hirschbiegel: Wenn man sich Themen wie Hitler oder Diana annimmt, dann ist eine Kontroverse programmiert und dann ist klar, dass man zwangsläufig in Fettnäpfe tritt. Das hat mich aber immer fasziniert, das ist eine Herausforderung, die ich liebe, weil sie mich auch zwingt, meine Hausaufgaben viel sorgfältiger zu machen, als wenn ich einfach nur eine Geschichte erzähle.

»"Die Kritiken waren unisono total irrational"«

NEWS.AT: Die Kritiken in England waren allerdings nicht besonders gut – hat Sie das getroffen?
Oliver Hirschbiegel: Nein. Was einen trifft als Regisseur, ist Kritik, aber wenn sie intelligent ist, nützt sie auch oft. Aber die Reaktion der englischen Presse war ja unisono total irrational. Bis hin zu dem Umstand, dass wir am Tag nach der Premiere im „Independant“ und „Evening Standard“ hervorragende Kritiken hatten – um dann zwei Wochen später nur noch einen Stern zu bekommen. Also da ist eine Irrationalität im Spiel, die sich nur dadurch erklären lässt, dass das immer noch ein nationales Trauma ist, das nicht verarbeitet wurde. Aber da ist das letzte Wort noch nicht gesprochen.

NEWS.AT: Hätten Sie im Nachhinein etwas anders gemacht?
Oliver Hirschbiegel: Nein! Ich mag den Film, ich bin stolz auf den Film.

NEWS.AT: Haben Sie Reaktionen vom Königshaus mitbekommen?
Oliver Hirschbiegel: Das Königshaus fährt seit Jahrhunderten eine Politik, die heißt: No Comment! Die sind untouchable .

NEWS.AT: Und von Hasnat Khan?
Oliver Hirschbiegel: Hasnat Khan wollte ja schon mit Kate Snell, die das Buch geschrieben hat, das vor sieben Jahren erschienen ist, keinen Kontakt haben. Wir sind mit seiner Familie in Verbindung gewesen.

NEWS.AT: Mit Hasnat selbst nicht?
Oliver Hirschbiegel: Nein, das hätte mir auch nicht genützt. Ich hatte damals für „Five Minutes of Heaven“ die beiden realen Personen, auf denen die Geschichte basiert, nicht treffen wollen, weil das ein persönliches Involvieren bedeutet, das den Blick verstellt.

NEWS.AT: Was an dem Film entspricht den Tatsachen – und was ist frei erfunden?
Oliver Hirschbiegel: Die Details in den Ereignissen sind keine Erfindungen, das hat sich alles so zugetragen. Das würde ich mir in einem biografischen Werk nicht erlauben, denn es ist keine freie Interpretation. Alle Ereignisse, die man sieht, bis zu Hasnat, der versucht, Diana in der Nacht ihres Todes anzurufen, folgen den Ereignissen und der Recherche, in diesem konkreten Fall, seiner eigenen Aussage. Was ich erfunden habe, ist die Szene, in der Diana und Hasnat einen Ausflug machen. Ich habe einfach diesen Ort gewählt, aber in der Seele entspricht das dem, wie die beiden waren. Das gilt auch für sehr intime Szenen. Das wird über künstlerische Interpretation erzählt.

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© Filmladen filmverleih Diana und Hasnat - Hätte diese Liebe überleben können?

NEWS.AT: Wie schwer ist es, jemanden zu porträtieren, von dem jeder meint, ihn zu kennen bzw. zu wissen, wie dieser Mensch war?
Oliver Hirschbiegel: Recherche, Recherche, Recherche. Es wird immer jemanden geben, der sagt, „Das glaube ich nicht“, „Das war nicht so“ oder „Das will ich so nicht sehen“. Aber das ist ja der Spaß an der Sache.

NEWS.AT: Wie denken Sie, wäre die Liebesgeschichte weiter gegangen, hätte Diana überlebt? Hätte es noch eine Chance gegeben für die Liebe der beiden?
Oliver Hirschbiegel: Ich bin sicher, dass diese Liebe so stark war wie eh und je. Der Konflikt stand im Raum und keiner hatte eine Lösung. Mein Gefühl ist: Sie wollte nach London und Dodi hat sie überredet, noch eine Nacht in Paris zu bleiben. Wenn sie nach London geflogen wäre, hätte sie ein Treffen gehabt mit Hasnat und in jedem Fall, auch wenn sie die Beziehung so hätten nicht weiterleben können, wären sie als Freunde weiter verbunden gewesen und hätten wahrscheinlich humanitäre Arbeit geleistet. Es ist tragisch: Ich glaube, die beiden wären bis heute sehr eng.

NEWS.AT:War Naomi Watts ihre erste Wahl?
Oliver Hirschbiegel: Ja! Man muss nicht soviel Phantasie haben, um auf Naomi zu kommen. In ihrer Generation ist Naomi mit Abstand die Beste. Abgesehen davon hat sie diese chamäleonartige Qualität, sich so zu versenken in eine Figur, dass man vergisst, dass man ihr zuschaut. Nüchtern betrachtet schaut sie Diana nicht sonderlich ähnlich. Aber wer den Film sieht, wird sehen, dass das sehr Diana ist. Das ist ein Phänomen, ein ganz ganz seltenes Talent.

NEWS.AT: Wie viel wurde da vorher trainiert?
Oliver Hirschbiegel: Wir haben viel Zeit verbracht mit inhaltlichen Diskussionen, Aspekten der Figur und Verständnis der Kindheit zum Beispiel. Es gibt ja viele Fragen in dieser Figur Diana, die sich ständig widerspricht. Es gibt so viele verschiedene Facetten, es ist faszinierend.

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© Filmladen filmverleih Die wohl berühmteste Frau der Welt im Jahr 1995: Lady Diana.

NEWS.AT: Hat der Film noch einen weiteren Anspruch außer einer Liebesgeschichte?
Oliver Hirschbiegel: Was ist der Anspruch einer Liebesgeschichte? Natürlich der zu bewegen, zu berühren. Aber auch eine Frage aufzuwerfen. In diesem Fall: Wo bin ich mit meiner Liebe? Inwiefern bin ich bereit, meiner Liebe etwas sehr Persönliches zu opfern? Einen Preis zu zahlen, um die Liebe leben zu können? Das ist universal. Weil wir uns alle mehr oder weniger in diesen Konflikt reinleben können.
Es ist ein bisschen ein Lehrstück in: Wie stark kann Liebe sein und gibt es da eine Grenze?

NEWS.AT: Persönliche weitere Projekte?
Oliver Hirschbiegel: Ich habe zwei Kinoprojekte aber gleichzeitig zwei spannende Ansätze für Fernsehserien in Amerika. Einmal möchte die Produktion, dass ich Episoden übernehme und im anderen Fall geht es um die Entwicklung einer Serie und das Drehen eines Piloten. Und im tiefen, dramatischen Bereich ist im Moment Fernsehen fast spannender und möglicher als Kino. Es ist aber noch nicht entschieden, was ich mache.

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