Offensivkünstler versus Betonmischer:
Welche Taktik führt zum großen Erfolg?

Teams pflegen völlig unterschiedliche Spielstile "Sechser" vor der Abwehr wichtiger als der "Zehner"

Offensivkünstler versus Betonmischer:
Welche Taktik führt zum großen Erfolg? © Bild: GEPA/Lerch

Angriffslustig wie der FC Barcelona oder abgeklärt wie Inter Mailand? Welcher Spielstil die WM in Südafrika prägen wird, ist genauso offen und spannend wie die Frage nach dem neuen Weltmeister. "Ich hoffe, dass wir schnellen Offensivfußball sehen werden", lautete die Prognose von Erfolgscoach Guus Hiddink. Sicher ist sich der niederländische Taktik-Papst da aber nicht, denn einen einheitlichen Trend gibt es im Fußball zurzeit nicht.

In den vergangenen Jahren führten völlig verschiedene Wege zum Erfolg. Spanien gewann die EURO 2008 in Österreich und der Schweiz mit atemberaubendem Kurzpassspiel (Stichwort Tiqui-Taca), Italien die WM 2006 dank seiner exzellent organisierten Defensive. Auch die jüngsten Champions-League-Sieger Barca und Inter könnten unterschiedlicher kaum spielen.

Jeder muss am besten alles können
Vor dieser WM haben die meisten Trainer daraus den Schluss gezogen: Jeder muss am besten alles können. Reine Abwehrbetonmischer werden in Südafrika genauso wenig Chancen auf den Titel haben wie kompromisslose Verfechter der Offensivkunst. So haben auch die traditionell offensiv eingestellten Niederländer und Brasilianer längst schon zusätzliche Absicherungen in ihr Spiel eingebaut, und ausgerechnet der deutsche Bundestrainer Joachim Löw sagte vor dem Turnier: "Wir wollen dominant auftreten und den Gegner nicht nur mit Tugenden wie Kampf und Rennen unter Druck setzen."

Die große Mehrheit der 32 Mannschaften wird in Südafrika mit einem 4-2-3-1-System antreten. Auch Löw vertraut der Formation mit zwei defensiven und drei offensiven Mittelfeldspielern hinter nur einem Stürmer. Bei der Elfenbeinküste lautet die WM-Formel 4-3-3, bei den Engländern 4-4-2, aber das Prinzip ist vielerorts das Gleiche: Der "Sechser" vor der Abwehr hat den Spielmacher mit der Nummer 10 als Schlüsselfigur auf dem Feld abgelöst.

Sechser als Alleskönner
Früher war er nur dazu da, den Maradonas oder Zidanes notfalls bis unter die Dusche zu folgen und ihren Spielmacher-Trieb zu unterbinden. Heute fängt er die gegnerischen Angriffe ab und ist damit hauptverantwortlich für das schnelle Umschalten von Defensive auf Offensive. Niemand verkörpert den modernen Alleskönner im Fußball besser als der Staubsauger vor der Abwehr. Ohne einen Gilberto Silva oder Felipe Melo hinter sich wäre Brasiliens Offensivstratege Kaka nicht viel wert.

Und genauso wie der "Sechser" für Allround-Fähigkeiten auf dem Spielfeld steht, gilt das 4-2-3-1 als besonders flexibles System. Damit lässt sich offensiv wie defensiv spielen - solange die Mitte abgedichtet ist und die Organisation stimmt. Noch wichtiger als die Wahl des Stils ist aber, dass ihn ein Trainer seinen Spielern auch genau vermitteln kann. Das scheint vor dieser WM nicht allen zu gelingen. Dass Lionel Messi in der argentinischen Nationalelf so viel schlechter spielt als beim FC Barcelona, erklären nämlich die meisten Beobachter damit, dass er unter Diego Maradona nicht weiß, was er auf dem Platz zu tun hat.

(apa/red)