Bildung von

Österreichs Schulen
schaffen die Literatur ab

Fuck you, Goethe - Autoren und Lehrer fordern: "Rettet das Lesen".

Eine Schülerin sitzt vor einem Berg von Literatur. © Bild: Thinkstock

Mit der Zentralmatura beginnt sich das Buch aus dem Deutschunterricht zu verflüchtigen. Autoren, Wissenschafter und Lehrer protestieren.

Wohin denn der Literaturunterricht abhandengekommen sei, fragte verblüfft die Mutter einer sechzehnjährigen Wiener Oberstufengymnasiastin beim Deutschprofessor nach. Seit einem Jahr schon vermisse sie, womit zu ihrer Zeit 90 Prozent des geliebten Hauptfachs befasst waren – und worauf Mutter und Tochter, beide begeisterte Leserinnen, sich gefreut hatten. Statt sich in den vier Jahren zwischen fünfter und achter Klasse lesend vom Nibelungenlied zu Grass, Jelinek und Kehlmann vorzuarbeiten, erlernt die Tochter im neusprachlichen Zweig systematisch das Verfassen von Leserbriefen und Bewerbungsschreiben, verfeinert sich im Verständnis von Gebrauchsanweisungen und Zeitungskommentaren und schärft sich in der „Meinungsrede“. Ein Begriff, den die Mutter im Duden vergebens suchte.

Weniger verblüfft als empört vernahm sie die Antwort des Pädagogen: Literatur wäre „nicht mehr erwünscht“ und bloß am Rand vorgesehen, da für die Matura ohne Belang. Deren Erreichung wäre schließlich das Bildungsziel. Um Präzisierung ersucht, entrollte er die Prinzipien der seit diesem Schuljahr für alle Gymnasien verbindlichen schriftlichen Zentralmatura:

  • Literaturgeschichtliche Fragen sind untersagt.
  • Die „Leseliste“, ein bisher verbindlicher Kanon von 20 bis 40 Werken der Weltliteratur, ist abgeschafft, darf weder verlangt noch geprüft werden.
  • Vielmehr ist aus drei Großthemen zu wählen, die ihrerseits in je zwei Unterabteilungen zerfallen. Eines der drei Großthemen muss sich auch auf Literatur beziehen. Allerdings marginalisiert und in verquältem bis abstrusem Kontext zu Gebrauchsthemen.

Die ganze Story finden Sie im aktuellen NEWS in Ihrem Zeitschriftenhandel oder als E-Paper Version.

Kommentare

Ich kann dazu nur folgenden Artikel aus dem P.M. Magazin beisteuern:
http://www.pm-magazin.de/r/mensch/verändern-bücher-unser-gehirn

Zu meiner Zeit fand ich Chemie, Physik, Geografie und Geschichte noch viel öder als Literatur. Also bin ich dafür, dass diese Lehrinhalte zuerst abgeschafft werden. Kann man doch alles googeln heutzutage!

potpot melden

Zu meiner Zeit wurde noch deutsch(sprachige) Literatur unterrichtet - ebenso wie Latein. Obwohl ich bereits als Kind gerne gelesen habe - und dies auch heute noch tue - waren diese Lehrinhalte für mich nur öde und, wie ich meine, auch ohne bleibende Wirkung. Ich glaube, daß auch diese Diskussion leider völlig von der Grundproblematik ablenkt.

potpot melden

Auch auf die Gefahr hin, daß viele verständnislos den Kopf schütteln: das Wichtigste ist die Qualität und das Engagement der Lehrer/innen - nicht die Lehrpläne. Interesse oder sogar Begeisterung zu wecken - das ist die Kunst! Talente wecken und fördern (siehe "Die Durchschnittsfalle von Markus Hengstschläger) - das ist das Thema.

brabus melden

Es besteht ein wesentlicher Unterschied darin ob jemand lesen und Inhalte erfassen lernt, oder irgend einen alten Literaturschinken nach irgendwelchen nicht nachvollziehbaren Kriterien anaylsieren und beschreiben soll. Ersteres braucht man während der gesamten Ausbildungszeit (auch als Erwachsener), zweiteres hat jeder Schüler spätestens nach Beendigung der Schulzeit längst vergessen. Und sollte die Nachfrage trotzdem genug hoch sein, kann ja noch immer ein Freigegenstand angeboten werden, der sich konkret damit beschäftigt.

higgs70
higgs70 melden

naja, da scheint der Bildungsgedanke ein wenig an Ihnen vorbeigeflutscht zu sein, wenn wir nur sicher anwendbares in den Köpfen haben wollen, können wir die nach der Grundschule raustreten lassen, lesen,schreiben und Steuer zahlen, mehr brauchts ja nicht.
Umgekehrt wird ein Schuh daraus, Allgemeinbildung ( und dazu gehört nun mal auch das Rezipieren und Analysieren literarischer Werke, weils selbstständiges Denken lehrt und zu abstraktem Denken erzieht ) sollte Aufgabe der Schule sein, Lebenspraxis gibt einem schon das Leben selbst, da verspüre ich keine Angst.
Und auch wenn ich in einer enger werdenden Welt der Fachtrottelei wenig Licht sehe, ists doch schön, dass wenigstens noch irgendwer einen breiten Zugang zur Bildung und diese selbst für erstrebenswert hält, wie diese Mutter da oben, bevor die Welle uniformierten Denkens uns endgültig in funktionsfähigem Nepochantentum ersäuft.

brabus melden

@higgs70 Gut gebrüllt, Löwe ! Zwangsbeglückung hilft da auch nicht. Wie @potpot weiter oben richtig schreibt liegt das Problem darin, Schüler für bestimmte Themen zu begeistern. Ein Lehrkörper, der das mit dem Literaturthema schafft hat meine Hochachtung, denn es spiegelt seine pädagogischen Fähigkeiten wider.

higgs70
higgs70 melden

Naja, wenn Sie's auf der Ebene der Zwangsbeglückung sehen, gilt das gerade in diesem Alter für fast alles andere auch, denn die Exemplare die sich freiwillig mit Wollust in die Differentialrechnung oder Quantenphysik schmeißen sind rar, da habe ich keine Illusionen. Und ein Pubertierender den die imaginäre Zahl mehr interessiert als die konkreten Exemplare des anderen Geschlechts würde mich höchst nachdenklich stimmen. Und da ist dann halt die Zeit für den freundlichen Tritt in den Hintern, vom Standpunkt des besseren Überblicks aus, das gilt aber nicht nur für Lehrer, sondern der Grundstein wird schon im Elternhaus gelegt. Und wer zuhause hört, dass das alles überflüssiger Schmarrn ist und die Lehrer alle Deppen, die Unnötiges erzählen, wirds bald nicht mehr mit der Feuerzange angreifen, da hilft der engagierteste Lehrer nix..Die Frage ist immer, welchen Wert Bildung für die Alten hat.
Abgesehen davon finde ich es maßlos präpotent von vorne herein in Brauchbares und Unbrauchbares einzuteilen - aber das ist die Argumentationslinie all derer,die praxisorientiertes Anwendungswissen für Schule (und Universität) fordern. Und die Logik, dass man alles, was man lernt, später mal zur Anwendung bringen können sollte, ist nonsens."Für wos brauch ich den Schaß?" ist die Frage eines Minderjährigen, Erwachsene sollten mehr Horizont haben. Darum ging es mir.

Querdenker62 melden

Das ist ja mal eine positive Nachricht: jetzt werden die Kinder in der Schule auf das Leben vorbereitet. Und da hilft ein gut formuliertes Bewerbungsschreiben mehr als ein auswendig gelerntes Gedicht. Bücher kann man in der Freizeit lesen, und zwar die die einem selbst gefallen und nicht dem Lehrer.

christian95 melden

Noch wichtiger ist, dass sie am Wahltag, wenn sie selber den deutschen Text nicht lesen können, sich bei der Ausfüllung der Wahlkarten "helfen" lassen. Dann haben zumindest einige Parteien einen Nutzen davon; auch wenn sie seit vielen Jahren Bildungsreformen verhindern.

Klaudschi13

"Der Fisch beginnt am Kopf zu stinken.", dieser Spruch passt zur österreichischen Bildungspolitik! Nach dem Religionsunterricht als Basis unserer Kultur wird nun der Literaturunterricht abgeschafft? Werden auch bald Musik- und Zeichenunterricht abgeschafft, um arbeitsmarktkonforme Äffchens zu züchten, die nur mehr Bilanzen, Gebrauchsanleitungen und Statistiken lesen können? Sind diese Bildungspoli

Multi-Kulti ist heute gefragt und nicht deutsche Literatur.

Oliver-Berg

Der Skandal ist nicht, dass in der AHS deutsche klassische Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts keine Rolle mehr im Deutschunterricht spielt. An den Gymnasien in Wien werden kaum mehr Rechts-schreibfehler negativ bewertet. Wichtiger sie die Ausdrucksfähigkeit. Alles ein Zugeständnis an die erhöhten Immigrationszahlen. Damit auch Immigrationskinder locker die Matura packen. Echt wahr.

Engelelfe

Genauso wie in Musik keine "Allgemeinbildung" mehr stattfindet. Meine Tochter in der 3. Klasse NMS weiß zwar wie man das hohe C schreibt, hat aber keine Ahnung wer die Beatles oder STS sind.
Genauso gehörte Literatur zu Deutschunterricht. Das Problem ist halt, wenn es nicht geprüft wird, wird es nicht unterreichtet. Was aber auch an der Verantwortung der Lehrer liegt.
Was spricht dagegen Literatur zu unterrichten, nur weil es nicht zur Prüfung kommt?
Das Militär-Schul-Konzept, welches wir derzeit in österreich haben, ist vollkommen überholt und wenn wir nicht wollen, dass wir irgendwann mal wie Nordkorea (keine Kreuze in den Klassenzimmer, Literaturverbot in Deutsch, Zensierung in anderen Gegenständen,....) sind, sollte jetzt was unternommen werden.

higgs70

ja,ja, der Segen der Zentralmatura, Gebrauchsthemen für Gebrauchsmenschen, vielleicht noch uniformierte Kleidung,
zensierte Lektüre und dem vorne ja nicht widersprechen oder gar diskutieren.Und Auswendiglernen im Akkord und ja keinen Schlenker auf Wissensgebiete die abseits liegen. Ja,so bildet man junge selbstständige Menschen heran. Hurra.
Aber was reg ich mich auf, es war ohnehin schon absehbar, man geht den Weg des geringsten Widerstandes, denn unser Ziel ist nicht mehr die größte Menge auf die höchstmöglichste Bildungsstufe zu bringen,sondern billigst das für die Wirtschaft notwendige Mindestniveau zu erreichen. Und auf dem Marsch zum kleinsten gemeinsamen Nenner ist in der Bildung offenbar das wichtigste, dass die Arbeitgeber wissen,dass sie überall dieselben Deppen kriegen.
Die Züchtigung von Parlamentariern mit der Gesamtausgabe von Wilhelm von Humboldt verbietet bedauerlicherweise das Strafgesetz.

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