Österreichs Pathologe: Autor Gerhard Roth im NEWS-Sommergespräch über neues Buch

Talk über Politik, die FPÖ und die Wirtschaftskrise Buch: Die Stadt - Entdeckungen im Inneren von Wien

Österreichs Pathologe: Autor Gerhard Roth im NEWS-Sommergespräch über neues Buch © Bild: NEWS/Vukovits

Pathologische Befunde aus dem Inneren eines kranken, hoch infektiösen Körpers: Das sind die Österreich-Diagnosen des großen Erzählers Gerhard Roth, 67. Sein Zyklus „Orkus“ begann 1995 mit der Endzeitvision „Der See“. Eine Passage, in welcher der medikamentensüchtige Protagonist an einem Attentat auf Jörg Haider scheitert, generierte einen parlamentarischen Tumult. Das am 12. August erscheinende Werk ist der siebente und letzte Band – unheimliche und skurrile Skizzen aus den Abgründen Österreichs, aus dem Naturhistorischen und dem Museum der Gerichtsmedizin, aus Grillparzers Hofkammerarchiv, vom Flüchtlingslager Traiskirchen und dem Zentralfriedhof. Band 6/2 wird 2011 nachgeholt: „Orkus“ wird dann die Bilanz, die große, subjektive Abrechnung des Dichters Gerhard Roth.

NEWS: Hat sich seit Ende der von Ihnen bekämpften schwarz-blauen Koalition etwas zum Besseren gewendet?
Roth: So weit man in der österreichischen Politik schaut, Mittelmaß. Aber kein Mittelmaß, das sich aus dem Querschnitt der Bevölkerung ergibt, sondern quasi die Elite des Mittelmaßes. Die Entwicklung dorthin hat sich in der Regierung Klima verstärkt und unter Schwarz-Blau ihren tiefen Höhepunkt erreicht. Unter Gusenbauer dann Stillstand und Blockade durch Schüssel. Ich war trotzdem erleichtert, dass das zu Ende ging. Das Von-oben-herab-Regieren, die misslungenen Reformen, der öde Provinzialismus, der durch Angeberei noch verstärkt wurde. Darüber hinaus hat Schüssel die FPÖ salonfähig gemacht … Jetzt hilfloses Warten mit Tritten unter der Tischplatte. Fortsetzung des Ausverkaufs. Eine Ausdünnung hat stattgefunden. Wer will nach den letzten zehn Jahren noch in die Politik?

NEWS: Geht man mit den von der FPÖ zugespitzten Themen jetzt sensibler um?
Roth: Sensibler? Sprechen wir von Politik, ein seltsames Wort für ein geistiges Vakuum. Es wird nicht reichen, die FPÖ wegen ihrer Themen nur mit Verachtung zu strafen oder mit ihr als möglichem Koalitionspartner zu spekulieren. Weshalb gibt es keinen Integrationsstaatssekretär? Weshalb wurde Graf wider besseren Wissens zum Dritten Nationalratspräsidenten gewählt? Wo blieb da das politische Gewissen? Einzig die Grünen haben sich dagegen ausgesprochen. Die FPÖ ist unter Schüssel nur scheinbar schwächer geworden. In Wirklichkeit hat der ehemalige Bundeskanzler sie normalisiert. Und die ÖVP ist auch bereit, Schwarz-Blau zu wiederholen. Bei der SPÖ überlegt man sich auch schon, welche Alternativen zur ÖVP möglich sind.

NEWS: Was droht zur Wiener Wahl?
Roth: Möglicherweise haben die Prozente der Stimmanteile von SPÖ und FPÖ beide vorn einen Dreier. Natürlich hängt das mit der Migrationspolitik zusammen. Man hat keine sachliche Kritik daran gefördert. Wenn sie geäußert wurde, hat man sie abgetan und mit rassistischen Vorurteilen in einen Topf geworfen. Es gibt nur die Positionen der FPÖ und der Grünen. Die SPÖ schweigt. Die Innenministerin klempnert herum. Integration ist weitgehend ein psychologisches Problem. Sie kann nur mit Akzeptanz durch die Bevölkerung geschehen. Aber man überlässt das Problem der FPÖ.

NEWS: Meinen Sie, dass Strache in der nächsten Wiener Stadtregierung sitzt?
Roth: Ich schließe aus, dass die SPÖ die FPÖ in die Regierung holt. Bei der ÖVP schließe ich das nicht mehr aus. Aber ich glaube nicht, dass die ÖVP inklusive FPÖ mehr als 50 Prozent erreicht.

( Heinz Sichrovsky, Susanne Zobl )

Gerhard Roth über Arbeitslosigkeit und Wirtschaftskrise - das ganze Interview lesen Sie in NEWS 32/09!