Österreichischer Film von

"Atmen" jetzt auf DVD

Auch Peter Payers Psycho-Roadmovie "Am Ende des Tages" ist da.

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    Szene aus "Atmen"

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    Szene aus "Atmen"

Preis um Preis, Lobesyhmne um Lobeshymne, und eine Festivaleinladung nach der anderen: Das Regiedebüt von Karl Markovics hat kräftig abgestaubt. Nun erscheint die DVD. Ebenso vom mysteriösen Psycho-Roadmovie "Am Ende des Tages von Peter Payer.

Zwischen der Sonderstrafanstalt für Jugendliche in Wiener Neustadt und der Bestattung Wien siedelt Markovics den größten Teil seines Films an, der jetzt auf DVD erscheint. Aber was mit dieser Locationwahl nach tristem Depri-Kino auf österreichische Art klingt, bewegt sich überraschend leichtfüßig und mit morbidem Witz gewürzt durch die winterliche Hauptstadt. Die Einstellungen von Kameramann Martin Gschlacht tun ihr Übriges, um die Identitätssuche des 19-jährigen Roman Kogler zu einem sehenswerten Filmerlebnis zu machen. Die Uraufführung in Cannes, der Hauptpreis in Sarajevo und weitere unzählige Festivaleinladungen haben also durchaus ihre Berechtigung.

Markovics hat mit dem jungen Thomas Schubert eine glückliche Hand beim Hauptdarsteller bewiesen. Schubert hat ein ausdrucksstarkes Gesicht, dem man trotz seiner wenigen Worte gerne zusieht, wie es Spur für Spur weicher wird und Roman neugieriger auf das Leben außerhalb der Gefängnismauern werden lässt. Die Probezeit bei der Bestattung erweist sich, trotz der Skepsis des eher semi-sympathischen Bewährungshelfers, für den jungen Mann als gute Wahl. Die Arbeit führt ihn - über den Zufall einer Leiche mit dem gleichen Nachnamen - zum ersten Schritt, die eigene Herkunft aktiv zu erkunden. Und sie bringt ihm Rudi (Georg Friedrich), den anfangs feindseligen Kollegen, als väterlichen Freund und Mentor in sein Leben.

Georg Friedrich hat indes auch eine der eindrucksvollsten Szenen im Film, wenn er eine gerade gestorbene alte Frau wäscht und anzieht und dabei zärtlicher und fürsorglicher zu Werke geht, als er es vielleicht je zuvor vor der Kamera sein durfte. Von diesen Szenen, die einem länger im Gedächtnis bleiben, hat "Atmen" aber ohnedies einige: etwa die immer wiederkehrenden Unterwasserbilder, wenn Roman im Pool untertaucht, während die Mitgefangenen am Beckenrand ihre Füße ins Wasser baumeln lassen, oder die Szenen am Südbahnhof, wenn die gelb gekachelte Wand mit dem Urlaubsplakat den idealen Kontrast zur emotionalen Situation der davor sitzenden Personen liefert.

"Die richtige Leich ..."
Markovics macht als Regisseur und Drehbuchautor keine Umschweife, erzählt geradlinig und schnörkellos, verlässt sich auf die Geschichte und seine Schauspieler (darunter Klaus Rott mit einigen schönen One-Linern). Der jazzig angehauchte Soundtrack lässt trotz der düsteren Umgebung ebenso keine wirkliche Tristesse aufkommen wie der schwarze Schmäh, der in angenehmen Portionen serviert wird. "Die richtige Leich im richtigen Sorg, zur richtigen Zeit am richtigen Ort", wird da etwa gereimt - und man kann sich vorstellen, dass dieser Humor dem gezeigten Milieu durchaus gerecht wird.

Am Ende des Tages
Ein spannender Thriller und ein elegant gestricktes Psycho-Roadmovie, das sich von Wien bis in die Tiroler Berge entspinnt: Regisseur Peter Payer hat den aufstrebenden Jungpolitiker Robert und dessen schwangere Frau Katharina in den Mittelpunkt einer mysteriösen Autoverfolgung quer durch Österreich gestellt. Als Jäger gesellt sich ein Jugendfreund Roberts dazu, der ganz offensichtlich nicht gewillt ist aufzugeben, bevor nicht die Frage nach dem einstigen Verbleib einer gewissen Manuela geklärt ist. "Am Ende des Tages", wie es im Titel lautet, werden alle mehr wissen.

Robert wird von Simon Schwarz verkörpert, der dem aalglatten Politiker alle Facetten des manipulativen Machtmenschen abzuringen imstande ist. Dass Robert auch über Leichen gehen würde, traut ihm nicht einmal seine von Anna Unterberger gespielte Gattin zu, die aus gutem Hause stammt und als Restauratorin arbeitet. Dennoch wird das Vertrauen bald auf die Probe gestellt und erschüttert, je mehr es Wolfgang, dem Jugendfreund, gelingt, den romantischen Ausflug zu stören. Nicholas Ofczarek wirkt in dem Film ein bisschen wie ein österreichischer Mickey Rourke, grobschlächtig, aber auch verletzlich.

"Die gefährlichsten Krankheiten sind die, die sich als Gesundheit tarnen", heißt es einmal, und man weiß als Zuschauer nie so genau, ob in dem Fall von Robert oder Wolfgang die Rede ist. Nach und nach treten Verwandlungen ein, optische beim Verfolger, psychische bei dem jungen Paar. Payer ("Ravioli", "Freigesprochen") thematisiert den Umgang mit Jugendsünden und Wahrheit, das Verhältnis zwischen Täter und Opfer. Und bei Robert wird die Nervosität deutlich, er beginnt Nägel zu beißen, verfällt in Floskeln, zuckt einmal - in einer denkwürdigen Szene - bei einem Telefoninterview mit dem "profil" völlig aus.

Vor dem Dreh wurde wochenlang geprobt, was dem Film nur gut getan hat. Die schauspielerischen Leistungen des Ensembles sind zur Gänze hervorragend, während die immer pittoresker werdende Landschaft die Innenwelt der Darsteller konterkariert. "Am Ende des Tages" geht es bei Payer um die großen Themen, um Schuld und Sühne, um die Grenzen der Liebe, um Moral und Gerechtigkeit. Das stört den Thrilleransatz nicht im geringsten, ist vielleicht aber ein Mitgrund dafür, dass das Ende vom Realistischen ein wenig ins Überzeichnete, Parabelhafte kippt. Nichtsdestotrotz ein sehenswerter Film.