Austro-Krieger von

Ein Österreicher im Antiterrorkrieg

Syrien, Raqa © Bild: APA/AFP/BULENT KILIC

Aus der Ferne konnte er das Grauen nicht mehr ertragen. Also packte ein Wiener Familienvater seine Sachen und zog selbst in den Kampf gegen den IS. Jetzt, da die Dschihadisten besiegt scheinen, erzählt der einzige heimische Antiterrorkrieger erstmals seine ganze Geschichte und warnt.

Es hat gerade einmal acht Grad, als ein Mann sich in seinen Schlafsack zwängt. Er liegt im Freien auf einem flachen Hausdach, die Front ist ein paar Kilometer entfernt. Drei, vielleicht vier Stunden Schlaf werden sich ausgehen. Und davor noch ein Telefonat in die Heimat. Christian B. ist 34 Jahre alt, gebürtiger Wiener, Vater zweier Söhne -und seit Juni dieses Jahres im Krieg. Er pendelt zwischen dem Irak und Syrien und damit durch Länder, die der gefährlichste Konflikt unserer Zeit in den Abgrund gerissen hat. Es ist ein Gebiet, das Christian B., bevor er herkam, fremd war, dem er sich weder familiär noch sonst irgendwie verbunden fühlte. Und trotzdem riskiert er hier sein Leben. Tag für Tag. Nacht für Nacht. Er sah Menschen sterben. So viele, dass er ihre Zahl nicht mehr nennen kann. Es waren Feinde wie Kameraden, die neben ihm ihr Leben ließen. Und ihn nicht davon abhielten, zu bleiben und mit der Kalaschnikow zu kämpfen.

Warum? In News erzählt Christian B. erstmals seine ganze Geschichte, die aus ihm, einem Bühnenarbeiter aus Wien, einen Soldaten gegen den Terror machte.

Wie alles begann

Es ist Frühsommer. Die Terrormiliz des Islamischen Staates (IS) bestimmt die Schlagzeilen. Jeder hat vom Grauen, für das die selbst ernannten Gotteskrieger sorgen, schon gehört oder gelesen. "Bei Freunden habe ich Videos gesehen, wo der IS Frauen und Kinder abschlachtete oder sie bei lebendigem Leib verbrannte", berichtet Christian B. davon, wie alles begann, "ich sah auch Szenen, in denen Frauen und selbst Kinder von ihnen zu Sexsklaven gemacht wurden. Ich wollte und konnte nicht mehr nur zusehen, wie sie Angst und Schrecken verbreiten. Also musste und wollte ich Taten setzen."

Christian B. grübelte ein paar Nächte über dem gefassten Entschluss. Er begann, im Internet zu recherchieren. Bald las er, dass die Terrormiliz weite Teile des Iraks und von Syrien kontrollierte und dort Millionen von Menschen in ihrer Geiselhaft hielt. Bis zu 60.000 Kämpfer standen unter Waffen. Aus der ganzen Welt waren Dschihadisten in spe aufgebrochen, um sich den Terrorkriegern anzuschließen. Das vom IS ausgerufene Kalifat glich einem Schreckensstaat, der zwei Sorten von Menschen besonders anzog: religiöse Eiferer, die glaubten, dort die reinste Form des Islam anzutreffen, verortet irgendwo zwischen Scharia und Jenseits, und kriminelle junge Migranten aus dem Westen. Sie folgten der Verlockung, im Kalifat nicht länger als Versager zu gelten, sondern zu Helden aufzusteigen, deren Untaten getilgt würden und die ein Rausch aus Sex und Gewalt bis ins vermeintliche Paradies brächte.

Ankunft an der Front

Je mehr Christian B. recherchierte, desto sicherer war er sich: "Nur zuschauen und sich fürchten geht nicht. Auch zu warten, bis der IS vor unserer Tür steht, genauso wenig." Handeln war gefragt. Er teilte seiner Lebensgefährtin und den Söhnen, acht und vierzehn Jahre alt, seinen Entschluss mit -und buchte seinen Flug in den Krieg.

Im Netz hatte er herausgefunden, dass die Kurden die Einzigen sind, die sich am Boden dem IS in den Weg stellen. Sie hatten ihre Stadt Kobane an der Grenze zur Türkei vor ihm verteidigt und den Terroristen seither Kilometer für Kilometer an Gebiet abgerungen. Mit ein paar Hosen und Leibchen sowie etwas Erfahrung als Grundwehrdiener beim Bundesheer im Gepäck tauchte Christian B. bei der kurdischen Miliz auf, die er noch von daheim kontaktiert hatte. Und fand sich bald an der Front wieder. Seine Einheit besteht aus sechzehn Männern, davon die Hälfte Ausländer, die wie er den Kurden helfen wollen, ihr Gebiet zu verteidigen und den IS zu verdrängen. "Wir haben zwei Spanier, einen Deutschen, zwei Amis, einen Briten, einen Franzosen und einen Australier", erzählt Christian B., den es bald an die vorderste Linie des Kampfes drängte.

Er sollte als Sanitäter helfen, Verwundete versorgen, Verletzte bergen, das Leid der Todgeweihten lindern. "Die ersten Einsätze waren schockierend, aber man lernt, damit zu leben. Es wird immer auf uns Sanis geschossen. Da gehört es dazu, selbst auch eine Waffe zu tragen und zu kämpfen. Wir sind aber auch dazu verpflichtet, dem Feind zu helfen und ihn zu versorgen, was am Anfang nicht leicht für mich war."

In der Hauptstadt des IS

Nach ersten Bewährungsproben im Irak wird Christian B. mit seiner Einheit im Spätsommer in die Nähe von Rakka verlegt. Die Stadt in der nordsyrischen Wüstensteppe, nahe dem Ufer des Euphrats gelegen, ist das Machtzentrum des Kalifats und die Kommandozentrale der Dschihadisten. Schon im Jahr 2013 war sie vom Regime erst an Aufständische und später an die Islamisten gefallen. Die hatten die Stadt zuvor schon unterwandert und ausspioniert, sodass es ihnen später ein Leichtes sein sollte, ihr Terrorregime zu errichten.

Christliche Kirchen und schiitische Schreine wurden in Brand gesetzt, Andersgläubige im Stadion der Stadt zum Konvertieren gezwungen oder exekutiert. Alkohol, Tabak und Musik waren fortan verboten. Frauen hatten sich komplett zu verhüllen und sich nur noch in männlicher Begleitung auf der Straße zu zeigen. Verstöße gegen die drakonischen Vorschriften wurden nach der Scharia mit öffentlichem Auspeitschen, Händeabhacken und dergleichen geahndet.

In Rakka liefen die Fäden des Terrornetzwerkes zusammen. In der Stadt residierten deren Führer wie auch die Abteilung für Medien und Auslandsoperationen. Es war der Ort, an dem die Propagandavideos entstanden, die bis zu 30.000 Kämpfer samt ihren Familien ins Kalifat lockten. Auch an die 300 in Österreich lebende Menschen sind laut Wissensstand des Innenministeriums zum IS aufgebrochen. Dessen Operationsabteilung plante von Rakka aus auch große Anschläge im Ausland, etwa jene in Paris oder Brüssel, steuerte die Attacken "einsamer Wölfe" und verwertete sie als Propaganda im Netz.

Als Christian B. mit seiner Einheit diese Stadt des Bösen erreichte, war sie schon zum Teil von den Demokratischen Kräften Syriens, die Kurden und Araber vereinen, eingekesselt. Zivilisten, die konnten, waren geflohen, viele wurden aber vom IS als menschliche Schutzschilde missbraucht. Denn die USA und ihre Alliierten bombardierten die Stadt seit Monaten aus der Luft. Im Schnitt fiel allein im August alle acht Minuten eine Bombe auf Rakka, wie die Plattform airwars.org aus offiziellen Daten errechnete. Und mittendrin ist Christian B., der Kämpfer aus Österreich. "Rakka war echt hart", erinnert er sich, "hauptsächlich Häuserkampf. Viele Bomben, Granaten, Raketen und Kugeln, die hin und her flogen. Anfangs waren wir im einstigen Haus eines Scharia-Polizisten untergebracht. Später ist es uns gelungen, eine Bombenfabrik des IS an uns zu reißen, und daher hatten wir viele Angriffe."

Der Endkampf

Es sind Tage und Nächte, in denen er kaum schläft. Zu acht verteidigen sie die vom IS eroberte Bombenfabrik. Sie wechseln einander als Scharfschützen und bei der Versorgung ab. Am Ende wird einer seiner Kameraden tot sein, drei weitere werden verletzt sein. "Die IS-Kämpfer sind Psychopathen, die den Tod lieben. Sie sind gefährlicher und gescheiter, als wir alle glauben." Christian B. und seine Truppe bewachen die Eingänge zum weitverzweigten Tunnelnetzwerk, welches der IS unter der Stadt angelegt hat. So soll verhindert werden, dass sich dessen Kämpfer absetzen und an anderer Stelle wie aus dem Nichts und mit einem Sprengstoffgürtel am Leib wieder auftauchen. "Irgendwann", so sagt Christan B., "lernst du, mit der Gefahr zu leben, und gewöhnst dich daran, mit einem Fuß im Grab zu stehen."

»Wir müssen mehr auf die Flüchtlinge achten. Wir fanden IS-Material, wonach viele seiner Kämpfer nach Europa gelangt sind«

Gelingt es ihm einmal, trotz schlechter Handy- und Internetverbindung, daheim anzurufen, sind dort alle erleichtert: "Anfangs haben sie geglaubt, ich sei verrückt, aber jetzt bin ich ein Held für sie." Und doch gerät auch Christian B. an seine Grenzen. Wochen vergehen, in denen sich die Schlinge um den IS in Rakka langsam zuzieht, aber das macht die Gefahr, die von den Terrorjüngern ausgeht, nur größer. In ihrer aberwitzigen Sehnsucht nach dem Paradies setzen sie alles daran, als Märtyrer zu sterben und dabei möglichst viele "Ungläubige" mit in den Tod zu reißen.

Warnung an Europa

Und so kommt es, dass Christian B. eine Entdeckung macht, die ihm noch lange zu denken gibt: In einem der vom IS eroberten Häuser, das er nach Minen durchsucht, geraten ihm auch Strategiepapiere der Terrormiliz in die Hände. "Wir müssen mehr auf die Flüchtlinge achten", sagt Christian B. daher. "Wir fanden Zeitschriften in verschiedensten Sprachen, darunter auch Deutsch, alles IS-Material. Darin war zu lesen, dass sehr viele Kämpfer in Europa 'einmarschiert' sind und wir uns auf was gefasst machen können."

In der Tat sehen Experten im Fall des Kalifats nicht nur Grund zur Freude, sondern auch Anlass zur Sorge. Denn selbst wenn mit dem Fall von Rakka am 17. Oktober der IS seine Hauptstadt verlor, ist er noch nicht erledigt. Gerade die aus dem Ausland rekrutierten Kämpfer der Terrormiliz könnten versuchen, in ihre Heimatländer zurückzukehren, um dort erneut aktiv zu werden.

Für Christian B. blieb der Tag, an dem die letzte Flagge des IS über Rakka fiel, für immer in Erinnerung. Im einstigen Krankenhaus der Stadt hatte sich ein Aufgebot der Dschihadisten verschanzt gehalten. Als kurdische Einheiten auch dieses Gebäude eroberten, endete nach fast vier Jahren die Zeit des Terrors in Rakka. "Wenn man dann die Gesichter der Menschen sieht, die man befreit und denen man geholfen hat, bereut man nichts. Immerhin kämpften wir gegen jene, vor denen sich die Menschheit fürchtet", sagt Christian B.

Der letzte Einsatz

Aus der Heimat ist ihm trotzdem schon zu Ohren gekommen, dass nicht alle dort sein Engagement so sehen. Immerhin ist es verboten, für ein anderes Land in den Krieg zu ziehen, und es drohen Strafen. "Trotzdem schrecken mich die Probleme, die mich zu Hause wahrscheinlich erwarten, nicht ab", sagt er, "ich bin kein Mörder oder Terrorist, ich kämpfe gegen diesen Abschaum." Auch sei er kein Söldner, der Geld für seine Tätigkeit nimmt, da er sich allein für Kost und Logis aufseiten der Kurden verdingt. "Es wäre daher traurig, wenn der heimische Verfassungsschutz die zurückgekehrten Terroristen nur beobachtet, mich aber einsperren würde."

»Ich liebe Österreich und freue mich auf mein Zuhause«

Christian B. ist kein Heißsporn, keiner, der kriegslüstern losgezogen wäre, um dem Alltag zu entkommen. "Ich liebe Österreich und freue mich auf mein Zuhause", sagt er, "es ist für mich wichtig gewesen, etwas zu tun und den Minderheiten zu helfen. Für meine Heimat und Mitmenschen würde ich das Gleiche machen."

Dem Wiener blieb trotz der Anspannung und all der Kämpfe auch Zeit zum Nachdenken. Über sich, die Welt und ihren Wahnsinn: "Die Menschheit muss endlich wieder aufwachen und mehr zusammenhalten. Nur gemeinsam haben wir eine Chance, das alles zu vermeiden. Wir sollten lernen, zusammenzuleben, egal ob rechts oder links. Wir sind alle Menschen. Dass wir nicht immer derselben Meinung sind, ist klar, aber wir müssen lernen, wie Geschwister zusammenzuleben und alles zu bereden, anstatt uns gegenseitig aufhetzen zu lassen. Dadurch geben wir Terrororganisationen nur Zündstoff."

Doch noch ist sein Einsatz nicht beendet. Die Flughäfen der Region sind allesamt gesperrt, und er selbst hat mit den Dschihadisten noch eine Rechnung offen. Im Tal des Euphrats, südlich der syrischen Stadt Deir ez-Zor, halten sich Reste des IS weiter verschanzt. Experten gehen von 6.000 Kämpfern aus, die diese Gegend weiter kontrollieren. Christian B. ist bereits auf dem Weg dorthin, wo der IS noch immer herrscht.