Österreich und Schweiz auf Kurs: EURO '08 liegt im Zeitplan vor letzter EM in Portugal

EURO-Chef Kallen: Public-Viewing statt Karten-Frust Schweiz: Diskussion um Kosten statt Euphoriewelle

Österreich und Schweiz auf Kurs: EURO '08 liegt im Zeitplan vor letzter EM in Portugal

Der Schweizer Martin Kallen (43), Geschäftsführer der EURO 2008 SA, arbeitet auf Hochtouren. Seine Zwischenbilanz ist positiv, mit seinen 80 Mitarbeitern liegt er im Zeitplan und viel weiter als vor vier Jahren vor der EURO 2004 in Portugal zum gleichen Zeitpunkt. Im Interview mit der Sportinformation (Si) sprach Kallen über die Kosten-Diskussion in der Schweiz, die touristischen Möglichkeiten für die Gastgeber, die Sicherheitsfrage und über den Ticketverkauf.

Herr Kallen, haben Sie schon einmal bedauert, dass die EM-Endrunde in der Schweiz stattfindet?

Kallen: "Bedauert habe ich das nie, aber ich weiß, worauf sie anspielen."

In der Schweiz hält sich die Begeisterung in Grenzen, dafür wird umso intensiver über die Kosten diskutiert.

Kallen: "Es ist in der Tat speziell, dass in der Öffentlichkeit derart heftig debattiert wird. Diskutiert wurde auch in Portugal über Geld und die Kosten, aber beim Volk waren diese Dinge nicht thematisiert worden. Aber ich kenne die Schweiz und bin daher nicht erstaunt. Vielmehr war die UEFA überrascht von dieser Schweizer Gewohnheit. Aber sie ist erklärbar; wir haben die direkte Demokratie und ein föderalistisches System. Da ist es verständlich, dass die Öffentlichkeit mitredet."

In Österreich hat man wohl den Kopf geschüttelt über die Schweiz?

Kallen: "Das Geld war in Österreich weniger ein Thema. Die Österreicher sind in finanziellen Fragen sicher galanter. Das Land ist zentralistischer, Wien entscheidet, die anderen gehorchen. Daher war es in Österreich weniger schwierig, einen Weg zu finden, um alle Leute und Parteien zu beglücken. Die Schweiz hat aber Österreich gerade wegen der vielen politischen Debatten, die wegen der Kosten ausgetragen wurden, auch helfen können. Diese Schweizer Eigenheit ... hat uns voran gebracht."

Heißt das, dass Sie und Ihre Mitarbeiter nun weiter sind als zum gleichen Zeitpunkt vor vier Jahren in Portugal?

Kallen: "Wir sind weiter, ja. Aber ich kann nicht bestätigen, dass dies nur dank der öffentlichen Debatte in der Schweiz über Geld und Kosten so ist."

Es ist sicher auch ein Vorteil, dass Sie als Schweizer bei politischen Instanzen einen guten Fürsprecher abgeben.

Kallen: "Nicht der Umstand, dass ich Schweizer bin ist entscheidend, sondern die Tatsache, dass ich Erfahrung habe mit solchen Dingen. In Portugal haben wir - wenn auch nicht öffentlich - auch harte Diskussionen gehabt mit den Bürgermeistern über die Kosten. Dies nützt mir jetzt. Die EURO ist stetig größer geworden. Und der unglaubliche Erfolg der WM in Deutschland hat die Erwartung nochmals erhöht. Es sind Aspekte zu beachten, die noch vor vier Jahren völlig ausgeklammert wurden oder nur Randthemen waren. Wie beispielsweise der Umweltschutz, die Host-City-Abläufe oder der Tourismus. Auch deshalb merke ich jetzt erstmals, dass es mit dem Budget (215 Mio. Franken/132,8 Mio. Euro) knapp wird. Wir haben die Qualität vor zwei Jahren im Businessplan nicht auf dem nun erwarteten Niveau abgeschlossen und die WM in Deutschland nicht berücksichtigt."

Man könnte sich denken, dass gerade in der Schweiz und in Österreich der Tourismus ein Selbstläufer ist ...

Kallen: "...dem man nachhelfen kann. Wir diskutieren beispielsweise über das Kombi-Ticket. Wir wollen, dass die Fans mit dem Matchbillett vom Wohnort mit den öffentlichen Verkehrsmitteln bis zum Stadion gelangen. In der Schweiz ergibt sich diese Möglichkeit, weil der
öffentliche Verkehr sehr gut ist. Die Schwierigkeit ist, wie man diese Idee in beide Länder bringt. Überhaupt gibt es einiges, das nicht ganz einfach zu verhandeln ist, weil die EURO 2008 in zwei Ländern stattfindet. Beispielsweise gibt es in der Schweiz keine Mehrwertsteuer auf Billette und auch sonst ist sie tiefer als in Österreich. Da muss man einen genauen Schlüssel für die Abrechnung haben."

Die nächste Wegmarke ist der Start des Ticketverkaufs am 1. März. Können Sie dazu etwas sagen?

Kallen: "Wir gehen davon aus, dass vor allem in der Schweiz und in Österreich die Nachfrage gleich zu Beginn sehr groß ist, weil das die einzigen Teams sind, von denen man weiß, wann sie wo spielen."

Wie viele Tickets gehen dann nach der Auslosung am 2. Dezember 2007 an die Verbände?

Kallen: "Je 20 Prozent der jeweiligen Stadion-Kapazität. Es gibt also nach der Auslosung im Dezember, dann, wenn die Paarungen feststehen, kaum noch Möglichkeiten im freien Verkauf zu Tickets zu kommen."

Durch die zentrale Lage der Schweiz und von Österreich ist zu erwarten, dass die Stadien voll sind und sich zudem Tausende ohne Tickets in den Städten aufhalten.

Kallen: "Dafür gibt es Public Viewing. Deutschland hat diesbezüglich neue Maßstäbe gesetzt und Erkenntnisse geliefert. Wir wissen, dass viele Leute kommen, nur um beim Event dabei zu sein. Die wollen nicht unbedingt ins Stadion, sondern wollen eine Party in der Stadt haben. Die Schweiz und Österreich haben so viele Nachbarländer, dass dies ein riesiges touristisches Potenzial ergibt. In einer Stunde ist man von München mit dem Zug in Salzburg."

Die Organisation und die Kompetenz für diese Fan-Feste liegen aber bei den Städten?

Kallen: "Wir von der EURO 2008 SA können beraten, aber kaum Leitplanken setzen. Die Host-City-Verträge beinhalten vor allem kommerzielle Dinge wie den Schutz der Sponsoren rund um die Stadien und in den offiziellen Fan-Parks. Die Sicherheitsaspekte dagegen betreffen allein die Städte."

Stichwort Sicherheit. Haben Sie dabei ein mulmiges Gefühl?

Kallen: "Ich sehe keine Probleme. Die Finanzierung in der Schweiz ist eigentlich geklärt. Die Städte werden von Bund und Kantonen entlastet, deshalb gab es in den städtischen Parlamenten weniger Diskussionen. Operativ läuft es in beiden Ländern. Sie haben sich intensiv mit Deutschen und Portugiesen ausgetauscht."

(apa/red)