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Österreichs Bussi-Cops

Die Polizei entdeckt Twitter für sich. Der Schmäh ist noch ausbaufähig

Polizei © Bild: Shutterstock.com/Maksim Kabakou

Die österreichische Exekutive entdeckt Twitter - um zu informieren, aber auch, um zu bespaßen. Doch gerade beim Schmäh hinkt sie den deutschen Kollegen hinterher.

Es sei eigentlich ganz einfach: "Ein Hund verkauft sich immer. Wenn du dann noch eine Lebensrettung dazu hast - großartig, besser geht's nicht." Der Satz kommt nicht, wie man vielleicht vermuten würde, aus dem Mund eines erfahrenen Boulevardblattmachers, der sein Geheimrezept für Titelbild und Schlagzeile verrät. Sondern von einem Polizisten. Und zwar dem witzigsten Digitalbeamten Österreichs.

Die Polizei hat mit den sozialen Medien ein neues Arbeitsfeld entdeckt. Die sichtbare Präsenz im öffentlichen Raum, die vielen Bürgern wichtig ist, weil sie das Gefühl vermittelt, dass die Polizei als Freund ansprechbar ist und als Helfer bereitsteht, weitet sich in die virtuelle Realität aus: auf Twitter, einem Kurznachrichtendienst, mit dem sich telegrammartig Nachrichten ins digitale Universum "zwitschern" lassen. Wie bei Facebook können die Botschaften bei Wohlgefallen mit Herzchen markiert werden. Das Ziel: bewusst offene Kommunikation, Aufklärung und Prävention. Die Exekutive will modern wirken. Oder ganz einfach ihr Image aufpolieren.

So aktiviert die Polizei seit Kurzem verstärkt ihre Twitter-Kanäle. Ober- und Niederösterreich, die Steiermark und Salzburg ploppten ins Web, Wien ist schon seit 2014 dabei. Während die einen Hundefotos und Späßchen verzwitschern, fühlen sich andere noch ein bisschen hilflos. Fast wirkt es gar, als hätten sie gerade erst das Internetkabel eingesteckt. Also muss ein Vergleich her - natürlich mit den Deutschen.

Denn die Twitter-Accounts der Berliner, Frankfurter und Münchener repräsentieren seit Jahren so etwas wie die Königsklasse des polizeilichen Internetschmähs. Sie haben Hunderttausende Follower, also Fans, und heimsen einen Bloggerpreis nach dem anderen ein. Ihre Tweets suggerieren Gutmütigkeit, Schmäh und Kumpelei. Das besondere Markenzeichen sind eigene Hashtag-Serien. So prägten die Berliner mit #24hPolizei einen Einsatzticker, in dem sich absurde Banalitäten neben ernste Fällen reihten. Otto Normalbürger konnte hautnah den Polizeialltag mitverfolgen. Unter #NoNotruf vertwitterten sie ein Kompendium an deplatzierten Anrufen. Die Münchener begleiten #Tatort-Sendungen und entlarven die kriminalistischen Fehlgriffe der fiktiven TV-Ermittler.

Zum Oktoberfest erfreuten sie ihre Gefolgschaft mit der #Wiesnwache, Tweets über randalierende Gäste, vollurinierte Polizeiautos und Partyhits. Vordergründig humorvoll, in Wahrheit aber Mittel zum Zweck: Man wollte die Terrorbedrohung "bewusst trivialisieren, um keine Panik zu schüren", sagt Polizeisprecher Marcus da Gloria Martins. Er erlangte internationale Bekanntheit beim Münchener Amoklauf im vergangenen Sommer. Damals lotste die Polizei die Besucher eines Einkaufszentrums, in dem geschossen wurde, via Twitter in Sicherheit und gab Orientierung für die Bevölkerung. Vor ein paar Tagen war da Gloria Martins zu Besuch im Innenministerium. Für einen Twitter-Workshop, Nachhilfe für die Österreicher.

Smiley-Fadesse

Die Wiener haben übrigens auch eine Hashtag-Serie: #Polizeiübt. Damit meinen sie zwar eigentlich nicht ihre Twitterperformance, aber es passt trotzdem. Hierzulande werden lediglich Pressemeldungen oder Fahndungsaufrufe vertwittert. Die Mutigen verwenden Smileys oder heizen den patriotischen Sporteifer an. So entpuppte sich der Polizei-Account aus der Steiermark als eingefleischter Marcel-Hirscher-Fan. Wirklich lässig wird nur aus einer Landespolizeidirektion getweetet - aus der oberösterreichischen.

Womit wir nun also wieder beim eingangs erwähnten Witze-Polizisten wären. Der heißt David Furtner und ist Leiter der Pressestelle in Linz: "Wir distanzieren uns ausdrücklich vom Wiener Schmäh - wir haben unseren eigenen." Und der besteht aus einer ausgeprägten Leidenschaft für die Musik-Band Wanda. Die "Zwitscherer", wie Furtner die Tweets nennt, enthalten auffallend häufig "Bussi Baby", Kussmund-Smileys oder "Amore". Das kommt gut an, sogar in Deutschland. "Unser Geheimrezept lautet: Scheiß' ma uns ned an, des moch ma afoch", sagt Furtner. Learning by Doing sozusagen. Fehlt nur noch eine Hashtag-Serie. "Wir warten sehnsüchtig auf einen Linz-'Tatort'." Twitter ist für Furtner aber auch ein Instrument zur Krisenkommunikation: "Die Follower in ruhigen Zeiten mit Witzen füttern, in Krisensituationen auf Ernst schalten, wie die Münchener beim Amoklauf."

Deutsche Verfassungsjuristen halten die Twitterei trotzdem teilweise für rechtswidrig. Problematisch seien insbesondere Tweets bei laufenden Demonstrationen. Auch in Wien ist die Twitter-Begleitung beim Protest zum Akademikerball Usus. Anlässlich des Blockupy-Aufmarsches hatte die Frankfurter Polizei nicht nur Fotos brennender Autos gezwitschert, sondern auch vom Schwarzen Block, versehen mit dem Kommentar: "Bei solchen Bildern braucht man keine Verpixelungssoftware." Das Problem: Vereinzelte Personen sind durchaus erkennbar gewesen -ein Verstoß gegen Persönlichkeitsrechte. Auch die Frage, wie kumpelhaft die Polizei auftreten darf, beschäftigt Experten. Dürfen die Follower auf Twitter geduzt werden? Oder stellt das eine Amtspflichtverletzung dar? Juristen zufolge könnten informelle Aufforderungen ("Was soll das? Lasst das!") zu Schadensersatzansprüchen führen.

Trotzdem: Twitter ist nicht das digitale Megafon des Einsatzleiters, sondern der PR-Abteilung. Das haben in Österreich noch nicht alle erkannt. Aus dem Burgenland heißt es: Twitter sei "in Planung", telefonische Auskünfte gebe es aber jederzeit. Auch in Tirol sei Twitter "im Aufbau", das werde aber "noch Monate" dauern. In Vorarlberg sei es aus personellen Gründen "nicht alltäglich einsetzbar".

Doch vielleicht gibt es noch einen bisher unauffällig schimmernden Hoffnungsstern am österreichischen Twitterhimmel: die Kärntner Polizei. Beim Workshop im Ministerium gab der eigens aus Klagenfurt angereiste Beamte schon einen kleinen Vorgeschmack: "Wir sind zwar ein sehr provinzielles Bundesland, aber auch wir werden nachziehen und Sie bald auf Twitter verwöhnen." Danke. Bussi.

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