ÖFB-Teamchef von

"Will Spieler geil auf Tore machen"

Interview: Marcel Koller übernimmt ab 1. November das Amt des ÖFB-Teamchefs

ÖFB-Teamchef - "Will Spieler geil auf Tore machen" © Bild: GEPA/Ort

Der neue Teamchef im ersten großen NEWS-Interview: Wie der 50-jährige Schweizer den Österreichern wieder Beine machen will. Glauben Sie, dass er das schafft?

Sind Sie überrascht von den heftigen Reaktionen auf Ihre Bestellung zum neuen österreichischen Teamchef?
Marcel Koller: Ich respektiere natürlich auch die Meinung anderer, aber ich will sie mit meiner Arbeit von meinen Ideen überzeugen. Ich werde meinen Weg gehen und bin überzeugt, dass ich mit der Nationalmannschaft und im österreichischen Fußball etwas bewegen kann. Sonst hätte ich diese Aufgabe erst gar nicht übernommen. Man wird es sowieso nie allen recht machen können.

Dieser Job ist doch ein Himmelfahrtskommando.
Koller: Ich habe mich kurz nach der ersten Kontaktaufnahme durch den ÖFB eingehend mit der Mannschaft beschäftigt und bin zu der ehrlichen Überzeugung gekommen, dass ich es mit sehr vielen talentierten jungen Spielern zu tun bekomme. Man kann aus dieser Mannschaft viel herausholen.

Was ist Ihnen eigentlich lieber, ein glückliches 1:0 oder ein berauschendes 4:4?
Koller: Ich will attraktiven und erfolgreichen Fußball spielen. Manchmal gibt es glückliche Siege. Besser als eine unglückliche Niederlage. Ich will jedes Spiel gewinnen, weiß aber, dass zum Fußball auch Niederlagen gehören. Es ist nur wichtig, dass man die richtigen Schlüsse für das nächste Spiel zieht.

Welche Erkenntnisse haben Sie aus den Spielen gegen Aserbaidschan und Kasachstan gezogen?
Koller: Ich bitte um Verständnis, aber das werde ich den Spielern persönlich mitteilen.

Verraten Sie uns zumindest, was Ihnen positiv aufgefallen ist?
Koller: Wie schon gesagt, diese Mannschaft ist talentiert, sie kann auch mit Leidenschaft spielen. Letzteres ist mir vor allem beim Heimspiel gegen Deutschland aufgefallen. Da waren sie 0:1 hinten durch ein Stolpertor und haben sich trotzdem nicht hängen lassen. Im Gegenteil: Es wurden mehrere hochkarätige Chancen her ausgespielt. Allerdings dürfen wir die in Zukunft nicht auslassen, wenn wir international einen Schritt nach vorn machen wollen. Diese Bälle müssen rein, um gegen einen haushohen Favoriten zu punkten. Da braucht es Verbissenheit, Aggressivität vor dem Tor. Ich will die Spieler geil auf das Toreschießen machen.

Fehlt dem Nationalteam nicht auch die Konstanz?
Koller: Wir müssen wieder mehr Spiele gewinnen, vor allem auch entscheidende Spiele. Das stärkt das Selbstvertrauen. Viele Dinge im Fußball spielen sich im Kopf ab, auch darauf werde ich ein besonderes Augenmerk legen. Ich möchte den Spielern vor allem meine persönliche Lebensphilosophie nahebringen, nämlich dranbleiben, dranbleiben, dranbleiben! So banal das klingt, aber jedes Match dauert 90 oder gar 95 Minuten. Vor dem Schlusspfiff dürfen wir uns nie aufgeben, bis dahin ist alles möglich.

Haben junge Spieler bei Ihnen die besseren Karten?
Koller: In letzter Konsequenz geht es immer nur um den Erfolg. Ich will als Trainer Erfolg haben, und ich denke, das wollen die Spieler und der ÖFB auch. Daher zählt nicht das Alter, sondern nur die Qualität. Wenn ich allerdings bei zwei gleichwertigen Spielern das Gefühl habe, dass beide der gestellten Aufgabe gewachsen sind, dann genießt
der jüngere bei mir einen gewissen Bonus. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass junge Spieler neue Ideen aufsaugen.

Gibt es ein Patentrezept im Umgang mit schwierigen Spielertypen?
Koller: Man sollte die Menschen so nehmen, wie sie sind. Wenn einer nicht so tickt, wie ich mir das vorstelle, dann versuche ich zunächst, viel mit ihm zu reden, ihn von meinen Vorstellungen zu überzeugen. Wenn ich allerdings merke, dass er gar keinen Bock auf die Nationalmannschaft hat und sie nur als persönliches Sprungbrett benutzt, dann werde ich ihn nicht mehr holen. Schlussendlich trage ich die alleinige Verantwortung. Wir wollen als Team erfolgreich sein, für Alleingänge ist da kein Platz. Wer nicht bereit ist, alles für die Mannschaft zu geben, und die taktischen Dinge, die ich vorgebe, nicht umsetzt, hat bei mir ganz schlechte Karten.

Spieler, die ackern

Wie viele Chancen bekommt einer?
Koller: Wenn ich die Wahl zwischen zwei Spielern habe, wo der eine in der Qualität vielleicht ein wenig besser ist als der andere, aber nicht das umsetzt, was ich vorgebe, dann entscheide ich mich für den mit etwas weniger Qualität. Ich will in meiner Mannschaft Spieler, die ackern, die sich auch für Dreckarbeit nicht zu schade sind. Über allem steht der gemeinsame Erfolg.

Ist Nationaltrainer eigentlich ein Fulltime-Job?
Koller: Mit Sicherheit. Obwohl ich mein Amt offiziell erst am 1. November antrete, bin ich schon jetzt praktisch rund um die Uhr unterwegs. Meistens sieht man ja nicht, was an diesem Job alles dranhängt. Meine Arbeit beschränkt sich nicht auf die sieben oder acht Länderspiele. Ich will mittendrin im österreichischen Fußball stehen, den Kontakt zu den Spielern und ihren Trainern so intensiv und persönlich wie möglich gestalten. Das funktioniert sicher nicht, wenn ich zuhause oder im Büro vorm Fernseher sitze und nur Däumchen drehe.

Wie lange geben Sie sich für Ihre Arbeit Zeit?
Koller: Wir haben bei den Vertragsverhandlungen darüber nachgedacht, ob wir das Projekt nicht für einen längeren Zeitraum anlegen sollten. Das, was wir uns vorgenommen haben, funktioniert sicher nicht von heute auf morgen. Letztlich war ich es, der für einen Zweijahresvertrag plädiert hat, denn das ist in meinen Augen die vernünftigste Lösung. Mein Ehrgeiz besteht darin, in den nächsten zwei Jahren zu beweisen, dass ich als Trainer etwas draufhabe und der Natio nalmannschaft entscheidend weiterhelfen kann. Eine Vertragsverlängerung ergibt sich dann von selbst.

Voll spannend! Marcel Koller schaut seinem zukünftigen Team beim EM-Qualifikationsspiel in Kasachstan auf die Beine. Nichts für schwache Nerven! Festhalten!

Lesen Sie das komplette Interview im aktuellen NEWS Nr. 42/11!